Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1887)
- Date
- 1887-07-14
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
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436 den kann. Allerdings sind die Ziele, die dieser Unterricht zu erreichen habe, klar und bestimmt: die jüdische Religionslehre (abschließend mit der Confirmation), Bibelkunde, biblische und nachbiblische Geschichte, Liturgie, (Gebet-, Festkunde u. s. w.), Hebräisch. Aber worüber man noch immer diskutirt und experimentirt, das ist, wie weit man für die verschiedenen Schulstufen diese Ziele zu stecken habe und welche die richtigeren Methoden seien, um trotz aller Hindernisse Erfolge zu erreichen. Um so unumgänglicher war es aber, die verschwundenen Lehranstalten durch neue zu ersetzen: Lehreruud dann Rabbinerseminare. Dieselben waren um so schwieriger zu beschaffen, als ihre Herstellung ganz aus eigenen Mitteln der Juden geschehen mußte und der Staat für sie nur ausnahmsweise einige Unterstützung bietet. Wir können daher nicht sagen, daß die Zahl der bestehenden Lehrerseminare dem Bedürfnisse schön entspreche, und müssen gcivärtigen, daß einsichtsvolle Männer sich der Creirung solcher Anstalten noch weiter kräftig annehmen. Längerer Zeit bedurfte es, um die Nothwendigkeit der Rabbinerseminare zu allgemeinerem Bewußtsein zu bringen. Jetzt aber blühen derselben drei in Deutschland, eines in Ungarn, eines in Italien, eines in Frankreich, eines in England und zwei in Nordamerika. — Neben diesen beiden wichtigen Momenten entsprang und entfaltete sich ein neues jüdisches Schriftthum in den verschiedenen europäischen Sprachen, in der deutschen, französischen, englischen, auch etwas in der italienischen und holländischen, jetzt auch in der russischen Sprache, und neben diesem ging namentlich in den östlichen Ländern die neuhebräische Literatur rüstig vorwärts. In dieser Literatur brach sich die wissenschaftliche Bearbeitung des Judenthums, seiner Geschichte, Literatur und Religionsphilosophie neue Bahnen, und ebenso eine populäre Darstellung und Belehrung, welche auch die Dichtkunst zu Hülfe rief. Es liegt in der Natur der Sache, daß eine solche Literatur im Laufe der Zeit bald einen lebhafleren Aufschwung, bald einen langsameren Gang erlebt, bald ein wärmeres Interesse bei dem betreffenden Publikum weckt und sindet, bald wieder daran verliert. Daß sie aber nicht ins Stocken geräth, dafür sorgt die regelmäßige Zeitpresse, die mit der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" ihren Anfang nahm und in allen Ländern reichlich Nachahmung fand, ja noch immer ihre Organe vermehrt. Sie bringt eine genaue Kunde aller jüdischen Zustände und Judenthum und Juden betreffenden Vorgänge, vermittelt eine ausgedehntere Kenntniß des Judenthums in Lehre, Moral, Geschichte und Literatur, und ist stets bereit, Angriffe zurückzuweisen und Borurtheile zu bekämpfen. — Neben diesen drei wichtigen Arten der Belehrung erlangt aber eine vierte immer mehr Bedeutung: die Vorlesungen. Den Beginn solcher öffentlichen Vorlesungen für auch confessionell gemischte Kreise, machte der Redakteur dieser Zeitung schon im Winterhalbjahre 1832/1833, und ließ dann gleichartige Cyclen 1846, 1847, 1853 und 1859 folgen. Nach ihm R. Frankfurter, Sigmund Stern, der Stifter der Berliner Reformgemeinde, Geiger u. A. Seitdem hat sich für diese Art Vorträge das Interesse sehr belebt. Zum Theil haben sich Vereine gebildet, wie in Prag, Frankfurt, Hamburg, Berlin u. a. O., welche befähigte Männer zur Abhaltung einer Vorlesung in einer gewissen Reihenfolge berufen; zum Theil bestimmen sich spontan Rabbiner und Gelehrte, in ihren Gemeinden derartige Borträge zu halten, und zwar in der Regel mit großem Erfolge. Während nämlich die Predigt in Stoff und Form sich innerhalb gewisser Grenzen zu bewegen hat, steht der Vorlesung völlige Freiheit zu in der Auswahl des Gegenstandes aus der unübersehbaren Fülle angemessener Objecte aus der Philosophie, Geschichte und Literatur des Judenthums, und ebenso in der Darstellungs- und Ausdrucksweise, die bald einfach und klar, bald schwungreich und enthusiastisch sein und selbst den Humor zur Hülfe rufen kann. Neuerdings hat auch die Pariser Looiete äes Ittuäss juiyes solche Conferences, wie sie in Frankreich genannt werden, veranstaltet, die über jü' if.he Gegenstände zu einem nicht geringen Theile auch von iuchtjüdischen Gelehrten gehalten werden. In England, wo sii'cher der sel. Deutsch mit Aufsehen erregenden Vorlesungen voranging, hat jüngst das Counts für die englisch-jüdisch-histnnsche Ausstellung Männer zu einer Reihe von Vorlesungen berufen und damit einen schönen Erfolg erzielt. Wir glauben, daß sich diese Art der Belehrung im Judenthume überall einen fruchtbaren Boden gewinnen wird. Für Erwachsene giebt es außer der Literatur kein wirksameres Mittel, die Kenntniß des Judenthums zu verbreiten, die Ehrfurcht vor ihm zu beleben, die Anhänglichkeit zu stärken. — Wir können nicht voraus wissen, ob nicht mit der Zeit noch andere Mittel der Belehrung im Judenthume sich finden werden. Wir sehen, daß die angeführten vier fast zu gleicher Zeit mit dem vierten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts entstanden sind und seitdem expansiv und intensiv sich lebendig entwickelt haben. Sie haben also wohl innerlich einen genetischen Zusammenhang, eine gegenseitige Bedingungsweise. Keine derselben ist entbehrlich; jede hat ihren Wirkungskreis, ihren eigenen Nutzen. Um so mehr ist es Pflicht, dieselbe» möglichst zu fördern, wo und wenn sie Nachlassen, sie zu beleben und aufzumuntern, die Schwierigkeiten, die sich ihnen entgegenstellen, mit Ausdauer zu überwinden, und immer wieder Kraft und Energie für sie zu verwenden rniyrta n-nn^ „zur Lehre und zur Verkündigung!" (Jesaias 8, 20.) „Haus Jakob, auf! laßt uns wandeln im Lichte des Ewigen," (Jesaias 2, 3) auf daß Euch werde pm mw „Licht und Freude!" (Esth. 8, 16.)