Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1887)
- Date
- 1887-07-21
- Page
- Seite 462 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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462 durch seinen Sohn doch nur als Mitregent ersetzte. Sonst blieb Alles in seinen! bisherigen Geleise, und selbst in Frankreich verstand es der schlaue Ludwig Philipp, die politischen Wogen zu beschwichtigen, und in die beiden bisherigen Strömungen zu bringen, die eine auf der Oberfläche möglichst zur Reaktion gerichtet, die andere unterirdisch, die zukünftige Umwälzung vorbereitend. Auch wir Studenten wurden politisch belebt, lasen eifrig die Zeitungen, deren neue, namentlich außerhalb Preußen entstanden und in Lesehallen zu finden waren, wobei es dann bald an Discussionen nicht fehlte. Für mich hatte das große Ereigniß nur einen interessanten Censurfall zur Folge, welchen ich zu erzählen nicht unterlassen will. Bei so vielen großen Weltbegebenheiten regte sich in mir die poetische Ader, welche die gütige Vorsehung mir verliehen. Ich verfaßte ein Gedicht von etwa einem Druckbogen Umfang zum Beginn des Jahres 1831 über die Ereignisse des Jahres, betitelt: „Der Sturm der Zeit." Natürlich wollte ich es gedruckt sehen. In meiner Naivetät sandte ich es der Redaction der preußischen Staatszeitung zu (vr. John); ich mußte lange auf Antwort warten, so daß das Neujahr darüber verfloß, und erhielt es dann mit einigen freundlichen Zeilen zurück. Jetzt entschloß ich mich, denn ein junger Dichter verbirgt nicht gern sein Licht unter dem Scheffel, es selbständig drucken zu lassen, und zwar sollte der Ertrag dem eben begründeten Krankenverein der Studenten der Universität Berlin zufallen. Ich begab mich deshalb zum Professor Gubitz, dem Vater der neueren deutschen Holzschneidekunst und Herausgebers des „Gesellschafters", der auch eine eigene Buchdruckerei besaß. Er nahm mich sehr freundlich auf, las das Gedicht durch und erbot sich, es kostenfrei an Satz, Druck und Papier herzustellen. Wer war glücklicher als ich! Jetzt galt es, das Imprimatur, d. h. die Druckerlaubniß der Censur zu beschaffen. Censor war der damals als humoristischer Dichter bekannte Langbein. Nach einigen Tagen berief er mich zu sich. Er war ein langer, schmächtiger Mann, schwarz gekleidet mit Gamaschen an den Beinen und thüringis chem Dialekt. Neben ihm thronte seine Gattin, ihm in ihrer äußeren Erscheinung sehr ähnlich. Sie begleitete unser Gespräch mit ihrem Interesse und gab ihrem Manne bei Gelegenheit durch Blicke ihrer grauen Augen ihre Willensmeinung zu erkennen. Diese letztere schien mir nicht ungünstig zu sein. „Ja, fing er an, Ihr Gedicht ist nicht so unschuldig, wie Sie cs glauben. Es sind da gefährliche Dinge berührt. Ich habe auch in meinem Leben Verse gemacht und weiß, wie leicht sie mißverstanden werden." Die Art, wie der Dichter von seinen Versen sprach, schien mir allzu bescheiden. Ich verwies ihn auf den hochpatriotischen Schluß meines Gedichtes, eine sinnige Ansprache an alle „Borussen." Nach langen Verhandlungen verlangte er von mir die Hinzufügung von Anmerkungen, in welchen angegeben werde: das ist so und so, darunter dies und dies zu verstehen. Ich fühlte wohl, daß ein so pathetisches Gedicht mit solchen Anmerkungen etwas ans Lächerliche streife. Aber was war zu thun? Ich machte die Anmerkungen und erhielt das Jmprematur. Im Hochgefühle des schwer errungenen Sieges brachte ich nun das Gedicht zu Prof. Gubitz, und dieser stattete es typographisch recht hübsch aus und versah es sogar mit einem Holzschnitt. Aber, aber ... als es nun in dem Jntelligenzblatte angezeigt werden sollte, untersagte eine andere Censurbehörde die Annoncirung, und eine polizeiliche Verordnung verbot allen Berliner Blättern, ein Inserat aufzunehmen, das nicht bereits im „Jntelligenzblatt" gestanden. Zugleich wurde auch die Anheftung der Anzeige an das „schwarze Brett" der Universität verhindert. Damit war der Todesschlaf für das hübsche Heftchen dekretirt. Ich gab mich natürlich nicht gleich gefangen. Es gab eine Obercensurbehörde, an welche man Beschwerden richten konnte. Mitglied derselben war der berühmte Historiker Friedrich von Raumer, damals in Berlin wegen seines Liberalismus gefeiert. Als mein Landsmann — er war der Sohn des Dessauer Kammerpräsidenten von Raumer — glaubte, ich ihn interessiren zu können. „Ja, sagte er zu mir, lieber Landsmann, ich stehe freilich im Adreßkalender als Mitglied der Obercensurbehörde aufgeführt, aber ich habe mich niemals darum gekümmert und bin auch niemals davon in Anspruch genommen worden. Da müssen Sie sich an meinen Vetter, den wirklichen Geheimrath Wilhelm von Ranmer, Excellenz, wenden, der ist Präsident jener Behörde." Meine Hoffnungen waren tief gesunken; dennoch richtetete ich eine Beschwerdeschrift an den genannten Herrn. Als ich persönlich mich ihm vorstellen wollte, war er niemals zu Hause, und auf Antwort könnte ich noch heute warten. Mein Gedicht war Makulatur und der Ruhmeskranz, den ich geträumt, war verschwunden. Jedenfalls giebt Obiges einen Einblick in die damaligen Verhältnisse. Bald darauf erregte ein anderes Ereigniß die Gemüther. Der Aufstand der Polen in den, dem Czaren unterworfenen Theilen des ehemaligen Polens. Man nahm Partei für die Polen, auch die studentischen Kreise waren davon bewegt. Biele in Berlin studirende Polen, meist aus dem Großherzogthum Posen, verließen heimlich die preußische Hauptstadt und kamen mit Hilfe der an den Grenzen ansässigen polnischen Gutsbesitzer nach'Polen, um in die Armeen einzutreten. Auch ein Freund von mir, der hoffnungsvolle einzige Sohn eines jüdischen Lehrers in Posen, entwich auf diese Weise und — fiel auf den Wällen von Wola. Zufällig hatte ich unter meinen Bekannten mehrere Polen. Einer derselben war vom „Hamburger Correspondenten" beauftragt, täglich Auszüge aus den Warschauer Blättern zu machen und sie ihm zuzusenden. Seine Wohnung wurde deßhalb