Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1887)
- Date
- 1887-07-14
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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442 burger-Nürnberg, Rechtsanwalt Gunzenhäuser-Fürth und Großhändler Maison-München. Die Gewählten gehören der deutsch-freisinnigen Partei an; F. vertritt Nürnberg seit 1869, G. vertritt Fürth seit 1875, M. ist neugewählt. Die Zahl von 3 Abgeordneten übersteigt um etwas das numerische Verhältniß der Israeliten zur bairischen Gesammtbevölkerung. Oesterreich - Ungarn. Wien, 1. Juli. Wegen des Schreibens, welches der antisemitische Studentenverband an den Abgeordneten Prof. Tomaszczuk richtete, erhielten sämmtliche Unterfertigte eine Rüge und der Mediciner Ursinn wurde für immer von der Universität relegirt. — Gestern Abend wurde in Krakau vor dem Logis des Kronprinzenpaares eine Judenhetze aufgeführt. Pöbelhaufen mißhandelten johlend die vorübergehenden Juden. Das Militär schritt ein; mehrere Individuen wurden verhaftet. Pest, 1. Juli. (Privatmitth.) Die Wahlen sind beendigt bis auf einige Stichwahlen, in welchen die Antisemiten noch den einen oder anderen Sitz zu erobern hoffen. Ganz besonders agitiren sie im Verboer Bezirk, wo Andreanßky als Candidat aufgestelll ist. Die Bewegung schlägt bereits hohe Wellen, welche in eine verheerende Fluth auszuarten drohen. Dem ,,P. Lloyd" wird darüber geschrieben: Am 28. traf der nunmehrige Candidat der Antisemiten- und Panslavisten- Partei — denn es steht außer Zweifel, daß diese Elemente diesmal unter einem Hute stecken — Baron Andreanßky mit seinem Adlatus Franz Komlosy im Bezirke ein, wo sie die Agitation in einer Weise begannen, daß bis zum Wahltage die ärgsten und schrecklichsten Excesse zu befürchten sind. In Brezova, dem Urneste der Panslaven, kam es auch schon zu Ausschreitungen, in deren Folge die Behörde Militär requirirte, welches bis zum Wahltage daselbst zu verbleiben haben wird. Da die dortigen Orts- und Bezirksbehörden jetzt, wo die Antisemiten ihre ganze Macht und Kraft entfalten, zur Einschränkung der Agitationen in die Grenzen des Gesetzlichen und Erlaubten sich als ungenügend erweisen, begab sich Bicegespan Julius v. Szalavßky an Ort und Stelle und wird die ganze Zeit hindurch daselbst verbleiben, um die nöthigen Maßregeln zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zum Schutze des gefährdeten Eigcntyums persönlich zu treffen. Daß die Antisemiten in der Wahl ihrer Eortesmittel von keinen Skrupeln geplagt sind, ist eine bekannte Thatsache. Dennoch durfte cs überraschen, daß Komlossy in jedem Dorfe eine vorher angekündigte Messe liest und dabei — in der Kirche — den andächtigen Gläubigen seine politischen Ansichten auseinandersetzt. Leider secundiren ihm auch einige evangelische Geistliche. Jetzt taucht auch hier die schon früher in Vag-Becse schwunghaft betriebene Agitation mit den Beichtzetteln auf; die Beichtzettel sind nämlich auf der Rückseite mit einer Anweisung auf 2—3 Liter Wein für ein bestimmtes Wirthshaus versehen (!). Trotz dieser unsauberen Wühlereien glaubt man, daß der Candidat der liberalen Partei siegen werde. Pest, 30. Juni. Der ungarische Antisemitismus ist jetzt in einen Prozeß gerathen, welchen nicht bloß Andere verurtheilen, sondern in welchen er sich selbst das Urtheil spricht. In den hiesigen Journalenwarberichtetworden, daß die antisemitische Partei sich auflösen und anderen Parteien anschließen werde. Jstoczy erklärt nun, Letzteres sei ausgeschlossen, da die anderen Parteien den Antisemitismus perhorresciren (— das Urtheil aller Anderen —) die Antisemiten aber werden einen anderen Namen annehmen (— Urtheil über sich selbst —). wahrscheinlich sich „christliche (?!) Volkspartei" (?!) nennen. Sie schämen sich ihres eigenen Angesichtes und nehmen eine Maske vor, die aber Niemanden täuscht. — — Das Manifest des Kultusministers Trefort hat bei den Clericalen böses Blut gemacht. Die Hetzkaplane sind bereits darüber her, und holen die Juden herbei. Die „jüdische" Presse lobe den Minister und entfalte ihre Frechheit gegen die Kirche; gegen das Judenthum müsse man zu Felde ziehen! Dies haben diese Leute aber bereits bei den Wahlen vor dem Schreiben Trefort's sattsam gethan! Krakau, 30. Juni. (Privatmitth.) Kronprinz Rudolf, welcher seit mehreren Tagen mit seiner Gemahlin hier weilt, besuchte heute die alte, man sagt achthundertjährige Synagoge Krakaus, wie auch die israelitischen Schulen. Vor der ersteren wurde er vom Cultusvorstand Mendelsburg, dem Gemeindesecretär Pelikan und dreißig Beiräthen, sowie einer Schaar in faltige Talare gehüllte Rabbinen empfangen und ehrfurchtsvoll begrüßt. Die Krakauer Synagoge ist, wie schon erwähnt, eines der ältesten, wenn nicht gar das älteste Bauwerk der an ehrwürdigen Alterthümern so reichen Stadt. Inmitten der Vorstadt Kaziemirsz gelegen, in einer ansehnlichen, aus winkeligen Häusern bestehenden Gasse, erhebt sich die unförmliche, das Auge schon beim ersten Anblick frappirende Steinmasse. Ein niederer, primitiver Zaun wehrt Unberufenen den Eingang und dann muß man über eine Art Schlagbrücke schreiten, ehe man die Vorhalle erreicht. Es ist eine Art steinerne fensterlose Veranda mit verwitterten Mauern und holprigem Stein-Estrich, die aber heute mit bunten persischen und Smyrnateppichen überkleidet sind. An den Wänden hängen überdies goldgestickte Thoradecken. Von hier aus trat das hohe Paar in die Halle des Gotteshauses selbst. Schmucklos zwar, aber einen tiefernsten Eindruck machend, präsentirt sich das Innere der Synagoge durch die eigenthümliche, dem sagenreichen Orient abgelauschte Architectur. Palmenschlanke Säulen ragen an das Gewölbe, von dessen