Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1887)
- Date
- 1887-07-14
- Page
- Seite 444 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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444 Frankreich. Paris, 3. Juli. Die Deputirtenkainmer hat den Artikel des neuen Militärgesetzes angenommen, welcher die Wehrpflicht zu 3 Jahren Militärdienst auch auf die Seminaristen ausdehnt. Infolge dieses Gesetzes werden auch die Zöglinge des Pariser Rabbiner-Seminars dem Militärdienst unterzogen. — Auch die französische Militärgerichtsbarkeit zeitigt, gclind gesagt, sehr sonderbare Früchte. In der Stadt Aumale (Algerien) haben zwei Corporäle und zwei Soldaten einen jungen Israeliten getödtet, mit dem sie in Streit gerathcn. Das Kriegsgericht von Algier hat nun in seiner Sitzung vom 17. Juni die Mörder frei gesprochen, weil, wie sie behaupteten, der Israelit sie provocirt habe. Vorausgesetzt, daß letzteres erwiesen sei, was sehr stark bezweifelt wird, so ist es doch für einen Mord ein Grund zur Straflosigkeit, wie ihn so leicht kein anderes Gericht annehmen wird. Großbritannien. Bonn, 1. Jul. (Privatmitth.) Da die A. Z. d. Jud. ein möglichst vollständiges Bild der Zustände unserer Glaubensgenossen und ihrer Richtungen in der Gegenwart liefern soll, so möchte auch wohl das Folgende nicht fehlen dürfen. Bor Kurzen! erschien eine sehr interessante Schrift: „Der Anarchismus und seine Träger." Enthüllungen aus dem Lager der Anarchisten (Berlin, Neufeld und Meering, 1887.) In dem Abschnitt „Die englischen und russischen Anarchisten Londons" liest man Folgendes: Diese Anarchisten bilden vier Clubs. Der vierte domizilirt in Berner Street. „Derselbe zeichnet sich durch eine besonders starke Mitgliederzahl aus, obgleich diese lange nicht so groß ist, wie der im vorigen Jahre von der Central News veröffentlichte und, wie behauptet lvird, von Dove verfaßte Artikel über die revolutionären Clubs Londons angiebt. Dort wird die Zahl der Mitglieder auf 300 geschätzt, es dürften deren höchstens 100—150 sein, von denen kaum 40—50 ständige Besucher sind. Eigenthümlicher Weise sind die Mitglieder dieses Clubs fast ohne Ausnahme Juden; die Anarchisten reden daher oft nur vom Judenclub." Der Grund dieser ausfallenden Erscheinung mag der sein, daß der Hauptbestandtheil des russischen und polnischen Proletariats im Ostend Londons aus eingewanderten Juden besteht, die sich hierher gewandt haben, um der Militärpflicht zu entgehen oder in der Hoffnung, hier bessere Geschäfte zu machen. Manche von ihnen mögen schon in der Heimat, in Rußland, Polen und Galizien, nihilistischen Anschauungen gehuldigt haben, der größte Theil aber ist gewiß erst in London für den Anarchismus gewonnen. Der jüdische Nihilistenclub nimmt unter den Londoner Revolutionären eine etwas vereinzelte Stellung ein und steht eigentlich nur mit | dem kaum zehn Minuten entfernten „Club zur Morgenröthe" in engerem Verkehr. Juden sind sie natürlich nur der Abstammung nach, denn sie bekennen sich ebenso wenig zur mosaischen als Most und Genossen zur christlichen Religion. Lord Rothschild und die anderen reichen Stammesgenosse» in der City sind ihnen ebenso verhaßt, wie der russische Zar. Was die jüdischen Nihilisten zusammenhält und zu einem gemeinschaftlichen Club vereint, ist nicht die Gemeinsamkeit der Abstammung oder Religion, sondern der Sprache. Ein großer Theil der neuen Ankömmlinge beherrscht das Englische in keiner Weise, am geläufigsten ist ihnen das in Polen unter den Semiten übliche Judendeutsch. In diesem Dialekt und in hebräischen Lettern ist auch ihr monatlich erscheinendes Organ, der „Arbeiterfreund", geschrieben. Dasselbe steht im zweiten Jahrgang und erfreut sich einer großen Verbreitung unter dem jüdischen Proletariat Rußlands und Polens. Der Redacteur dieses äußerst radikalen, der Most' schen „Freiheit" fast ebenbürtigen Blattes ist eine der interessantesten Persönlichkeiten der nihilistischen Bewegung in Rußland, er nennt sich hier P. Krantz, sein wahrer Name aber ist, wie mir gesagt wurde, Stephanowitsch. Er soll in Rußland ein hervorragender Agitator gewesen sein. (Man sieht leicht, daß dieser sog. „Anarchistenclub" ziemlich harmlos ist, und mehr aus dem Bedürfniß geflossen, sich zusammen zu finden, um sich zu amusiren und zu schimpfen. Wahrscheinlich sind es Leute, die durch jüdische Unterstützung nach London und zu Brod gekommen. Den Dank dafür müssen sie mit Abtrünnigkeit und Gehässigkeit abzahlen.) (Die Redakt.) London, 5. Juli. Der Kronprinz und die Kronprinzessin des deutschen Reiches empfingen gestern Nachmittag im Buckingham-Palast eine von Sir Julian Goldsmid geführte Abordnung der englisch-jüdischen Körperschaften, welche dem Kronprinzenpaare eine Willkommen-Adresse überreichten, worin es u. A. heißt: „Wir, die wir die Vortheile bürgerlicher und politischer Gleichstellung in diesem Lande (England) genießen, bedienen uns freudig dieser Gelegenheit, um unsere tiefe Würdigung der edlen Weise auszudrücken, in welcher Ew. kgl. Hoheiten die Sache der Religionsduldung unterstützten zu einer Zeit, wo gewaltsame und ungerechte Vorurtheile gegen unsere Glaubensgenossen angeregt wurden sowie des hervorragenden Beispieles, welches Ew. Kgl. Hoheiten allen Leuten gaben, indem Sie ein solches unedelmüthiges Verhalten durch Ihre Mißbilligung kennzeichneten. Man hat uns versichert, daß dieses große Beispiel bereits die segensreichsten Ergebnisse erzeugt hat." Türkei. Konstantinopel, 4. Juli. Der Sultan hat heute in feierlicher Audienz den neuen Gesandten der Vereinigten