Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1887)
- Date
- 1887-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Iudenthums. Cm WartciWer Organ fiir alles jüdische Interesse. Diese Zeituna erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. GspeöiLion: Leipzig, Woßpkirh 17. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 21. Juli 1887. Nr. 29. Jabelt. Leitende Artikel: Der Gemeinsinn. — Die Moral des Baches Jesua ben Sirach's. IV. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, München, Frankfurt a. M., Posen. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Graz. — Rußland: Petersburg, Warschau. — Rumänien: Bottuschan. — Norwegen: Bonn. — Asien: Bagdad.— Bonn: Notizen.— Berlin, Turek: Literarische Notizen. — Feuilleton: Aus den Studienjahren 1829 bis 1832 in Berlin. HL XtifonSe ClztUzcf, Bonn, 17. Juli. Der Gemeinsinn. Ms vor Kurzem die Nachricht sich verbreitete, daß in Duna-Szerdahely die Antisemiten 79 Häuser von Juden verbrannt hätten, um diese obdachlos und arm zu machen, sandten wohlthätige Glaubensgenossen von Brüssel und Paris sofort bedeutende Summen dahin, um den Betroffenen Hilfe zu schaffen. Während des gegenwärtigen Aufenthaltes des deutschen Kronprinzen und der Kronprinzessin in London begab sich eine Deputation englischer Juden zu diesen erlauchten Persönlichkeiten, um ihnen den Dank für die Zurückweisung zu sagen, welche sie dem Berliner Antisemitismus hatten widerfahren lassen. An den Ufern der Newa schlugen die Herzen unserer Glaubensbrüder freudig auf, als es bekannt wurde, daß der Präsident der nordamerikanischen Union einen Juden zum Gesandten bei der Hohen Pforte ernannt und der Senat diese Wahl gutgeheißen habe. Wir haben diese Beispiele aus den jüngsten Tagen herangezogen und könnten sie durch viele andere ergänzen, um darauf hinzuweisen, wie sehr sich in den letzten Jahrzehenden der Gemeinsinn unter den weit zerstreuten Bekenner» des Judenthums gestärkt habe. Nun, wir bekennen gern, daß dies eines unserer Ideale seit unserer Jugend gewesen ist! Nicht irgend eine Organisation — eine solche ist innerhalb des Judenthums garnicht möglich, sondern vielmehr ein gewisses organisches Gefühl herzustellen, welches das, was irgend einen noch so entlegenen Theil des Ganzen betrifft, sei es Freude, sei es Leid, in allen Theilen gefühlt wird und zu einer thatkräftigen Abhilfe antreibt, das ist es, was wir schon damals als ein höchstes Bedürfniß für unsere Glaubensgenossenschaft in ideeller und materieller Beziehung erachteten. An diesem Gemeinsinn, so weit er sich über das Weichbild einer Gemeinde zu erstrecken hätte, mangelte es durchaus. Zunächst fehlte es in früheren Zeiten an der dazu nöthigen Verbindung zwischen den Gemeinden, da es überhaupt noch an Communicationsmitteln und an der Gewohnheit mit einander zu commnniziren mangelte. Höchstens wurde die Verbindung entlegener Gemeinden durch die Correspondenz der Rabbiner in streitigen halachischen Fragen vermittelt. Und da.... hatte jeder einzelne Jude und jede einzelne Gemeinde in jenen finsteren Zeiten so viel mit sich selbst zu schaffen und für die eigene Existenz zu sorgen, daß sie für andere Glaubensgenossen nur eintreten konnten, wenn sie als Flüchtlinge zu ihnen kamen. Der Gemeinsinn beschränkte sich also immer nur auf die Ortsgemeinde und dies währte so fort, auch als eine größere Sicherheit und Ruhe für die Ghetti eingetreten. Im ersten Viertel des Jahrhunderts wurde es noch schlimmer. Es kam statt der centripetalen eine centrifugale Tendenz bei den Juden auf. Gerade die gebildeten Kreise schämten sich ihres Judenthums und suchten dasselbe vergessen zu machen. So konnte es nicht bleiben, sollte das Judenthum nicht in seinem ganzen Bestände gefährdet werden. Als das erste Gegenmittel mußte erscheinen: eine regelmäßige Zeitpresse zu schaffen, in welche die Berichte über alle, Juden und Juden- 3»