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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-28 · Heft 30 (28.6.1887) · p. Seite 469

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 30 (28.6.1887)
Date
1887-06-28
Page
Seite 469 (sequence 5)
Language
German
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469 keine irdische Bequemlichkeit abginge, um sie nicht vor der Zeit dem zweiten Tode und der Bernichtung für alle Ewigkeit anheim fallen zu lassen. Für das Wohnhaus mußte zunächst gesorgt werden. Im Gegensätze zu dem leichten Bau aus getrockneten Nilschlammziegeln des gewöhnlichen Hauses der alten Egypter, mußte „das ewige Haus" auf höchst solide Weise hergestellt und gegen Zerstörung und Vernichtung, ebenso sehr aber auch gegen Einbruch und Raub geschützt werden. Daher der Ursprung der freistehenden Pyramiden und Grabhäuser (die sog. Mastabas), der Felsengräber und unterirdischen Gräberkammern in den künstlich gebohrten Kalksteinschachten, mit ihren Sälen, Gängen und verborgenen Kammern, mit ihren hermetischen Verschlüssen und äußeren SLeinverkleidungen zum Schutze gegen rohe Gewalt. Statuen und Statuetten des Verstorbenen im Innern der beschriebenen Räumlichkeiten, im höchsten Alterthume noch besonders in abgeschlossene Räumlichkeiten eingemauert, sollten die Gestalt des Tahingeschiedenen während seines Erdemvandels in möglichst treuen Zügen erhalten und dadurch dem steinernen Bilde die Befähigung verleihen, sich nach Wunsch vergeistigen zu lassen. Die innere Ausschmückung der Grabbauten mit farbenret<jjeit Gemälden nach der Natur, am gewöhnlichsten Szenen landwirthschaftlichen Genres: das Säen, Ernten, Dreschen des Getreides, der Fisch- und Vogelfang, die Jagd, das Kahren auf dem Nil, die Arbeiten des Handwerkers und des Künstlers, vom Zimmermann und Schuster an bis zum Bildhauer und Maler hin, sollten dem zweiten Menschen als Hintergrund für sein eingebildetes Leben im „ewigen Hause" dienen, und selbst die reichen Thierheerden mit ihren übertriebenen Zahlen darüber und die als Weiber dargestellten Ortschaften mit ihren erfundenen Namen ihm die Gelegenheit bieten, sich an dem Besitz von beweglichen und unbeweglichen Gütern in pietura nicht in natura zu erfreuen. Wunderlich genug verrathen die stets wiederkehrenden Gemälde mit ihrem nie fehlenden Anhang eines Kleider- und Parfümerie-Inventars den altegyptischen Glauben, daß selbst der bloße Anblick des schön geschriebenen Speisezettels dazu ausreiche, Hunger und Durst zu stillen, und den unsichtbaren 2eib zu salben und zu bekleiden. Man muß gestehen, daß die Geister in ihrem verschlossenen Hause ein ziemlich bescheidenes Dasein führten, aber es entsprach ja durchaus ihrem Wesen als solche, wenn sie sich statt in der realen, in der idealen gemalten Wirklichkeit befanden. Das rohe Holz wurde mit bunten Farben überzogen, um die Vorstellung kostbarer Stoffe und ausgelegter Arbeiten zu erwecken und wenn sich hier und da in den Grabkammern Damenspiele, Kinderpuppen, Bälle und sonstige ziemlich abgenutzte Gegenstände vorfinden, welche eigentlich für den Gebrauch der Lebenden bestimmt waren, so waren diese beim Tode eines Familienmitgliedes ebenso werthlos, daß die Hinterbliebenen durchaus nicht zögerten, dieselben in das Grab zu stellen, um den lieben dahingeschiedenen Kindern und Anverwandten eine kleine Freude in der möblirten Stube des Jenseits zu bereiten. Es ist daher ein Jrrthum, vorauszusetzen, daß ein in dieser Weise ausgestattetes Gemach im ewigen Hause für uns, die neugierigen Epigonen einer längst vergangenen Vorzeit, einen Schatz von Leistungen der ältesten Industrie enthalte. Selbst die bei den Königen und königlichen Verwandten gefundenen Gegenstände des Hausrathes sind roh gezimmerte und roh bemalte Nachahmungen von Luxusmöbeln des irdischeu Palastes und auf die beschriebene gemalte Täuschung berechnet. Finden sich hier und da Schuhe und Kleider oder Waffen und ein vollständiger Kriegswagen oder goldene Ringe und andere Schmucksachen vor, so darf man sicher sein, daß sie abgetragen und unbrauchbar sind oder daß die Liebe eines Angehörigen sie dem Todten mit in das Grab gegeben hatte, da dem Ueberlebenden nichts weniger am Herzen lag, als sich vom irdischen Nachlaß zu trennen. Ging man doch so weit, den Verstorbenen selbst eine Kücheneinrichtung en miniature mit in das Grab zu geben, wie sie niedlicher und vollständiger kaum in der Kinderstube unserer kleinen Mädchen gefunden werden dürfte. Der fromme Betrug liegt auf der Hand, aber man glaubte noch ein Uebriges gethan zu haben, indem man dem Geiste eine Küche vorheuchelte, um seine Sehnsucht nach den kulinarischen Genüssen durch den äußeren Schein zu befriedigen. Bei den Begräbnissen ging es feierlich genug her, und zeigen zahlreiche Abbildungen auf den Grabwänden und auf der bemalten und beschriebenen Papyrusrolle, welche der Mumie des Todten wie eine Art von Leichenpaß für das Jenseits beigelegt wurde, — je vornehmer urtb reicher der betreffende war, je länger war das sogenannte Todtenbuch, — die Anordnung des ganzen Zuges, die Masken und Embleme der Todtenpriester, die Anwesenheit von Klageweibern mit aufgelöstem Haare und die Folge der Personen, welche zum altegyptischen „pompe tunöbre“ erster Classe gehörten. Dienende Leute, welche die Möbel der Grabeinrichtung und die Hauptgegenstände der Küche auf ihren Köpfen tragen, fehlen gleichfalls nicht, und daß man, wie noch heutigen Tages, in den südlichen Theilen des Landes der modernen Egypter, gelegentlich Todtentänze „in langsam abgemessenem Schritte" zum Besten gab, auch darüber vergewissern uns bunt bemalte Grabwände. Den Mittelpunkt des ganzen Zuges bildete der Leichenwagen d. h. ein roh gezimmerter Holzschlitten, auf welchem sich die Mumie in ihrem Sarge, mit Blumen und Kränzen geschmückt, unter einem Katafalk in liegender Stellung befand. Statt der Pferde zogen großhörnige Kühe, gewöhnlich vier,

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