Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 30 (28.6.1887)
- Date
- 1887-06-28
- Page
- Seite 468 (sequence 4)
- Language
- German
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468 welchen der Mosaismus gegen den egyptischen Glauben und die egyptische Sitte aufstellte, und dadurch Aberglauben und Volksknechtung verhindern wollte. Diese von uns wiederholt vertheidigte Ansicht hat durch eine jüngste Ausgrabung einen so nachdrücklichen Erweis erhalten, daß wir uns nicht erwehren können, auf diesen an sich interessanten Gegenstand genauer einzugehen. Der officielle Museumsbericht über die Ausgrabungen im Jahre 1886, welcher in diesem Jahre in dem Bulletin des egyptischen Institutes veröffentlicht worden, enthält die Beschreibung des unerwarteten Fundes, welcher ein vollständiges unberührtes Grab zu Tage gefördert hat. Wir folgen der Darstellung, wie sie der damalige Museumsdirector, Herr Maspero, in dem erwähnten Werke geliefert hat. *) Am 31. Januar 1886 hatte Scheich Omar aus dem Dorfe Gurna, welcher im Aufträge der egyptischen Regierung die Ausgrabungen auf Kosten des Museums überwachte, das unverhoffte Glück, auf ein jungfräuliches Grab zu stoßen, dessen Eingang von alter Zeit her noch wohl verschlossen war. Ein viereckiger Schacht öffnete sich in dem einsamen Todtenthale. In einer Tiefe von etwa zwölf Fuß führte er in ein roh ausgeführtes unterirdisches Vorzimmer mit einer offenen Thür im Hintergründe. Durch dieselbe gelangte man auf einer in den Felsen gemeißelten, sanft abschüssigen Bahn zu einer verschlossenen Thüre. Sie war von Holz, mit Stuck überzogen und gelb bemalt. Die Bilder eines verstorbenen Egypters und seiner Gemahlin, buntfarbig ausgeführt, schmückten beide Seiten der Thür, an deren Riegel sich noch der deutliche erkennbare Abdruck des Siegels auf der Thonerde befand, mit welcher nach antiker Weise der Todtenpriester das Grab geschlossen hatte, um die Verstorbenen ihrer ewigen Ruhe zu übergeben. Man öffnete sie und betrat die eigentliche gewölbte Grabkammer, von etwa sechzehn Fuß Länge und sieben Fuß Breite. Decken und Wände waren mit den lebhaftesten Farben bemalt. Die Abbildungen und hieroglyphischen Texte, welche nach allen Richtungen hin das Gewölbe und die Wandseiten schmückten, berührten ihrem Inhalte nach das Leben des Menschen nach dem Tode. Der ehemalige Besitzer der Grabstätte, Namens Sennotmu, hatte während seines irdischen Daseins das Amt eines höheren Beamten im Gefolge verstorbener Könige in der Todtenstadt bekleidet. Die Grabkammer zeigte sich mit Särgen angefüllt. Der Zahl nach elf, waren sie aufeinander aufgestapelt. Acht davon gehörten erwachsenen Personen an, die übrigen Kindern, darunter zwei neugeborenen. Jeder zeichnete sich durch schöne Form und prachtvollen, rothen oder gelben Firniß aus, die Bemalungen und Inschriften außerdem durch die peinlichste Sorgfalt in der Ausführung. Die Mumien im Innern, nur mit einem Halsbande aus Glasperlen geschmückt, verriethen Präparate von geschickter Hand. Boten die Särge mit ihren einbalsamirten menschlichen Leibern nichts Ungewöhnliches durch ihre Anwesenheit in einem Grabzimmer dar, denn sie bildeten die natürliche Voraussetzung für den ersten glücklichen Finder eines Familiengrabes, so wirkte dagegen der Anblick der sonstigen Ausstattung des Raumes überraschend auf sämmttiche anwesende Europäer. Er ließ die innere Einrichtung eines altegyptischen Wohnzimmers bis in die geringfügigsten Einzelheiten hin erkennen. „Das Mobilar", so heißt es wörtlich in dem Berichte, „ist das merkwürdigste von der Welt und weil es das erste ist, welches Europäer seit länger als einem halben Jahrhundert noch an Ort und Stelle aufgefunden haben, ließ ich es mir angelegen sein, das möglichst vollständige Inventar davon aufzunehmen." Ich führe die Hauptstücke der Reihe nach auf: zwei Schlitten, ein Bett, ein Lehnstuhl, zwei vierbeinige Sessel, Schmuckkästchen, Schachteln, thönerne Trinkgefäße, geflochtene Körbe mit Brot und Eßwaaren darin, Blumenständer, eine Elle, ein Winkelmaaß, zwei Maurer-Setzwaagen mit dem Loth daran und der Anfang zu — einer Bibliothek. Man muß gestehell, daß die möblirte Grabstube sehr bescheiden ausgestattet war, besonders wenn man berücksichtigt, daß die Stühle und Schmuckkästchen statt kostbarer Ueberzüge und eingelegter Arbeiten in Elfenbein, Edelsteinen und Edelmetallen nur ganz gewöhnliches Holz erkennen ließen, auf welches die fehlenden Stoffe und Jnkrustirungen mit farbigem Pinsel nur aufgemalt waren. Man kann sich unmöglich vorstellen, daß der hohe Beamte Sennotmu und seine Gemahlin, deren Grabanlage und Mumien unverkennbar einen gewissen Wohlstand verrathen, ein so geschmackloses Möbelwerk besessen hatten, das nach ihrem Hinscheiden nach ihrem gemeinschaftlichen Grabe überführt worden wäre. Die roh möblirte Stube in der Unterwelt hatte einen anderen Sinn, der mit den Vorstellungen der alten Egypter von dem zukünftigen Dasein nach dem Tode in engstem Zusammenhang stand. Nach den Ansichten der ältesten Bewohner des Nilthales begann nach dem Tode des Menschen sein zweites Leben, wenig verschieden von dem irdischen und nur durch die Abgeschlossenheit des Raumes im Innern des Grabes beschränkt. Die Verstorbenen, so meinte man, hungerten und dürsteten, äßen und tränken, kleideten und schmückten sich, liebten und haßten, seien freudig bewegt oder in ärgerlicher Stimmung und nähmen an allen Arbeiten und Vergnügungen, wie in der irdischen Vergangenheit, so auch während ihres zweiten Daseins in der unbekannten Welt des Jenseits theil. Nun müsse man dafür sorgen, daß ihnen für dies zweite Leben 1) Vgl. „Boss. Ztg." vom 10. Juli.