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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-28 · Heft 30 (28.6.1887) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 30 (28.6.1887)
Date
1887-06-28
Page
Seite 472 (sequence 8)
Language
German
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472 daß die Berliner Bewegung heute ein fragwürdiges und keineswegs erfreuliches Gesicht zeige. Den Grund für diese — wie das „Correspondenzblatt" glaubt, nur momentane — Erschlaffung sucht das Blatt darin, daß man der Partei „von einer Stelle, von der wir es am wenigsten vermuthen konnten, und von der wir es am wenigsten verdient zu haben glaubten", in den Rücken gefallen sei und ihr die ärgerlichsten Schwierigkeiten bereitet habe, nämlich von der officiösen Presse. Indessen Herr Stöcker ist nicht geneigt, sich so ohne weiteres „kaltstellen" zu lassen. Das Blatt versichert, daß die Ferienzeit der Partei dazu verhelfen solle, wieder „warm" zu werden. „Es ist Manches im Werke, in der Vorbereitung, worüber wir jetzt noch nicht öffentlich reden dürfen." Das Organ blickt deßhalb mit Zuversicht in die Zukunft und findet einen Trost für die geringen materiellen Erfolge der Partei in den überraschend großen Erfolgen, welche in idealer Hinsicht erzielt worden seien. — (Das kann Jeder sagen!!) Berlin, 17. Juli. Daß die englischen Juden durch eine Deputation dem Kronprinzen des deutschen Reiches ihre Anerkennung und ihren Dank für jene den Antisemitismus brandmarkenden Aeußerungen ausgesprochen, wurmt die Berliner Antisemiten gar sehr. Sie haben deßhalb in einer Versammlung am 15. d. M. folgende Ergebenheitsadresse an den Kronprinzen einstimmig angenommen: Tie am 15. Juli auf der Berliner Bockbrauerei tagende Versammlung erklärt hiermit ausdrücklich, daß die antisemitische Bewegung einen rein nationalen Charakter trägt. Die Behauptung der jüdischen Mitbürger, daß sie in ihrer Religion bekämpft werden, wie in den fortschrittlichen Zeitungen behauptet wird, beruht entweder auf Jrrthum oder bösartiger Erfindung. Ganz nach dem Vorbilde Friedrichs des Großen läßt der deutsche Antisemit Jeden nach seiner Fa^on selig werden, dagegen fordert er aber mit Recht, daß der Deutsche dem deutschen Charakter Rechnung trage, der sich durch deutsche Sittsamkeit, deutsche Treue, deutschen Fleiß und deutsche Rechtschaffenheit auszeichnet. Der Antisemit ist daher kein Religionshasser, wohl aber ein Verfechter seiner nationalen Rechte, er liebt sein Vaterland von ganzem Herzen und mit ihm über Alles seinen greisen Kaiser, sowie die deutschen Fürsten, die edelsten Vorbilder deutscher Männer. Die „Germania" findet die Adresse der jüdischen Corporationen Londons nicht taktvoll. Sie verwechselt eben die englische Atmosphäre mit der deutschen. In England sind solche Deputationen und Adressen Lebensgewohnheit, und die Unterlassung jener Deputationen an den Kronprinzen würde einen Mangel an Interesse und an Höflichkeit bezeichnet haben. In Deutschland ist dies anders, und es ist den deutschen Juden nicht eingefallen, sich deßhalb an den Kronprinzen zu wenden, so warm in ihrem Herzen auch der Dank dafür lebte. Dennoch bemerkt die Germania zu dieser AntisenMenadresse: „Hoffentlich wird die Uebersendung dieser Ad^sie noch hintertrieben, denn es ist doch anzunehmen, daß sich unter den Antisemiten auch Männer befinden, die das Ungehörige dieser Kundgebung eiusehen. Der Kronprinz soll einmal den Antisemitismus eine Schmach für Deutschland genannt haben, wie ziemlich glaubhaft nachgewiesen wurde^ Davon nehmen wir den berechtigten Kern der JudenfrageR die nun einmal thatsächlich existirt und ihrer Lösung harr^ aus. Der Rassenantisemitismus aber, der in der obig«n Adresse aus allen Ecken hervorguckt, das hetzerische Treimen dieses Antisemitismus bei den öffentlichen Wahlen unterl/egt entschieden jenem Verdikt, sie sind unsittlich und unchristlnch, und dafür will man nun beim Kronprinzen plaidiren dupch eine Ergebenheitsadresse, die sich noch obendrein eines ws^iig Passenden Tones gegenüber dem künftigen Träger der Mono befleißigt. Wahrlich, wer sich so benimmt, darf sich über das Treiben der liberal-jüdischen Presse nicht beklagen." Berlin, 20. Juli. (Privatmitth.) Nach der „Stat. Corr." bestanden 1885 in Preußen 396 Waisenanstalten, von denen 14 jüdische. Es ist dies ein schönes Zeugniß für die Juden, da nach dem numerischen Verhältniß nur 4 ans die Juden kämen, um so mehr, da diese jüdischen Weisenanstalten sämmtlich zu den 127 gehören, welche aus Privatmitteln — also ohne Staats- und städtische Mittel — erhalten werden. Cassel. Die „Elberfeld. Ztg." berichtet unter der Spitzmarke „Der Name „Böckel" eine strafbare Beleidigung" Folgendes: Der Handelsmann Zadok Rothschild aus Exdorf stand mit einem Bekannten aus der Dorfstraße, als der Ackermann Konrad Trier an den Beiden vorüberging und einen „guten Morgen" bot, worauf Rothschild entgegnete „Ei guten Morgen, Herr Bock, ich wollte sagen Herr Böckel — ach so, Du bist's ja, Konrad". Trier glaubte sich hierdurch verhöhnt und klagte; er war nämlich wenige Tage vorher in einer Antisemitenversammlung gewesen und, da er mit Rothschild verfeindet war, erblickte er in der Anrede eine beleidigende Anspielung auf seine Person. Das Schöffengericht erkannte auch gegen Rothschild auf eine 14tägige Gefänguißstrafe und auch die hiesige Strafkammer erachtete eine Beleidigung für feststehend, nur ermäßigte sie mit Rücksicht'auf den aufreizenden Charakter der damaligen Böckel'schen Hetze reien die Strafe auf eine Geldbuße von 30 Mk. (Seltsam! Das Gericht hat jedenfalls einen „animus injuriandi“ angenommen.) Posen, 15. Juli. (Privatmitth.) Ich weiß, daß wir Ihnen durch Zusendung von Berichten unserer wohlthätigen Anstalten und Vereine eine Befriedigung verschaffen, und so übersende ich Ihnen die jüngst erschienenen aus unserer Gemeinde. Die „Israelitische Krankenverpflegungs- und Beerdigungs-Gesellschaft" hat im Jahre 1886 eine Einnahme nvo

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