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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-07-21 · Heft 29 (21.7.1887) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 29 (21.7.1887)
Date
1887-07-21
Page
Seite 450 (sequence 2)
Language
German
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450 thum betreffenden Nachrichten zusammenflössen, um von da nach allen Ländern die Kenntniß der Ereignisse und Einrichtungen zu verbreiten, und für die ersteren Theilnahme, für die letzteren Nacheiferung zu wecken. Es liegt in der Natur des Menschengeistes, wie Kenntniß Theilnahme, Mitgefühl, Interesse weckt, so diese die Thatkraft, und daß, wo diese sich geltend macht, sie immer weitere Herzen und Kreise ergreift. Dies hat sich im schönsten Maße bewährt, und ist immer noch im Steigen begriffen. Daß jenes Mittel so wirksam war, geht schon aus dem Umstande hervor, daß die jüdische periodische Presse, wie sie in Deutschland erstanden, daselbst und bald auch in allen civilisirten Ländern Nachahmung fand, wodurch die von ihr berührten Kreise sich immer mehr erweiterten. Allein es wäre doch ein Jrrthum, wollte man diesem Mittel allein das erlangte Resultat zuschreiben. Hierzu trugen vielmehr zwei andere Factoren wesentlich bei. Seit 1830 wurde die politische und sociale Stellung der Juden ein Gegenstand allgemeiner Discussion, nicht bloß in der Literatur, sondern auch in allen Legislaturen. Hier galt es das Geschick nicht dieser oder jener Gemeinde, sondern aller Gemeinden eines Landes, und zugleich mußte es sich der Einsicht aufdrängen, daß das Vorangehen eines Landes auf die anderen Staaten einwirken müsse. Jedenfalls wurde durch den langen Kampf, welcher die Erlangung der Gleichberechtigung und die Ausführung der verfassungsmäßigen und gesetzgeberischen Bestimmungen begleitete, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der gemeinsamen Interessen hervorgerusen. Hier war es, wo sich die Gemeinden zu vereinigen Gelegenheit hatten, um zu petitioniren und zu protestiren, für ihre gemeinsamen Interessen gemeinschaftlich aufzutreten, und sich als eine Gesammtheit zu fühlen, genöthigt wurden. Ter anderere Faktor waren die Feindseligkeiten, welchen die Juden, in milderer Weise immerfort, von Zeit zu Zeit aber in heftigen Ausbrüchen ausgesetzt waren. Von dieser Seite her war es nicht allein das Mitgefühl, das in Anspruch genommen wurde, sondern die Behandlung als eines Ganzen, welchem sämmtliche Juden ohne Unterschied des Standes und der Bildung angehörten, was das Selbstgefühl und Selbstbewußtsein aller Juden anregen mußte. Es galt eine gemeinsame Abwehr, eine gemeinsame Zurückweisung verleumderischer Anklagen, eine gemeinsame Freude an den Auslassungen derer, welche der Gerechtigkeit und Menschenliebe ihr Recht widerfahren ließen, den Widerspruch, der in jeder Menschenbrust gegen einen ungerechten Angriff, gegen unverdienten Haß ersteht. Auf diese Weise rief die ungerechtfertigte Antipathie in den Herzen Vieler, ihrer Religion und Abstammung gleichgültig gestimmten Juden eine neue Sympathie hervor und beförderte absichtslos den Gemeinsinn, der, wie wir gezeigt haben, sich gegenwärtig überall bei den Juden äußert. Je mehr wir nun überzeugt sind, daß es eine dringende Nothwendigkeit ist, diesen Gemeinsinn unter den Bekennern des Judenthums zu nähren und daß sich aus ihm sehr wohlthätige Erfolge entwickeln werden, desto eher müssen wir noch einem dagegen erhobenen Einwande entgegentreten. Nicht bloß von Gegnern wird behauptet, daß dieses Interesse für jüdische Angelegenheiten dem Patriotismus und sogar dem Humanismus Abbruch thäte und deshalb verwerflich sei. Wir halten diesen Einwand aus zweifachen Gründen für völlig unzutreffend. Abgesehen davon, daß es eine bekannte Erfahrung ist, daß sich eine gemeinnützige Thätigkeit immer in einem kleineren Kreise nachdrücklicher bewährt, und daß überhaupt die Wohlthätigkeit durch religiöse Gründe besonders angefeuert wird — so nöthigen schon die Vorgänge in anderen confessionellen Kreisen die Juden, an die Unterstützung ihrer Veranstaltungen innerhalb ihres eigenen Kreises zu denken. Von der Kanzel, in der Literatur und in den Versammlungen der Katholiken und der Evangelischen, besonders auch von deren geistlichen Behörden, wird die thatkräftige Theilnahme ausschließlich für ihre Glaubensgenossen beansprucht, die Andersgläubigen ausgeschlossen. Wie sollte es nun seitens der Juden ein Vergehen an der Allgemeinheit sein, wenn sie die Bedürfnisse ihrer Glaubensgenossen in Betracht ziehen? Gleiches ist ja überall der Fall, und in der mohamedanischen Welt erst recht. In Persien z. B. werden die christlichen Kaufleute ebenso in den äußersten Winkel der Bazare verwiesen, die Christen von allen öffentlichen und wohlthätigen Anstalten ausgeschlossen, wie das erstere früher in der christlichen Welt hinsichtlich der Juden der Fall war, hinsichtlich der letzteren noch vielfach der Fall ist. So berichtet uns der jüngste Reisebeschreiber „aus dem Lande der Sonne", der bewährte Heinrich Brugsch. Aber unsere zweite Entgegnung trifft die Sache an sich. Es ist durchaus falsch, daß im Juden der Gemeinsinn für jüdische Angelegenheiten den Patriotismus und Humanismus schädigen solle. Zahlreiche factische Beispiele bezeugen das Gegentheil; wir erinnern z. B. an den eben verstorbenen Lionel Cohen, welcher für jüdische Wohlthätigkeitsanstalten äußerst thätig war, aber nicht minder für alle öffentlichen Anstalten und Vereine, so daß ihm hierfür die Bügerkrone auf den Sarg gelegt ward. Wir meinen vielmehr im Gegentheil, daß im Herzen des Menschen, wenn er sonst nicht einseitig geartet ist, die Flamme der Liebe ihre Kerzen für immer weitere Kreise anzündet, daß der Gemeinsinn für einen Theil der Menschen sich auch auf die anderen Theile ausdehnt, daß die Begeisterung für die Religion auch die für das Vaterland und die Menschheit entzündet. Dies ist in einer Zeit consequente Folge, wo eben der Blick der Menschen von Tag zu Tag sich immer mehr erweitert und über die ganze Oberfläche der Erde, wie und wo sie von Menschen bewohnt wird, sich ausdehnt. Da bleibt es in Nie-

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