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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-07-14 · Heft 28 (14.7.1887) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 28 (14.7.1887)
Date
1887-07-14
Page
Seite 438 (sequence 6)
Language
German
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438 Candidaten für die Londoner City, zu vertreten, da dieser Herr zu krank war, um Persönlichen Antheil an dem Wahlkampf zu nehmen. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß Herr Cohen sich bei dieser Gelegenheit mit Auszeichnung benahm. Im Juni 1874 leitete er auf dem Meeting in der Guildhall diejenigen der City-Steuerzahler, welche so entschlossen in ihrem Widerstande gegen Sir William Harcourt's Municipal-Reform-Gesetz, wegen seines centralisirenden Characters, waren, und vor zwei Jahren brachte er in dein großen Meeting im Cannon-Street-Hotel die Resolution ein, welche die Thärigkeit der Gladstone'schen Regierung in Aegypten verurtheilte» und ebenso brachte er auf einem anderen großen Meeting eine Resolution ein, welche von dem verstorbenen Herrn M. E. Förster unterstützt wurde, bezüglich des Zustandes unserer Flotte. Herr Cohen zog sich 1885 vom Geschäft zurück, nachdem er als parlamentarischer Vertreter für Nord-Paddington gewühlt war und im Comite für dotirte Schulen, in der königlichen Commission betreffs des Niederganges des Handels und in derjenigen betreffs des Geldumlaufs gearbeitet hatte. Der verstorbene Lord Jddesleigh sprach in der rühmendsten Weise von Herrn Cohens Leistungen in der Handelscommission und bezog sich bei einer Gelegenheit auf ihn als den leitenden und treibenden Geist der Commission. Auch Lord Randolph Churchill sprach auf dem letzten öffentlichen Meeting, auf welchem er in Paddington sprach, in den rühmendsten Ausdrücken von Herrn Cohen's Verdiensten als Staatsmann. — Er heirathete 1855 Esther, Tochter des verstorbenen Herrn I. H. Moses, vom Hyde-Park-Square, welche ihn, ebenso wie fünf Söhne und eine Tochter überlebten. Die Beerdigung fand am 28. Juni unter großer Bethciligung auf dem jüdischen Friedhofe zu Willesden statt. Der Verstorbeue hatte in seiner letztwilligen Verfügung angeordnet, daß sein Leichenbegängniß aus die einfachste Weise vollzogen werden solle, und diese Vorschrift wurde aufs Gewissenhafteste befolgt. Die Ceremonie auf dem Friedhofe leitete Or. Hermann Adler. Gespiochen wurde am Grabe nicht. In anderen Blättern wird mit größter Anerkennung des Verstorbenen Kenntniß und Einsicht in allen commerziellen, finanziellen und politischen Angelegenheiten gerühmt, die ihn in den beiden ersten Beziehungen von allen Parteien als eine Autorität ansehen ließ. Neben diesen Eigenschaften wird allseitig sein unbegrenzter Wohlthätigkeitssinn und seine Characterfestigkeit gerühmt. Er hat überall, wobei er thätig und betheiligt war, eine gegenwärtig nicht auszufüllende Lücke hinterlassen. — Paris, im Juli. Der jüdische Faktor in Gatyie». Seitdem die große Welt sich mit den Juden zu beschäftigen begonnen hatte — und zwar allzu viel, denn während im deutschen Reiche die Juden nur ein Prozent der Gesammtbevölkerung ausmachen, wird zehn Mal mehr von ihnen gesprochen — seitdem hat jene Welt die Gepflogenheit angenommen, irgend ein oder mehrere jüdische Subjecte zu einer typischen Figur zu machen, deren Eigenschaften sie auf alle Bekenner des Judenthums überträgt. Die bedeutendsten Schriftsteller stehen nicht an, sich dieser Figuren zu ihre» Expektorationen zu bedienen, mögen diese letzteren politischer, socialer oder novellistischer Art sein. Nichts hat uns Juden mehr geschadet, denn die Vorurtheile klammern sich an diese Typen und ziehen aus ihnen parasitisch ihre Nahrung. Eine der markantesten solcher Figuren spielt der jüdische Factor in Galizien und Polen. Reisende und Dichter schildern ihn um die Wette als kriechend, schleichend, hinterlistig, seine Herrschaft betrügend. Nun giebt es Beispiele genug, daß christliche Verwalter in solcher Weise gegen die Grundbesitzer sich verhalten und es sogar so weit bringen, daß sie das Gut ihres ruinirten Brodherrn an sich kaufen. Niemand aber wird es wagen, die ganze ehrenwerthe Klasse der Verwalter nach j"nen vereinzelten Beispielen zu brandmarken, obschon die Romanschriftsteller sich solcher Personen zur Entwickelung ihrer tragischen Katastrophen häufig bedienen. Gegen die Juden aber braucht mau solche Zurückhaltung nicht zu bewahren. Da sind ja Alle wie der Eine und der Andere. Nun wäre es schon an und für sich höchst wunderbar, daß die Klaffe der jüdischen Factvrcn, die also alle Geschäfte des Grundherrn betreiben, Jahrhunderte lang bestehen konnte, wenn sie die geschilderten Eigenschaften wirklich hätte», und daß das sa oft getäuschte Vertrauen vom galizischen und polnischen Adel jenen jüdischen Factoren inimer wieder von Neuem geschenkt würde. Dies schon läßt voraussetzen, daß sie die gefährlichen Eigenschaften gar nicht besitzen, die man ihnen ein für alle Mal angedichtet hat. Solche Männer aber, welche mit der Wirklichkeit, wie sie in jenen Ländern noch heute wie vor Jahrhunderten beschaffen ist. vertraut sind und Gelegenheit hatten, diese Dinge und Personen länger und öfter zu beobachten, fällen ein ganz anderes Urtheil. Vor kurzem hielt der bekannte Romancier Sacher Masoch, der mit den galizischen Zuständen aufs Innigste vertraut ist, und, ein Sohn Galiziens, die dortigen Juden, ihre Sitten und Ansichten, selbst den Talmud, genau kennt und sie wiederholt von ihren vortheilhaften wie nachtheiligen Seiten geschildert hat, in Paris eine Vorlesung über die jüdischen Seelen in Galizien, namentlich über die

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