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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-28 · Heft 30 (28.6.1887) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 30 (28.6.1887)
Date
1887-06-28
Page
Seite 471 (sequence 7)
Language
German
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471 baren Actionen beseitigt. Der zerfallende Körper gehört dem elementaren Spiel der Natur an, und der Geist kann mit den Bedürfnissen und Gewohnheiten des irdischen Lebens nichts mehr zu schaffen haben. Mit einem Schlage war dadurch das ganze Treiben des egyptischen Begräbnißwesens beseitigt. Ebenso fand, nachdem die Leiche der Erde übergeben war, kein Todtencultus in irgend einer Weise statt. Die Hinterlassenen betrauerten in der nächsten Zeit nach dem Ableben ihre Verstorbenen, aber irgend gottesdienstliche Acte waren in keiner Weise vom Mosaismus vorgeschrieben. Noch mehr. Aus der zweiten Lehre floß, daß jede Annäherung an eine Leiche verunreinige, d. h. dem Betreffenden untersage, das Heiligthum zu betreten und vom Heiligen zu genießen, und deshalb eine Waschung seines Körpers und seiner Kleidung nothwendig mache. Diese Unreinheit sollte bei der Beschäftigung mit einem Todten sieben Tage währen und dann eine Reinigungsceremonie durch Besprengung von Wasser, das mit etwas Asche von der rothen Kuh versetzt war, erforderte.'' Somit war an sich die Beschäftigung mit einer Leiche mit gewissen Belästigungen verbunden. Den Priestern war sie aber strikte verboten, dem Hohenpriester ganz und gar, den Priestern mit Ausnahme der nächsten Blutverwandten (die sogar ausdrücklich angeführt werden, Mutter, Vater, Sohn, Tochter, Bruder und Schwester, letztere, wenn sie noch Jungfrau ist; 3. Buch Mos. 21, 1. Somit war dem israelitischen Priestern all' der egyptische Humbug bei der Beerdigung und mit den Todtenopfern und die Ausbeutung des Volkes völlig unmöglich gemacht. Die Einzelheiten über diese Unreinheit j durch die Berührung mit Leichen und die zur Reinigung vorzunehmende Ceremonie brauchen wir hier nicht auzuführen (siehe unser Bibelwerk, Bd. I, S. 767 ff.) Aber auch diese Reinigungsceremonie fand außerhalb des Tempels statt nnb wurde von keinem Priester, sondern von jedem beliebigen Mann vollzogen. — Wir haben nicht nöthig, unseren Lesern nun erst noch die Gegensätzlichkeit dieser mosaischen Lehrsätze und Verordnungen zu dem egyptischen Wesen auseinander zu setzen; sie leuchtet von selbst ein und wird dadurch unterstützt, daß immer wiederholt und nachdrücklich alle heidnischen Trauergebräuche, wie das Scheeren einer Glatze, Einschnitte in Gesicht und Brust u. s. w. untersagt werden! Auch hier ist diese Lehre mit der reinen Vernunft und den echten Gefühlen des Herzens übereinstimmend und besaß die Kraft, das israelitische Volk von abergläubischem und knechtischem Wesen fern zu halten, wie denn auch der Prophet Ezechiel nicht unterläßt, dieselben Vorschriften zu erneuern. Aber aus denselben Motiven ist es erklärlich, warum der Gesetzgeber davon Abstand nahm, einen Glaubenssatz über die Unsterblichkeitslehre aufzustellen. Daß dieselbe im Volke vorhanden war, versteht sich von selbst. Aber durch irgend eine bestimmte Formulirung des Unsterblichkeitsglaubens wurde bei einer reinen Fassung derselben dem Volke übergeben worden sein, was es auf seiner damaligen Entwickelungsstufe zu begreifen nicht befähigt gewesen, in irgend einer anderen Form aber nur wieder den Boden für phantastische Gebilde und Verirrungen abgegeben hätte. Der desfalsige Volksglaube wurde daher einfach der weiteren Entwickelung der Intelligenz übergeben, und diese Entfaltung des Geistes hat dann auch nicht getäuscht, wie uns viele Stellen der Psalmen, das Buch Hiob in seinem zweiten Theile und der Schluß Kohelets erweist. Jahrhunderte vor dem zweiten Falle Jerusalems war ein möglichst reiner Unsterblichkeitsglaube in dem Volke festgewurzelt, und es war gewiß ein wirksames Motiv, daß das Volk den Sadducäern j fremd blieb, da diese die Unsterblichkeit leugneten, weil sie nicht ausdrücklich ,in der Thorah verzeichnet stehe. Die Lehre von der Unsterblichkeit wurde vielmehr eine Grundveste des Judenthums; jedoch war durch den Mosaismus vorgebeugt, daß sie niemals zu jenen Auswüchsen des Volkswahns und der hierarchischen Macht wurde, wie sie nicht allein bei den alten Egyptern, sondern auch in anderen Religionen sich gellend machen. Deutschland. Berlin, 14. Juli. (Frkft. Ztg.) Während der Eine die Ferienzeit dazu benutzt, in Feld und Wald Einkehr zu halten, erscheint sie dem Andern geeignet zur stillen Einkehr bei sich selbst. Eine solche Einkehr-Betrachtung stellt auch das „Christlich-sociale Correspondenzblatt" an, das Organ der Stöcker'schen christlich-socialen Partei. Die Partei hat außer sonstigen Gründen auch einen historischen dazu; denn sie vollendet mit diesem Jahre ihr erstes Jahrzehnt. Erfreulich ist das Bild freilich nicht, welches die Partei jetzt nach zehn Jahren bietet. Das „Correspondenzblatt" giebt selbst zu, daß sich in letzter Zeit in den Reihen der Partei eine gewisse Mißstimmung und Lauheit, ja selbst Erschlaffung gezeigt hat; es gesteht, daß in den neun Jahren äußerlich und greifbar wenig genug erreicht worden sei; es konstatirt selbst,

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