Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1887)
- Date
- 1887-07-21
- Page
- Seite 452 (sequence 4)
- Language
- German
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452 aber auch dem Manne, sich niemals von seinem Weibe oder seinen Kindern abhängig zu machen, sondern stets selbstständig zu bleiben. Auch über das Verhalten zu seinen Dienern spricht er, die in Thätigkeit erhalten werden müssen. Ganz besonders warnt er, sich Träumereien zu überlassen, welche das Herz mit leeren Hoffnungen erfüllen. Jedes Opfer auf dem Altar, jedes Fasten und Bußübung ist nichtig, wenn immer wieder gesündigt wird. Hier spricht Sirach vortrefflich über Gottesdienst, Opfergaben, Zehenten u. s. w., die, schon weil sie das Gesetz vorschreibt, und weil sie den Geist zur Höhe erheben, getreulich, aber mit ganzem Herzen dargebracht werden müssen. Aus der Hand und dem Munde des Gottesfürchtige» und Gerechten sind sie Gott wohlgefällig, und tragen zur Erhebung und Läuterung der Seele mächtig bei. — Ganz naturgemäß führt diese Betrachtung unfern frommen Denker zu neuem Gebete (36), das nach mehreren Seiten hin beachtenswerth ist, und in welchem er völlig ans dem Standpunkt der letzten Propheten steht. Er hält den nationalen Gedanken getreulich fest, er betet für das Heil Israels als des Trägers der Gotteserkenntniß und des Gesetzes, er fleht um die Wiedervereinigung aller Stämme, aber als Ziel schaut er, daß alle Völker den einzigen Gott erkennen und anbeten, daß durch die Verherrlichung Gottes an Israel seine Verherrlichung an der ganzen Menschheit erfolge! Man sieht auch hieraus, daß dieser Jdeenkreis, den am vollständigsten zunächst Jesaias II zur Aussprache gebracht, trotz des Rückzuges durch Esra und Nehemia, in Juda vor dem Falle Jerusalems ganz allgemein geworden. Das jüdische Volk hat also seine Befähigung, große, die ganze Menschheit umfassende Gedanken hervorzubringen und groß zu ziehen, hinlänglich erwiesen und stand in jener Zeit ganz allein mit diesen Gedanken, die also ein halbes Jahrtausend vor dem Christa T huine vorhanden waren und das jüdische Religionssystem beherrschten. — Nach diesem Ruhepunkte ergeht sich wieder Sirach in seinen Betrachtungen über alle Momente des wirklichen Lebens. Nicht einzelne Sentenzen sind es, die er vorträgt, sondern er behandelt seine Gegenstände in bald größeren, bald kürzeren Absätzen. Er betet „für alle Völker." „Wie du vor ihren Augen geheiligt wirst bei uns, also verherrliche dich vor unseren Augen an ihnen, daß sie dich erkennen, gleich wie wir erkannt haben, daß außer dir, Ewiger, kein anderer Gott ist." — Dann nimmt Sirach den Faden seiner Betrachtungen wieder auf, wobei wir eine gewisse Mannigfaltigkeit der Form, die er verwendet, nicht unbeachtet lassen wollen. Er spricht wieder über das Berhältniß zum Weibe und über die Freundschaft, ertheilt weise Vorschriften über das Rathgebeu und Rathnehmen, mit wem man nicht und mit wem man allerdings sich berathen solle. Wir wollen hier seineAeußerung (37, 28) hervorheben: „Die Lebenstage Jsrael's sind unzählig." So tief war schon damals das Bewußtsein der unbeschränkten Dauer in Israel gewurzelt, das seitdem über zwei Jahrtausende bekräftigt haben. Bemerkenswerth ist ein längerer Absatz über die Aerzte (38, 1 ff.) Er will den Arzt geehrt und belohnt wissen und man solle seine Dienste in jedem Erkrankungsfalle in Anspruch nehmen. Denn durch dessen Vermittelung sende Gott Heilung, und, sagt er, „Gott läßt Arzneien aus der Erde wachsen und der Vernünftige verschmäht sie nicht." Die Klage über einen Verstorbenen solle aufrichtig und tief sein, aber der Trost nicht zurückgewiesen werden, da dasselbe Loos auch uns bevorsteht. — Hieran schließen sich mehrere Abhandlungen: zunächst über den Beruf des Schriftgelehrten. Er kennt bereits eine bestimmte Klasse für diesen Beruf und leitet die Nothwendigkeit derselben daraus ab, daß alle anderen Thätigkeiten, namentlich das Handwerk und die Kunst, voran die Landwirthschaft, den ganzen Menschen in Anspruch nehmen. Er schildert hierbei den Bauer, Baumeister, Steinstecher, Schmied, den Töpfer. Den Beruf des Schriflgelehrten aber sieht er in dem Forschen über das Gesetz, über die Gedanken aller Alten und Weissagungen; „er merkt die Reden berühmter Männer und dringt in den Tiefsinn ihrer Sprüche." Er fügt hinzu: „Bei Fürsten dienet er und vor Regenten erscheint er; Länder fremder Völker durchreiste er, daß Gutes und Böses er unter den Menschen fand." Dennoch hängt es von Gott ab, wie weit er „mit dem Geiste der Einsicht erfüllt werde." Hieran reiht sich eine Aufforderung zum Lobe Gottes. Er weiß sehr wohl, daß dem Menschen aus den Gaben der Natur und aus dem Kampfe der Elemente vielfach Schaden ersteht, meint aber, daß diese nur göttliche Strafmittel für die Sünden und Sünder seien, denn „die Werke Gottes sind alle gut und schaffen zu ihrer Zeit Allen Nutzen, und Alles bewährt sich in seiner Zeit aufs Beste." — In Betrachtungen sich ergehend, bemißt der Spruchredner all' das Ungemach und schwere Joch, das auf den Schultern des Menschen vom Muttecleibe an lastet. Die seelische Anlage des Menschen, seine Leidenschaften, sein beständiges Hinschauen auf die Zukunft, das ihm so viele Enttäuschungen bereitet, tragen dazu bei, sein Loos zu erschweren, und von allem diesem ist Niemand befreit, vom Könige bis zum Bettler. Als beste Mittel hiergegen empfiehlt er die Wohlthätigkeit, die „wie ein gesegneter Lustgarten" ist, und die Genügsamkeit. Ausführlich läßt er sich über das aus, wovor der Mensch sich schämen und sich nicht schämen solle. Jetzt fügt er eine Lobrede Gottes aus der Natur hinzu und an diese das Lob der Vorfahren. Bleiben wir bei dem letzteren etwas stehen, da Sirach hier recht ausführlich wird. Nachdem er Gott dafür gepriesen, daß er in Israel so viele große Männer erstehen ließ, feiert er Henoch, den er weiterj hin für den größten Sterblichen erklärt, Noah, Abraham, Isaak und Jakob, letztere beide nur kurz, geht auf Moses