Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1887)
- Date
- 1887-07-14
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
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443 Gurten herrliche Florentiner Ampeln mit dem polnischen Reichsadler geschmückt, an kupferner Kette niederhängen. In der Mitte des Gotteshauses ein seltsam geformter Eisenbau, fast einem gegitterten Käfig gleichend, von Blumen umrankt, von Fruchtguirlanden gekrönt. Hier war die Stelle, wo der Cantor Fischer den weihevollen Festgesang anstimmte, und in die ergreifenden Töne mischte sich im hellen Sopran ein freundlicher Chor von Kinderstimmen, welche die Bolkshymne und das hohe Lied „Gott segne Euch" in schöner Modulirung sangen. Wenige Schritte davon erhebt sich der eigentliche Altar mit dem vielhundertjährigen Schrein, den eine von Meisterhand gestickte uralte Decke verhüllt und dessen Inneres den eigentlichen Schatz des Gotteshauses, die zahllosen Thorarollen, birgt. Das vornehmste Interesse der hohen Gäste erregte jedoch ein blutrother Marmorstein, welcher in hebräischen Charakteren das Chronogramm 1307 trägt, jenes Jahres, in welchem eine furchtbare Judenhetze das Krakauer Ghetto in Blut ertränkte und wo doch der vom schrecklichsten Fanatismus aufgestachelte Pöbel das Refugium der damaligen Judenschaft, die Synagoge, respectirte. Von diesem Tage erzählt in ergreifender Kürze die halb verwitterte Gedächtnißtafel, die zugleich in einer inneren Höhlung ein Repositorium für milde Gaben enthält. Zur Rechten und zur Linken des Altars erheben sich mit silbernen Kronen geschmückte Zelte über einer roth ausgeschlagenen Estrade, wo das kronprinzliche Paar und seine Begleitung Platz nahmen. Nach einem Aufenthalte von zehn Mnuteu begaben sich die Herrschaften unter begeisterten Hochrufen der nach Tausenden zählenden Menschenmenge in die jüdischen Schulen. Karlsburg, 1. Juli. Dem „B. Tageblatt" wird von hier geschrieben: In Karlsburg und zwar in einer zumeist von Bauern bewohnten Vorstadt gab es am 29. Juni einen argen Tumult, der beinahe eine Judenhetze zur Folge gehabt hätte. Der Fall ist folgender: Die Frau eines Gerbers ging in den Stall, um ihre Kühe zu melken und ihr etwa vierjähriges Kind begleitete sie. Mittlerweile hatte sich das Kind entfernt, und als die Mutter es nach vielem Suchen nicht fand, schickte sie um ihren Mann, der ohne weitere Recherchen in die Häuser der in der Nachbarschaft wohnenden Juden eindrang und eine förmliche Hausdurchsuchung hielt — ohne eine Spur seines Kindes zu finden. Nun ließ er Gensdarmen holen und der Skandal hatte seinen Culminationspunkt erreicht, als die Frau ihm meldete, das Kind schlafe in seinem Bette. Trotzdem waren die Bauern bereits mit Sensen und Heugabeln ausgerückt und stießen Drohungen gegen die Israeliten aus. Einige jüdische Häuser wurden direct bedroht und es wäre zu peinlichen Szenen gekommen, wenn man der Menge nicht das Kind gezeigt hätte. Italien. Rom, 1. Juli. Bei den jüngsten Gemeinderathswahlcu haben die Clericalen den Sieg davon getragen, was eine Folge der Lässigkeit der Liberalen war. Die Clericalen gaben sich den Anschein, als ob sie von allen politischen und religiösen Absichten fern seien, und stellten deshalb sechs Liberale, darunter auch einen Juden, den in allen Kreisen hochgeachteten Gius. Ala tri, in ihrer Liste auf. Rußland. St. Petersburg, 28. Juni. Wie die „Pol. Korr." meldet, wird das Erscheinen einer Verordnung erwartet, welche den Juden den Eintritt in die Petersburger Handwerkerzünfte verwehrt und den Aufenhalt zugereister jüdischer Kaufleute in der russischen Hauptstadt über die Frist von acht Tagen hinaus verbietet. — Die „Pos. Ztg." läßt sich aus Warschau schreiben: Was die ausländischen Jude» anbetrift, so wurde mit 60 Kaufleuten in Lodz seitens des Steuerinspectors Baron Tysenhausen ein Protokoll ausgenommen, weil sie ohne Erlaubnis; des Finanzministers Handel treiben. Eine Anzahl I verkauften ihre Fabriken oder Geschäfte, theils in Wirklichkeit theils fiktiv an russische Unterthanen, während Andere während der Anwesenheit des Steuer-Jnspectors absichtlich die Stadt verließen. Mehrere ließen sich in die Freireligiöse christlich-katholische Gemeinde in Breslau aufnehmen, doch wurden die Zeugnisse dieser Gemeinde von der Lodzer Behörde als nicht von einer rechtlichen Religionsgenossenschaft herrührend beanstandet, so daß das Ministerium in jedem einzelnen Falle besonders entscheiden wird. Warschau, 1. Juli. Der „Poscner Ztg." zufolge hat es in der jüdischen Bevölkerung Warschau's Aufsehen erregt, daß in Folge des Eintritts eines Sohnes des Warschauer Generalgouverncurs Gurko in die 5. Classe (Obertertia) des 6. Gymnasiums sämmtliche jüdische Schüler dieser Classe aus, treten und sich um Aufnahme in anderen Gymnasien bemühen mußten. Dies wird sich auch wahrscheinlich alljährlich nach Maßgabe der Versetzung des jungen Gurko in eine höhere Classe mit den jüdischen Schülern dieser Classen ereignen und zwar auf persönlichen Wunsch der antisemitischen Frau des Generalgouverneurs, welche jede Communication ihres Sprößlings mit jüdischen Mitschülern vermeiden will! Auch in Fragen politischer Natur macht sich der unheilvolle Einfluß der bigotten, polenfeindlichen Frau des Generalgouverneurs allzu deutlich bemerkbar, sodaß sie im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin von der polnischen Gesellschaft gemieden, bezw. gehaßt wird.