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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-28 · Heft 30 (28.6.1887) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 30 (28.6.1887)
Date
1887-06-28
Page
Seite 466 (sequence 2)
Language
German
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466 die ursprünglichen Begriffe vom Menschenthum klar erhalten, wie sie vom Mosaismus begründet wurden, durch alle Bücher der h. Schrift reichen, von Geschlecht zu Geschlecht sich übertrugen, durch die ganze civilisirte Welt drangen und bis auf den heutigen Tag ihre Geltung bewahrten, in den verschiedenen Epochen modificirt, dann aber immer wieder von Auswüchsen befreit wurden. Der Menschengeist kann von dreifacher Seite betrachtet werden, von der psychologischen , ethischen und ästhetischen. Die beiden letzteren wollen wir heute außer Acht lassen, soweit sie nicht mit der psychologischen Betrachtung unmittelbar verbunden sind. — Wir brauchen es kaum anzudeuten, daß die Grundlage dieser Anschauung auf dem Ausspruche beruht, der bei der Schöpfung des Menschen an die Spitze gestellt worden, daß der Mensch „im Ebenbilve Gottes, in der Gottähnlichkeit" geschaffen sei, und daß er hiermit an die Spitze aller Erdenwesen und zu deren Ueberwindung und Beherrschung bestimmt worden (1. Mos. 1, 26). Dieser Standpunkt wurde festgehalten, wie es im 8. Psalm heißt: wenn wir die großen Werke Gottes betrachten, „was ist der Mensch, daß du sein denkest, der Menschensohn, daß du sein achtest? Doch ließest du ihn der Göttlichkeit um wenig ermangeln, kröntest mit Ehre und Herrlichkeit ihn, setztest zum Herrn ihn über deine Werke, Alles legtest du unter seine Füße." Um dies zu vollführen, um nach und noch alle Wesen und Dinge der Erde, alle Elemente sich dienstbar zu machen und sein Forschen über alle, seinen Sinnen zugänglichen Weltkörper auszudehnen, dazu gehören Eigenschaften und Kräfte, wie sie kein anderes Erdengeschopf besitzt. Was ober dem Menschengeist am bedeutungsvollsten innewohnt, das ist der Zug nach Oben, nach Gott, dem freien Ideal der Vollendung. Dieser den Menschengeist beherrschende Zug bethätigt sich nach zwei Richtungen. Die eine besteht in dem Ringen, durch gottesdienstliche Akte sich der Gottheit zu nähern, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Auch hier Zwiefaches: die Darbringung von Opfern aus den Früchten seiner Arbeit, wie diese schon in der ersten Generation sich bethätigt (1. Mos. 4, 3) und sich bis zum mosaischen Opfercultus ausgestaltete mit einer durcharbeiteten Symbolik, deren Verständniß vor der allmählichen Entfaltung des Verstandes erblaßte. Neben dieser Richtung aber kam frühzeitig der Drang, durch das Wort zum Ausdruck seiner Gefühle zu gelangen. Schon in V. 26 wird uns berichtet: „Damals fing man an, den Namen des Ewigen anzurufen." Auch hier die allmähliche Entwickelung zum Sang, zum Psalm, in Wort und Musik, bis der Opfercultus verschwand und durch den Gebetcultus vollständig ersetzt ward. Aber dieser Zug nach Oben vollzog sich nicht minder innerlich, in dem Drange nach Erkenntniß Gottes, seines Willens, seiner Gebote für den Menschen. Dieser Drang nach Erkenntniß ist bereits in der Erzählung vom Paradiese als der Schwerpunkt für die ganze Geschichte der Menschheit allegorisch aufgestellt; ist doch der Baum der Erkenntniß auch der Baum des Lebens für den Menschen. Die unmittelbare Verbindung mit Gott ist ferner im Traume Jakob's symbolisirt: die Gedanken des Menschen steigen zu Gott auf und werden wiederum von Gott unmittelbar gestaltet (1. Mos. 28, 12). Dies ist der Weg göttlicher Offenbarung an den Menschen. Gewöhnlich wird diese von der Schrift einfach durch „Gott sprach, Gott redete" ausgedrückt, später bei den Propheten: „Es ward das Wort des Ewigen dem" u. s. w. Aber wir haben auch eine klassische Stelle in 4. Mos. 12, 6.: „Wenn Euch ein Prophet des Ewigen ist, in der Erscheinung thue ich mich ihm kund, im Traumbild rede ich mit ihm. Nicht so mein Diener Moses: von Mund zu Mund rede ich mit ihm, Sichtbarwerdung, doch nicht in Räthseln, Sinnbildlichung des Ewigen schaut er." Es werden hier verschiedene Wege göttlicher Mittheilung oder Einwirkung auf den Menschengeist angegeben: 1) ns~>D vorzugsweise eine nächtliche Vision, in der ohne eine Gestaltung Worte im Innern des Menschen vernommen werden, z. B. 1. Mos. 46, 2., 1. Sam. 3, 15. 2) o^n Traum. 3) “N'c eine Erscheinung, eine sichtbare, die entweder sich nicht ausspricht, sondern deren Sinn selbst gefunden sein will (mn'nv). Wie viele Visionen des Ezechiel, die auch so genannt werden, oder 'n n:icn, die eine Anschauung Gottes, die Eigenschaften und das Wesen Gottes in einer Versinnbildlichung bringt, wie 2. Mos. 3, 3. 24, 17. Endlich 4) bx rs, ct;b D'JD (2. Mos. 33, 11.) in klarer verständlicher Sprache vernehmbarer Töne. Was den Traum betrifft, als eine göttliche Verkündigung enthaltend, so haben wir Beispiele in der Geschichte Joseph's, wo ein solcher Traum von anderen Träumen unterschieden und als Ausnahme bezeichnet wird (1. Mos. 41, 28.). Aber auch eine dogmatische Verkündigung in der Gestalt eines Traumes findet sich im Buche Hiob, und wenn sie hier mehr poetische Form ist, so zeigt sich doch hierdurch, daß eine solche Meinung vorhanden war. Es heißt da (4, 12.): „Zu mir stahl sich ein Wort, ein Geflüster faßte mein Ohr davon, tief im Grübeln, aus Nachtgesichtern, wenn der Schlaf auf den Menschen fällt; Furcht ergriff mich und Zittern und durchschauerte all' mein Gebein; und ein Geist schritt mir vorüber — meines Leibes Haare sträubten sich — stand, ich kannte nicht sein Aussehen, eine Gestalt vor meinen Augen, Säuseln, dann eine Stimme hörte ich: Ist vor Gott ein Mensch gerecht, vor seinem Schöpfer rein ein Mann? Siehe, seinen Dienern traut er nicht, findet Jrrthum an seinen Engeln u. s. w."') — Zu 1) Zu diesen schönen Versen bemerken wir in unserm Coinmentar: „Die Lehre, die der Redner aussprechen will, ist so inhaltsschwer und zugleich so allumsassend, das; der Redner sie nicht als sein Eigenthum, sondern im Gegensatz zu der Erfahrung, auf die er

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