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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-28 · Heft 30 (28.6.1887) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 30 (28.6.1887)
Date
1887-06-28
Page
Seite 467 (sequence 3)
Language
German
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467 dieser unmittelbaren Inspiration war aber eine besondere Geistesbeschaffenheit und Geistesstimmnng erforderlich; doch war dieser prophetische Geist unter Umständen übertragbar (4. Mos. 11, 25.), und konnte durch Musik und Gesang hervorgerufen werden, wie später auch die Prophetie in besonderen Prophetenschulen gelehrt und in den Jüngeren groß gezogen wurde. Es wäre zu wünschen, daß alle die hier angeführten Wege der Inspiration einmal vom rein psychologischen Standpunkte erörtert würden. — Aber mit der fortschreitenden Entwickelung und Ausbildung des Verstandes, der allmählich Phantasie und Gefühl sich unterordnete, schwand die Prophetie. Die Reihe der Propheten wurde als abgeschlossen angesehen; an die Stelle der Prophetie trat die Verarbeitung des Gesetzes nach bestimmten Regeln, an die Stelle der Propheten traten die Schriftgelehrten. Doch war hiermit der Zug nach Oben nur in andere Bahnen gelenkt: die Erkenntniß durch das eigene Nachdenken nach den logischen Gesetzen gewann die Oberhand, bis sie sich in der Religionsphilosophie ausgestaltete. In der Menge verblieb der Zug nach Oben zu allen Zeiten lebendig; das Bedürfniß nach religiöser Belehrung wurde allgemein und erlosch zu keiner Zeit; mehr oder weniger war man zu den schwersten Opfern, selbst zu Martyrien bereit. Die mit dem Menschengeiste erwachende Erkenntniß hatte zu ihrem nächsten Inhalt, wie uns die Erzählung vom Paradiese lehrt, das Bewußtsein des Guten und des Bösen. Mit dem ersten Erwachen dieses Bewußtseins wieder war das Schamgefühl (1. Mos. 2, 25. 3, 7.) und das Gewissen (3, 8. 4, 6. 13.) verbunden. Beide wurden die Wurzeln der ganzen ethischen Entwickelung. Das Bewußtsein des Guten und Bösen setzt die Befähigung und Neigung der Menschenseele zu beiden voraus, und in dem Laufe der Entwickelung ist es natürlich, daß zu Zeiten und in Personen die Neigung zum Bösen vorherrschend wird, weshalb es schon 1. Mos. 6, 5. heißt, daß „alles Bilden der Gedanken seines Herzens nur böse ist allzeit" und Jeremias erklärt (17, 9.): „des Menschen Herz voll Liste ist es, mehr denn Alles, und siech ist es, wer durchschaut es?" Dagegen „wandelte Noah mit sich vorher berufen, als eine durch Offenbarung ihm kund gewordene, also als eine Wahrheit darstellt, die der Mensch nicht durch sein Selbst, denn dies widerspricht ihr vielmehr, findet, sondern die von Oben stammt, an der aber um so weniger zu zweifeln. Diese Offenbarung kann aber in der sie begleitenden äußern Erscheinung ihrem Inhalte gemäß nur eine haarsträubende, schreckenerregende sein. Auf meisterhafte Weise schildert der Redner, wie zuerst ein Flüstern noch unverständlich, wie verstohlen, im Nachtgesichte zu ihm kam, wie es, in seinem Näherkommen, mit Schauer und Beben ihn ergriff, ein Geist herantrat, eine ihm unbekannte Gestalt, die zu ihm sprach im leisen, aber desto ergreifendern Säuseln. Je mehr dadurch der Dichter die Zuhörer erregt, und je objectiveren Anstrich der Ausspruch dadurch im Sinne des Redners erlangt: desto tiefer hat jener dennoch zugleich den Zweisel an der Wahrheit des Ganzen angedeutet, denn es ist doch nur ein Nachtgesicht, der Traum eines Einzelnen, diesem von unbekanntem Träger zugebracht." Gott" (1. Mos. 6, 9.), und Abraham wird aufgefordert, „vollkommen zu sein mit Gott". So wird der Zug nach Oben innerhalb der Erkenntniß zugleich der Zug nach ethischer Vervollkommnung, und gipfelt durch das Gesetz in der „Heiligung, wie Gott heilig ist". Diese Heiligung besteht in der Liebe zu Gott und Menschen, und bethätigt sich in der gewissenhaften Uebung des Rechts und in der reichen Uebung der Barmherzigkeit und Wohlthätigkeit. Denn, wie wir schon wiederholt auseinandergesetzt haben, im Mosaismus identi» ficiren sich Lehre und Leben, und deshalb ist ihm der Zug nach Oben ebenso wohl die Anbetung Gottes, die Erkenntniß Gottes und die thatsächliche Heiligung in Recht und Barmherzigkeit. Der Prophet faßt dies in den Worten zusammen (Jerem. 9, 23.): „Deß rühme sich, wer sich rühmen will: mich zu verstehen und zu erkennen, daß ich der Ewige bin, der Liebe übt, Recht und Gerechtigkeit auf Erden, daß ich an diesen Wohlgefallen habe, dies mein Wille ist." — Solche ist die Anschauung vom Menschenthum, vom Wesen der Menschenseele, welche der Mosaismus begründete, und auf solchem Grunde entwickelte diese Anschauung sich fort, brach sich Bahn durch die ganze civilisirte Welt im Occident und Orient und erfüllte die Menschenwelt durch alle folgenden Zeiten. Aber gerade hierin fand diese Anschauung die Vollausbildung des Menschenthums. Sie stützte sich von Beginn an auf die Einheit des Menschengeschlechtes, welche die Schrift auf ihren ersten und ihren letzten Seiten lehrt. Wurde dann auch diese Lehre an eine Nation gerichtet und gewissermaßen gebunden, so entfaltete sich doch nach und nach der Gedanke, daß diese Lehre für die ganze Menschheit bestimmt sei und in der Folge der Zeiten alle Menschenvölker erfassen und vereinigen werde, wie der Prophet sagt: „In jener Zeit wird der Ewige, wie er einzig ist, als einzig erkannt sein auf der ganzen Erde." Aeber die Vorstellungen vom Leben im Jenseits und die Todtenbestattung. Ueber die mythologischen Lehren der egyptischen Priester, von der Unsterblichkeit und dem Leben im Jenseits hat man lange Zeit, besonders nach den phantastischen Bildern auf den Mumienkasten, künstlich geordnete Vorstellungen verbreitet. Je mehr aber durch die neuesten Entdeckungen über die wirklichen Meinungen, wie sie sich praktisch geltend machten, helles Licht erlangt wird, desto mehr lösen sich jene fingirten Theorien aus — desto verständlicher und einsichtlicher werden die den Tod und die Behandlung der Todten betreffenden Vorschriften des mosaischen Gesetzes und dessen Stillschweigen über den Unsterblichkeitsglauben. Hierzu kommt, daß sich auch auf diesem Gebiete um so mehr der Gegensatz bekundet, so*

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