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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-28 · Heft 30 (28.6.1887) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 30 (28.6.1887)
Date
1887-06-28
Page
Seite 470 (sequence 6)
Language
German
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470 das hölzerne Gestell bis zum Begräbnißplatze hin. Die beiden Schlitten in dem geöffneten jungfräulichen Grabe des Sennotmu hatten einst zu diesen Zwecken gedient und die vorhandenen Uebcrreste von Strickwerk geben den Beweis, daß sie von Zugthieren nach der „ewigen Wohnung" des Verstorbenen geschleift worden waren. Ihre Anwesenheit unter dem übrigen Hausrath, ebenso wie die gefundenen Blumen und geflochtenen Kränze, hat deßhalb nichts Auffallendes. Die Todtenopfer, Räucherungen und Wafferfprengungen bei Beisetzung der Mumie in ihrer letzten Ruhestelle, das Absingen vorgeschriebener Gebete und sonstige Gebräuche priestcrlicher Natur bildeten den Schluß der Bestattung, nach welcher sich die betheiligten Personen zurückzogen, um dem Priester zu gestatten, die Grabesthür zu schließen und seinen 'Siegel auf die aufgeklebte Siegelerde zu drücken. In der möblirten Stube, wenn es nicht vielleicht mehrere Gemächer waren, begann der Geist sein zweites Leben ganz nach menschlicher Weise. Er erhob sich auf seinem Leichenbette, nahm seinen Stuhl ein und unterhielt sich mit den übrigen Zimmergenossen, die vor ihm in das Jenseit hinüber gegangen waren. Er aß und trank mit ihnen, spielte Dame oder ein anderes Spielchen und nahm an den sonstigen Zerstreuungen eines vergnüglichen Daseins Theil. Gelüstete es ihn, seine Wohnung zu verlassen und der lebenden Welt einen Besuch abzustatten, so hinderte ihn weder Thür noch Schloß, seinen Vorsatz auszuführen. Unsichtbar huschte er zur Wohnung hinaus, wobei er jede beliebige Gestalt, selbst die eines Thieres oder einer Blume annehmen konnte, mischte sich in die Gesellschaft der Menschen auf der Oberwelt und war tückisch genug, denen, gegen welche er einen Groll hegte, durch seine Erscheinung oder durch seine Vorwürfe und Neckereien lästig zu werden. Noch ist eine beschriebene Papyrusrolle vorhanden, durch welche ein Eheherr seine ins Jenseit verpflanzte bessere Hälfte beschwört, ihm endlich einmal Ruhe zu lassen, nachdem sie ihn während ihrer Lebenszeit lange genug gequält habe. Ein abgesprengter, in zwei Hälften zerbrochener Stein von einem Meter Länge ruhte neben seinem Sarge, mit den schönsten Schriftzügcn bedeckt, welche den Anfang eines beliebten altegyptischen Romones enthalten. — So weit der Bericht, aus welchem wir Ausführliches entnommen haben, um dem Leser ein recht deutliches Bild von dem Begräbnißweseu der alten Egypter und den Vorstellungen zu machen, von welchen jenes gestaltet worden. Erhärtet wird dies Alles durch die zahlreichen, aus aufgebrochenen Grabkammern durch ganz Europa zerstreuten egyptischen Alterthümer, welche die Araber geraubt und den Europäern für schweres Geld verkauft haben. Daß hier keine wahren Kunstproducte, keine Beispiele des höchsten egypt. Kunstgewerbes Vorlagen, daß vielmehr das Allermeiste nur auf Schein berechnet war, hatten diejenigen, welche sich vom bloßen Enthusiasmus nicht verblenden lassen, längst erkannt. Aber noch schwerwiegender für die Wohlfahrt und Freiheit des Volkes war der von den Priestern mit allen Mitteln genährte Todtencultus, der die Nachkommen verpflichtete, jährlich reichliche Opfer für die Fortexistenz der Verstorbenen darzubringcn. Hierdurch erhielten die Priester ihre Herrschaft über das Volk und bereicherten sich dermaßen, daß die einzelnen Priester, namentlich die „Todtenpriester" sich nach einigen Jahren der Amtirung mit einem großen Vermögen zurückzuziehen pflegten. — Aus alle diesem geht aber hervor, daß bei den Egyptern die Anschauung vorherrschte, daß mit dem Tode eine Trennung von Seele und Körper garnicht vorgehe, daß vielmehr der verstorbene Mensch seine bisherige Existenz in gewohnter Weise fortsetze, jedoch nur in einer scheinbaren Art, da eben der Körper die wirklichen Bedürfnisse nicht mehr hatte. Von einer höheren Entwickelung des Geistes im jenseitigen Leben war keine Ahnung vorhanden, cs galt eben nur die Fortexistenz des Persönlichen Menschen. Diesen abergläubischen und für das Bolkswohl so verderblichen Ansichten und Sitte» trat nun der Mosaismus in Lehre und Gesetz entschieden entgegen. Sowohl die eben geschilderte Anschauung und die daraus entstandenen Verkehrtheiten, als auch die das Volk knechtende Priesterherrschaft sollten behindert werden, wenn man auch nach dem damaligen Bolksgeiste einer Priesterschaft nicht entbehren konnte. Principiell dienten hierzu zwei ganz entgegengesetzte Lehren, die der Mosaismus aufstellte und aufrecht erhielt. Die eine bestand in dem Dualismus der Menschennatur, in der Verbindung von Seele und Leib, die mit der Geburt eintritt und mit dem Tode sich auflöst. Durch die ganze h. Schrift geht diese Lehre, von der Schöpfung an, wo der Mensch aus Staub (irdischem Stoffe) geschaffen und mit „Odem Gottes" beseelt wird, und das Dogma verkündet wird: der Mensch ist im Ebenbilde Gottes, in der Aehnlichkeit Gottes geschaffen, bis zu dem Ausspruch Kohelet's: der Leib kehret zur Erde zurück, von der er genommen, der Geist kehret zu Gott zurück, der ihn gegeben. Die zweite Lehre besagt: Alles Todte, durch den Tod in Fäulniß, Gährung, Verwesung Uebergehende steht von sich selbst schon Gott als dem Quell des ewigen Lebens fern, noch mehr aber, indem es die Materialität in ihrer tiefsten Stufe, in ihrer Auflösung ist. Ist daher die Heiligung die höchste Bethätigung des freien moralischen Willens in Gott, so steht das Todte mit seinem Zustande der Verfallenheit und der Vernichtung aller Selbstbestimmung am extremsten der Heiligung gegenüber. Durch die erste Lehre war folgerichtig all das Unwesen mit dem Scheinleben des Menschen nach dem Tode und seinen leiblichen Bedürfnissen zur Fortsetzung des Daseins in schein-

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