Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1887)
- Date
- 1887-07-21
- Page
- Seite 455 (sequence 7)
- Language
- German
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455 Bereinigten Staaten werden in den alljährlichen Prüfungen die Schülerinnen in einem weit größeren Zahlenvsrhältniß für die Hochschule.reif befunden als Schüler. Und so wächst allmählich die Zahl der Frauen mit Hochschulbildung weit über die Zahl solcher unter den Männern. Was nun vor 56 Jahren dem Bildungsstande des weiblichen Geschlechtes angemessen war, wäre es heute nicht mehr." Dies sind nun freilich amerikanische Zustände, während in der alten Welt noch heute die große Mehrzahl der Frauen an ernsten, wissenschaftlichen Gegenständen kein Gefallen, desto mehr an Romanen und Concerten hat. Wie dem auch sei, Herr Adler will jetzt seinen Plan ausführen und sendet uns das erste Heft von: mw, ru’xu. Ein religiöses Belehrungs- und Erbauungsbuch, dem Texte der fünf Bücher Moschehs folgend, verfaßt von Liebmann Adler, emeritirter Prediger der Gemeinde Anshe Maarab. Chicago, Jll. E. Rubovits & Co., 1887. Ob der Verfasser mit seiner jetzigen Arbeit bei den amerikanischen jüdischen Frauen einen besseren Erfolg, wie wir es von Herzen wünschen, haben werde, muß sich zeigen, da er von dem Absatz des ersten Heftes die Fortsetzung der Herausgabe abhängig macht. In diesem ersten behandelt er die Schöpfungsgeschichte, den ersten Bibelvers, den sogen. Sündenfall, das Schamgefühl, Kain und Abel, das Buch (vom Menschengeschlechte), Zaddik und Zaddik thomim. In der Behaudlungsweise weicht der Berf. allerdings von dem bei uns gewöhnlichen Gange ab, und es wird unsre Leser interessiren, dieselbe kennen zu lernen, weshalb wir den An, sang des Buches hier wiedergeben. Er lautet: „Der Jerusalemische Thargum übersetzt nwi2 mit Norm: — „Weisheit". In der That, schon in dem ersten Worte der heiligen Schrift liegt Weisheit, indem sie mit dem „Anfang" beginnt und ungesagt liegen läßt, was vor dem Anfänge war. Man hat aus den Trümmern von Ninive eine Bibliothek ausgegraben, eine Bibliothek von beschriebenen Steinplatten. Entziffert, fand man in derselben unter Anderm eine Schöpfungsgeschichte und eine Erzählung über eine Sintfluth, die in vielen Punkten mit den biblischen Erzählungen übereinstimmen. Diese Ninive'schen Urkunden mögen älter sein als die biblischen; die letztem überragen aber die erstem, wie die knappe Rede des bedachten Weisen den Redeschwall eines unbedachten, verworrenen Schwätzers. Wo die Bibel mit rwtra beginnt, mit dem „Anfang", da hat das Ninive'sche Document eine Menge von Sagen und Göttergeschichten, voll wilder Phantasie und unschöner Darstellung, die dem Anfang vorausgehen. Die Alten haben die Frage aufgestellt: Warum heißt es: ovfo« N13 . rvtWQ — „im Anfänge schuf Gott"? — warum nicht: nnwoa n-o — „Gott schuf im Anfänge"? Gott, das Subject, sollte an der Spitze stehen. Man hat die Frage verschiedener Antworten werth gehalten, und die griechischen Uebersetzer haben sich erlaubt, den Text in dem Sinne zu corrigiren. Allein auch in dieser Stellung der Wörter liegt Weisheit: die Bibel will dem Menschen eine Geschichte der Schöpfung seiner Erde geben, die er bewohnt; sie will von dem Anfang sprechen und nicht, wie das Ninive'sche Document, eine Geschichte der Gottheit, eine Theogonie bringen. Darum ist das Wort „im Anfang" mehr zu betonen als das Wort „Gott". Die Alten fragen ferner: Warum die Bibel mit einem 2 in nwo und nicht mit einem n beginnt, wie die zehn Gebote. Die Frage ist eben nicht sehr geistreich, allein die Antwort ist eine um so sinnigere: der Buchstabe 2 sei von allen Seiten geschlossen und nur von einer Seite offen; damit wäre angedeutet, man solle nicht forschen, — no no no na — man solle sich in seinem Denken nicht nach Oben über den Himmel versteigen, nicht nach Unten in die Hölle versenken» nicht in dem, was früher war, in der Vorzeit, verlieren und nicht über eine kommende Welt grübeln. Und so beginnt die Thora weder mit Philosophiren noch mit Phantasiren über das Wesen und die Natur der Gottheit, sondern mit Himmel und Erde. Das, was die Bibel spricht, findet zum Theil nicht allseitiges Lob. Aber man vergißt, daß ihre Weisheit nicht bloß in dem besteht, was sie spricht, sondern ebenso sehr, wenn nicht noch mehr, in dem, was sie nicht anrührt. Sie hat, streng genommen, Nichts von einer Theologie, keine Metaphysik, keine Mystik, keinen Himmel, keine Hölle, keine Engel, keine Wesen, die das Gegentheil der Engel bezeichnen, Nichts von einer andern Welt. Die Bibel zerfällt ihrenr Inhalte nach in: Naturgeschichte, itwo ntt'yo, Geschichte, Gesetz und Morallehren. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Dieser Vers bringt die Bibel in Einklang mit der fortgeschrittensten Wissenschaft. Wann war dieser Anfang? Darüber ist kein Aufschluß gegeben. Vielleicht vor Millionen, vielleicht vor einer unüberdenkbaren Reihe von Jahren. Wie hat die Erde sich gestaltet? durch Feuer? durch Wasser? oder durch Beide? Die Bibel läßt der Wissenschaft freie Bahn der Forschung und der Entscheidung; sie schweigt darüber. Die Alten stellen die Frage: Warum heißt es D'dbyi na und p«n rm Diese Wörtchen nw seien überflüssig; es wäre sprachlich ebenso richtig zu sprechen: n-o rpstwa piNi D'DB\ Und sie meinen, diese Wörtchen deuten an, daß der Himmel und was der Begriff Himmel umschließt, und die Erde mit Allem, was zu ihr gehört, schon am ersten Tage, d. h. vor unbestimmter Zeit, geschaffen worden sei, daß sich aber auf der Erde das Zugehörige erst Jedes zu seiner Zeit gezeigt habe. Die Schöpfung des Universums wäre somit mit dem