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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-07-21 · Heft 29 (21.7.1887) · p. Seite 457

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 29 (21.7.1887)
Date
1887-07-21
Page
Seite 457 (sequence 9)
Language
German
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457 lich ist, wie geklagt worden. Die hiesige Zeitung stellt nun noch folgende Betrachtung an: Bevor wir auf den Inhalt der in der Publication des Vereins für Socialpolitik mitgetheilten Berichte und Gutachten eingehen, sei uns eine Vorbemerkung gestattet. In der großen Mehrzahl dieser Berichte wird mit einer gewissen Ostentation hervorgehoben, daß die wucherischen Transactionen aller Art meistens von Angehörigen der jüdischen Confession betrieben wurden. Wenn auch durchaus nicht geleugnet werden soll, daß die jüdische Bevölkerung auch ihr Contingent zu den gewerbsmäßigen Wucherern stellt, so ist es doch entschieden zurückzuweisen, wenn — wie dies in einer Reihe der in Rede stehenden Berichte geschieht — der gewerbsmäßige Wucher mit dem Betrieb von Handelsgeschäften seitens der Israeliten identificirt wird. Der Ton sowohl wie die Art und Weise, in denen in vielen der genannten Publicationen — bei einzelnen fehlen sogar die ,Namen der Gewährsmänner — derartige Beschuldigungen gegen die israelitische Bevölkerung erhoben worden, wecken den Anschein, als ob viele der Berichterstatter die Tinge durch die antiseniitische Brille angesehen haben und mit allerlei Voreingenommenheiten an die Schilderung der betreffenden Verhältnisse herangetreten sind. Um so wohlthuender muß es berühren, daß einzelne der Berichterstatter sich diejenige Objectivität bewahrt haben, die bei der Lösung solcher Aufgaben, wie sie sich der Verein für Socialpolitik in seiner neuesten Publication gestellt hat, unbedingt nothwendig ist, um die wahre Gestalt der Dinge zur Darstellung zu bringen. So schreibt der Berichterstatter aus Baden, der durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Agrarfrage rühmlichst bekannte Ministerialrath Buchenberger: „Von einzelnen der von dem Verfasser befragten Gewährsmänner wird die Wucherfrage in unmittelbaren Zusammenhang mit confessionellen Verhältnissen gebracht und der gewerbsmäßige Wucher mit dem Betrieb von Handelsgeschäften israelitischer Geld- und Viehhändler gewissermaßen identificirt. Von Mittheilung der hierauf bezüglichen Aeußerungen ist Umgang genommen worden, weil man für Ausschreitungen Einzelner nicht eine ganze Religionsgemeinschaft verantwortlich machen darf, weil ferner der Trieb nach unrechtmäßigem Gelderwerb an die Eigenart der Stammesangehörigkeit und des Bekenntnisses keineswegs geknüpft ist und vielerlei Beispiele sich anführen lassen, daß auch Angehörige der christlichen Religion es unter Umständen nicht verschmähen, unerlaubte Gewinne einzuheimsen oder aus der Unerfahrenheit oder Nothlage ihrer Mitbürger unlautere Vortheile zu ziehen. In dieser Beziehung darf nicht unerwähnt bleiben, daß, wie mehrfach behauptet wird, angesehene Ortsbürger nicht selten mit gewohnheitsmäßigen Wucherern unter einer Decke zu stecken scheinen und insbesondere sich nicht entblöden, die Rolle sogenannter „Zutreiber" gegen angemessenen Entgelt zu übernehmen und daß den Wucherern ihr Gewerbe auch dadurch häufig sehr erleichtert wird, daß sie das zum Betrieb deffelben erforderliche Geld von den wohlhabenderen Landwirthen zur Verfügung gestellt erhalten, häufig auch bei den Geldanstalten der betreffenden Gegend, insbesondere auch bei den Vorschußcaffen, theilweise auch bei Sparcassen eines oft ungemessenen Credits sich erfreuen." — Aus dem diesrheinischen Bayern wird berichtet: „Mit solchen Wuchergeschäften befassen sich nicht nur die Juden, sondern auch die Christen verschiedener Berufsarten, als Commissionäre, Agenten, auch bloße Privatiers. Der letztere Stand rekrutirt sich leider zum Theil auch aus dem heruntergekommenen Bauernstand, indem Fälle namhaft zu machen sind, in welcher der Bauer, der sein Anwesen verkauft oder sogar bloß übergeben hat, in die benachbarte Stadt geht und von dort aus Geldgeschäfte auf dem Lande betreibt." In dem Berichte aus Thüringen heißt es: „Das israelitische Element, welches in Mittel- , und Ost-Thüringen fast gar nicht vorkommt, ist gerade in jener Bevölkerung ziemlich stark vertreten. Dabei muß aber hervorgehoben werden, daß man weit fehlgehen würde, alles, was dahin zählt, mit dem Wucherthum zu identificiren. Dem Handel liegen ja wohl alle ob, auch sind dabei fast alle verhältnißmäßig gut situicte Leute, doch der Handel im festen Local wickelt sich bei den meisten in durchaus unangefochtenen bürgerlichen und Handelsfirmen ab, ja viele zählen zu den bestgeachteten Bürgern." Posen, 10. Juli. (Privatmitth.) Das Hierselbst in der Breslauerstraße belegene Stock'sche Grundstück ist nebst dem dazu gehörigen in der Schützenstraße belegenen Bauplatz am 6. d. M. für den Betrag von 180,000 M. von Hrn. Moritz Rohr für das zu gründende jüdische Lehrer-Seminar angekauft worden. Oesterreich - Ungarn. Wien, 7. Juli. (Privatmitth.) Der Sommer ist in sein Recht getreten und Alles was „kreucht und fleugt" sucht das Häusermeer zu verlassen. Es herrscht daher Sommerruhe. Der Vorstand hat vorher eine Enquete zusammenberufen, in welcher eine Revision des Lehrplanes für den Religionsunterricht in den Volks- und Bürgerschulen besprochen wurde. Wenn seiner Zeit diesbezüglich Beschlüsse gefaßt sein werden, werde ich nicht ermangeln darüber zu berichten» für heute gebe ich die Schulstatistik. Im abgelaufenen Schuljahr 1886/87 wurde an 20 Volksschulen für Knaben und an 20 Volksschulen für Mädchen, darunter je 10 Sammelschulen von 23 Lehrern der israelitische Religionsunterricht ertheilt. Diese Schulen wurden von 3893 Knaben und 3962 Mädchen jüdischer Religion besucht, und zwar I. Bezirk 392 Knaben, 409 Mäd- 29

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