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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-07-14 · Heft 28 (14.7.1887) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 28 (14.7.1887)
Date
1887-07-14
Page
Seite 439 (sequence 7)
Language
German
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439 Chassidim und die Karäer*) und fügte dem Bemerkungen iiber die jüdischen Factoren an, die er mit folgenden Worten schildert: „In jedem herrschaftlichen Hause Galiziens gicbt es einen Mann, Factor genannt, der alle Geschäfte macht und stets ein Jude ist. Die meisten dieser jüdischen Factoren sind sehr treu und sehr ehrlich; es sind die Freunde und Berather des Hauses. Dieses Amt geht oft von einer Generation zur anderen über." Und dann schließt er mit einer Geschichte, welche sein Vater selbst erlebt hatte. „Der Graf Agenor Kracinski hatte sich mit einer jungen Baronin Vodipka verheirathet. Nach dem Wunsche der jungen Frau unternahmen die jung Vermählten keine Hochzeitsreise, sondern bezogen das entlegene Schloß des Grafen, wo die Gräfin vom ersten Tage an, der alten polnischen Sitte gemäß, sich des Schlüsselbundes bemächtigte und die Leitung des Hauses übernahm. Am ersten Morgen trat die junge Frau in das Zimmer ihres Gatten und sagte: „Vor der Thür steht ein sehr seltsamer Mann, der wie ein Jude aussieht und ein galizischer Bauer zu sein scheint, wenn ich nach seiner Statur und seinem Anzug urtheile. Er verlangt, Dich zu sprechen. Der Graf fing an zu lachen: „Nun ja! das ist mein Factor; er ist ein Jude und dies sind wirkliche Bauern, die sich wie die Bauern kleiden." Die Gräfin ließ den Juden ciutrete». Er hieß Abel. Er war ein großer und starker Mann von ungefähr sechszig Jahren. Seine Haare und sein Bart waren grau; das Gesicht war ehrlich und offen. Er war wie unsre Bauern gekleidet, mit seinen hohen Stiefeln, seinen Pumphosen; sein langer Rock von grobem Tuch wurde von einem Gürtel aus rohem Leder um die Taille gehalten; auf dem Kopfe trug er eine Mütze aus schwarzem Hammelfell. Die Gräfin wurde bald vertraut mit ihm und forderte ihn auf, ihr Haus zu besuchen. Als ihr Mann sie zu Abel führte, war sh erstaunt, eine so bequeme und gut möblirte Wohnung zu finden. Noch mehr war sie überrascht, als, sie die Art und Weise sah, wie er für die Frauen seiner Familie, seine alte Mutter, seine Frau und seine Schwester, sorgte. Der Graf lebte mehrere Jahre glücklich mit seiner Frau, welche ihm zwei Kinder schenkte. Aber eines Tages brach die schreckliche Revolution von 1846 aus. Der Graf war i» die Verschwörung des polnischen Adels mit hineingezogen worden. Da er früher Offizier gewesen, hatte man ihm zum Commandauten eines Departements ernannt und er »ahm thätigen Antheil an den Vorarbeiten der Jnsurrection. Man bestimmte den Ausbruch der Revolution auf den *) Revue des Etudes juives, tome XIV. Nr. 28. 18. Februar. Der Graf wollte seiner Frau nicht sagen, was sich vorbereitete. Er schickte sie mit den Kindern einige Tage vorher nach Ungarn. Als sie abgereist war, vertraute er sich seinem alten Factor Abel an. Er sagte zu ihm: „Es kann kommen, daß die Revolution mißlingt und daß meine Güter confiscirt werden. In dieser Voraussicht gebe ich Dir Alles, was ich an baarem Gelde besitze, Du wirst es treu verwahren und, falls ein Unglück eintrifft, wirst Du es meiner Frau geben." Abel gab sein Wort und der Graf händigte ihm 80.000 sl., d. h. 200,000 Francs ein. Am 18. Februar brach die Revolution aus. Der Adel, die Beamten, die Diener der großen Herren griffen zu den Waffen, aber die Bauern blieben dem Kaiser von Oesterreich treu und antworteten durch eine Gegenrevolution. Die Truppen der Insurgenten zerstreuten sich nach allen Richtungen. Als es beendet war, durchliefen Banden von Bauern das Land, verbrannten die Herrenhäuser und metzelten Alle nieder, die ihnen unter die Hände fielen. Der Graf Kracinski rettete sich nach Krakau, dem einzigen Orte, wo die Revolution siegreich blieb. Von dort ging eine kleine polnische Armee nach Galizien und traf dort auf Benedek, damals Oberst und später 1866 commandirender General. Bei Gdov kam es zur Schlacht; die Polen wurden besiegt und der Graf Kracinski fand ans dem Schlachtfelde den Tod. Sobald die Ordnung wieder hergestellt war, kam die Wiitwe mit ihren Kindern zurück und fand nur die Ruinen ihres Schlosses. Sie saß auf einem Hansen von der Feuersbrunst geschwärzter Steine, ihre Augen starrten in das Weite und den Kopf stützte sie auf ihre Hände. Sie fand keinen Ausweg aus ihrer schrecklichen Lage. Alles schien ihr verloren, als sie Schritte sich nähern hörte. Sie bemerkte Abel. Er grüßte die Gräfin und blieb vor ihr stehen, indem er ihre Erregung und Trauer zu theilen schien. So verblieben sie lange, ohne ein Wort zu sprechen. . Endlich brach die Gräfin das Schweigen: „O Abel, mein armer Mann, der Vater meiner Kinder ist tobt; unser Haus ist zerstört, und wir haben keinen Sou! Es bleibt uns nichts übrig, als betteln zu gehen, ich und meine Kinder! „Wie?" rief Abel. „Ich kann ohne Geld nicht daran denken, das Zerstörte wieder aufzubauen, und mein Mann hat uns nichts hinterlassen, nichts, garnichts!" Abel richtete sich auf. Ein sanftes Lächeln überflog sein schönes und ernstes Antlitz. Er griff mit der Hand unter seinen groben Rock und zog ein großes rothes Portefeuille heraus. „Sie brauchen nicht zu betteln, sagte er, Sie sind nicht arm, Gräfin. Wir werden das Haus wieder

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