Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1887)
- Date
- 1887-07-14
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
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437 London, 3. Juli. Lionel Louis Cohen. (Nekrolog.) ') Es ist unsere schmerzliche Pflicht, des Todes des Herrn Lionel Louis Cohen zu gedenken, des ersten parlamentarischen Vertreters des nördlichen Bezirks von Paddington. Sobald sich die Nachricht von diesem traurigen Ereigniß, welches Sonntag Abend um 9 Uhr in Hyde Park-Terrace (der Wohnung des Verstorbenen) eintrat, sich verbreitete, rief sie überall ein Gefühl tiefer Betrübnis) hervor. Herr Cohen hat sich so gänzlich mit den Gesammtinteressen seiner Wähler und dem sozialen Leben Paddington's und der Nachbargenieinden identificirt, daß man mit Recht sagen kann, daß mit seinem Tode West-London nicht allein ein ausgezeichnetes Parlamentsmitglied verliert, sondern auch einen philanthropischen und eifrigen Socialreformer, der stets bereit war, seine Zeit, seinen Rath und sein Geld zur Verfügung derjenigen zu stellen, die ihn um Rath angingen. Es gab kaum eine Anstalt oder einen Verein in der Gemeinde, mit dem Herr Cohen nicht in Beziehung stand, sei es als Vorsitzender oder als Protector, und es gab wenige, zu welchen er nicht freigebig beitrug. Zu der einen Zeit konnte man ihn die Bewegung zu Gunsten des frühzeitigen Arbeitsschlusses unterstützen hören, zu einer anderen Zeit die Forderung eines Kricket-Platzes für Paddington. Freie Plätze für das Volk, sociale und literarische Clubs und locale Verbesserungen jeder Art fanden seine wärmste Sympathie und Unterstützung. Er war Präsident des Salisbury Club, des Edgware-road, 2t. Saviour's Debattir-Vereins, des Sächsischen Ruderclubs, des Holy Trinity, Loraine und Nord - Paddington Cricket- Clubs, und Protector der Paddington-Philanthropischen Anstalt, der Kilburn-Philharmonischen Gesellschaft, desPaddington- Post- und des Great-Western-Eisenbahn-Cricket-Clubs und vieler anderer Gesellschaften. Herr Cohen wurde in seiner Krankheit von Sir William Gull, Br. Broadbent und Dr. Behrend behandelt; die unmittelbare Todesursache war Herzschwäche, verursacht durch einen Anfall von Pleuresie, welchen er sich voriges Jahr in Nizza zuzog, als er wahrscheinlich mit übergroßer Hast zurückkehrte, um seine parlamentarischen Pflichten zu erfüllen. Herr Cvhen's Tod war ganz unerwartet. Es ist erst 14 Tage her, daß er einen Brief an Herrn W. Urquhart schrieb, um sein Bedauern darüber auszudrücken, daß er nicht im Stande sei, dem Paddingtoner Kirchengemeinde-Diner beizuwohnen, und ihm zugleich mittheilte, daß er sich etwas besser befinde. Er war kürzlich, und 1) Biele Londoner Zeitungen brachten Nekrologe voll Anerkennung; >vir entnehmen obigen den Paddington Times vom 2. Juli. zwar erst Mittwoch den 22. v. M., bei dem Kinderfeste im Hydepark in einem Rollstuhle zugegen. ' Herr Cohen, der in mehrfacher Hinsicht ein sehr ausgezeichneter Mann war, starb im Alter von 55 Jahren. Er war der Sohn des verstorbenen Herrn Louis Cohen, von Gloucester-Place, Portman - Square, nach dessen Tode er Chef der wohl bekannten Firma Louis Cohen und Söhne, Ban» quiers und Mitglieder der Fondsbörse, wurde. Seine Bildung erlangte er unter der Leitung von Privatlehrern, zuerst unter Herrn M. Angel und später unter Herrn James Wigan, Vater der wohlbekannten Schauspieler. Die öffentliche Thätigkeit des Herrn Cohen war eine sehr vielseitige, und eine außerordentlich große Arbeitslast, welche er freiwillig in Beziehung zu zahlreichen öffentlichen und wohlthätigen Werken auf sich nahm, machte ihn zu einem übermäßig beschäftigten Manne. Einen sehr großen Theil dieser von ihm sich selbst auferlegten Thätigkeit nahmen natürlich die Anstalten der jüdischen Gemeinde in Anspruch, mit deren Leitung er stets mehr oder weniger eng verbunden war. So war er auch sehr hervorragend betheiligt an dem Jewish Board ot' Guardians, zu welcher Wohlthätigkeitsanstalt er von ihrer Gründung vor 28 Jahren an gehörte, zuerst in der Eigenschaft eines Ghrensekretärs und seit vielen Jahren als Vorsitzender, und seine Leitung war so rührig und so weise, daß es ihm mehr als irgend einem anderen Freunde der Anstalt zu danken ist, daß eine Stiftung nach den richtigsten Grundsätzen errichtet wurde, welche jährlich den Bedürfnissen von 10,000 Menschen in trefflicher Weise entgegenkommt und viele hülflose Einwanderer entweder wieder in die Heimath zurückbefördert oder dahin schickt, wo sie ihr Fortkommen finden. Er war ferner ein Vicepräsident des Rathes der vereinigten Synagogen in London, dessen Präsident Lord Rothschild ist. Dieser Rath erfuhr ebenso wie das Board of Guardians, dessen administrative Aufgaben beträchtlich sind, die thätigste und werthvollste Unterstützung von Herrn Cohen, dessen Erfahrung in der Behandlung der Menschen aller Stände von ebenso unberechenbarem Nutzen sich erwies, wie sein Verwaltungstalent, das er im hohen Grade besaß. Außerhalb jener Gemeinde war er wohl bekannt als langjähriger Bevollmächtigter und Agent der Londoner Fondsbörse. Er war ein Vicepräsident und Mitglied des Vorstandes der Statistischen Gesellschaft. Herr Cohen war auch lange Jahre hindurch ein hervorragender Mann im politischen Leben und widmete den verschiedenen Gegenständen des politischen Denkens das eifrigste Studium. Er war der Vorsitzende des City-Viertels des Conservativen City-Bereins, ein Bice-Präsident des Conservativen Vereins und ein Mitglied des Comitö's des City-Carlton-Clubs. Schon im Jahre 1874 wurde er gewählt, den verstorbenen Herrn T. Wells, den damaligen conservativen k