Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-07-14 · Heft 28 (14.7.1887) · p. Seite 435

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 28 (14.7.1887)
Date
1887-07-14
Page
Seite 435 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227692--44549-3266835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

435 geben. So folgt jetzt (Capp. 16—18, 14) ein Abschnitt über die Schöpfung, besonders des Menschen und das Verhalten Gottes gegen ihn. Man sieht leicht ein, daß eben nach der israelitischen Gedankenfolge die sittlichen Gebote durch die Erkenntniß Gottes und der Bestimmung, die er dem Menschen gesetzt, fest begründet werden sollen. Zuerst über die Schöpfung der Welt, deren gesetzmäßige Ordnung und ewige Dauer. Dann die Schöpfung auf und aus der Erde mit abgegrenzter Lebenszeit. Auch hier wird hervorgehoben, daß Gott den Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen. „Freien Willen und Sprache und Augen, Ohren und ein Herz zu überlegen gab er ihm, erfüllte ihn mit verständiger Erkenntniß und Gutes und Böses zeigte er ihm. Er verlieh ihnen Erkenntniß und gab ihnen zum Eigenthum das Gesetz des Lebens. Einen ewigen Bund machte er mit ihnen und offenbarte ihnen seine Rechte." Aus diesem Zusammenhänge erweist es sich, daß Sirach von der Ansicht durchdrungen war, daß das geoffcubarte Gesetz für alle Menschen bestimmt war. Doch hatte er auch das Bewußtsein der besonderen Stellung Israels. Er sagt (17, 14): „Jeglichem Volke hat er einen Vorsteher (Monarchien, Republiken) gesetzet, aber des Herrn Theil ist Israel" (Theokratie, aber nicht Hierarchie). Schön sagt er: „Die Gutthaten des Menschen sind Gott wie ein Siegelring gegenwärtig und die Tugend des Menschen bewahret er wie einen Augapfel." Die Versöhnlichkeit Gottes gegen den sündigen Menschen ist um so größer, je vergänglicher des Menschen Leben und „der Menschensohn nicht unsterblich ist" (17, 29). Diese Verneinung der Unsterblichkeit steht in der jüdischen Literatur einzig da, und gehörte später zu den Ansichten der Sadduzäer, weil sie die Unsterblichkeitslehre nicht förmlich in der Thorah als Glaubenssatz ausgesprochen fanden. Sirach selbst steht hierdurch mit sich selbst in Widerspruch, da er vom Menschen die sittliche Vervollkommnung fordert, während er sagt, daß der Mensch nicht „Alles" erreichen könne, weil er nicht unsterblich sei. Jedenfalls war zu seiner Zeit die Unsterblichkeitslehre noch nicht zu einem förmlichen Glaubenssätze ausgestaltet. Die übrigen Apokryphen, namentlich die „Weisheit Salomo's" sprechen diesen Glaubenssatz in bestimmtester Weise aus'). Die Sadduzäer verschwanden mit dem Falle Jerusalem's, und ihre Nachfolger, die Karäer, hatten die Unsterblichkeitslehre unter ihren unbedingten Glaubenssätzen. 1) Sunsere „Religionslehre" „über die Unsterblichkeitslehre i:n Judenthumc" Bd. II. S. 252. Die Mehrung im Äudenthum. Unserer Meinung nach verdient es volle Anerkennung, daß gegenwärtig alle für das Judenthum vorhandenen geistigen Kräfte sich immer mehr zu bethätigen streben. Das Bedürfniß drängt sich immer mehr auf, und dem entsprechend gewinnt die dahin gerichtete Bestrebung, die Belehrung im Judenthum auszubreiten und zu vertiefen, an Boden. Bis vor etwa einem Jahrhundert war die Geistesthätigkeit aller Juden auf das talmudische und rabbinische Schriftthum begrenzt, von allen anderweitigen Gebieten abgeschlossen. Die Knaben wurden von der zartesten Kindheit an bis in das Jünglingsalter allein in Bibel und Talmud unterrichtet; die Männer suchten das Beth-hamidrasch auf, um den Borträgen und Disputationen zu lauschen, was sie, mögen sie dieselben verstanden oder nicht verstanden haben, als religiöse Pflicht ansahen; die Jünger besuchten die Jeschiba, um sich zum Rabbinate zu befähigen oder doch zum Talmudgelehrten. Mit dem Ende des vorigen und dem Anfang des laufenden Jahrhunderts änderte sich dies in Mittel- und Westeuropa sehr rasch. Elementarschulen wurden angelegt und in denselben die Jugend in allem profanen Wissen unterrichtet; das Talmudstudium wurde vernachlässigt; die Besucher schwanden aus dem Beth-hamidrasch, Jünger und Meister aus der Jeschiba. Das ältere Geschlecht hatte noch einige Kenntniß dessen, was zum Judenthume gehört hatte, das jüngere verlor dieselbe. Da war cs nothwendig, an irgend einen Ersatz für das verlassene Gebiet zu denken, und wie ein Naturgesetzliches entsprang und entfaltete cs sich in den folgenden Jahrzehnten. Zuerst war es die jüdische Kanzel, die sich in den Synagogen einen neuen Platz gewann. Statt der beiden, im Jahre üblichen Draschoth talmudischen Inhalts und pilpulistischer Art trat die regelmäßige Predigt in der Muttersprache und nach einer gewissen Kunstform ein. Zugleich wandelte sich der Gegenstand völlig um. Die Besprechung der Halachah ward verlassen, Inhalt und Zweck der Predigt gingen auf populäre, den Zuhörern verständliche Darstellung der Lehre und der Moral, auf die Erhebung des Geistes, die Beeinflussung des Herzens und die Erweckung von Achtung und Liebe zum Judenthume aus. Um so dringender stellte sich bald das Bedüifniß nach Religionsunterricht heraus. Die Organisation desselben begann alsbald und strebte seitdem nach immer ziveckmäßigerer Entwickelung. Wir stehen noch heute nicht am Ende der letzteren. Er hat mit schwer wiegenden gegnerischen Elementen zu kämpfen, mit der Gleichgültigkeit vieler Eltern für die religiöse Unterweisung ihrer Kinder, mit den auseinandergehenden religiösen Richtungen, mit der Mannigfaltigkeit der Unterrichtsgegenstände, mit der Frage, ob fakultativ oder obligatorisch, mit der Kürze der Zeit, die ihm gewidmet wer- 26*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.