Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 30 (28.6.1887)
- Date
- 1887-06-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Hudcnthums. Ein m-artcWcs Organ fttt alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig WUppson in Bonn. GZepeöiLiorr: Leipzig, WoßpLah 17. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an Di. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang Leipzig, den 28. Juli 1887. Nr. 30. Iöbalt. Leitende Artikel: Das Menschenthnm. — Ueber die Vorstellungen vom Leben im Jenseits und die Todtenbestattung. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Cassel, Posen, München, Kaiserslautern, Aschaffenburg. — Oesterreich-Ungarn: Linz, Von der Donau. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg. — Rumänien: Bukarest. — Bulgarien: Samakoff. — Großbritannien: London. — Amerika: New-Aorl. — Bonn: Notizen.— Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Aus den Studienjahren 1829 bis 1832 in Berlin. Zeii'cnbe €Xzti&c(, Bonn, 24. Juli. Das Menschenthum. Je großartiger die Entdeckungen und Erfindungen sind, welche die gegenwärtige Zeit gebracht hat und bringt, je tiefer, umfassender und verzweigter die wissenschaftliche Forschung sich über alle Räume und Zeiten erstreckt, je mehr sich das Bereich unsres Wissens erweitert, je mehr alle Beziehungen, alle Bedürfnisse und deren Befriedigung bis zum Raffinement getrieben werden, je höher also die geistige Entwickelung des Menschen steigt — desto auffallender ist der Eifer, mit welchem von mehreren Seiten eine gewisse Erniedrigung und Herabsetzung des Menschen, gewissermaßen eine Verthierung desselben statt der früher versuchten Vergöttlichung betrieben wird und sich bei nicht wenigen Individuen bis zum Fanatismus anschwillt. Allerdings hat man die sog. Affentheorie, nämlich, daß der Mensch direct vom Affen abstamme, verlassen; es bleibt der Einwand exacter Naturforscher bestehen, daß sich noch keine Reste von Wesen, welche den Uebergang vom Affen zum Menschen bezeichnen, gefunden haben, also der wirkliche Beweis für jene Ueberzeugung ausgeblieben sei. Dafür aber geht man noch viel weiter zurück bis zu den untersten Lebewesen, bis zur — Urzelle. Freilich würde diese hypothetische organische Urzelle, aus welcher sich die unermeßliche Mannigfaltigkeit der Pflanzen und Thiere in allen ihren Ordnungen, Familien, Spectert und Individuen entwickeln sollte, und zwar im Gegensatz zu der Zusammensetzung der Stoffe in allen Arten der Gesteine — viel wunderbarer und unerklärlicher sein, als diesen Männern der Schöpfungsakt eines ewigen, allmächtigen und allweisen Gottes in Den verschiedenen Erdepochen nach den jeweiligen Existenzbedingungen erscheint. Andrerseits will man die seelischen Thätigkeiten als Akte gewisser Gehirnfasern oder Gehirnknoten ansehen und so dem Menschengeiste die Existenz absprechen. Daß die menschliche Seele in dem Nerven-, Cerebral- und Nückenmarrsystem ihre Organe hat, und mit denselben in inniger Wechselwirkung steht, das hat man er- und bekannt, seitdem die Function der Nerven gefunden worden, also seit Erasistratos im dritten Jahrhundert vor d. gew. Ztr. Aber wie z. B. zu einer Bewegung nicht die motorischen Nerven, die Muskeln und die Bänder genügen, sondern der freie Wille aus der Seele heraus, die Bewegung fördern und (eiten muß, wann sie beginnen, wohin sie gerichtet werden und wo sie aufhören soll — ein Wille, der sich frei jeden Augenblick ändern kann — so vollführt die Seele mit ihren eigenen Kräften ihre inneren, von der Außenwelt unabhängigen und abgeschlossenen Thätigkeiten und lebt eine besondere Existenz: allerdings in innigster Harmonie mit dem leiblichen Theile, und zwar, wie gesagt, vermittelst der Nerven. Auch wird jeder aufrichtige Naturforscher zugeben,! daß alle bisherigen Angaben über die lokalen Organe der j verschiedenen Seelenkräfte noch hypothetisch sind und den ver-! schiedenartigsten und entgegengesetztesten Ansichten unterliegen, j Gerade aber dieser Entwerthnng des Menschengeistes, j dieser Verleiblichung desselben gegenüber müssen wir uns 30