Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1887)
- Date
- 1887-07-14
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
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434 droht und bewegt, wie es noch die heutige ist, und daß Willkür und Eigennutz auch damals ihr Spiel trieben und durch die Zwangsmittel der Herrschaft und des Reichthums ans die große Masse drückten. Die Warnung, die Sirach all' diesen gesellschaftlichen Nebelstünden entgegenstellt, ist immer wieder der Hinweis ans den Tod, mit welchem alle irdischen Güter verloren werden, und auf die göttliche Vergeltung, welche den Ungerechten und Sünder nicht verschont und dem Gerechten und Frommen zum Schutze und zum Heile gereicht. Deshalb ist unser Verfasser auch durchaus nicht Asketiker, sondern rufet ebenso wie Koheleth zum Genüsse des Lebens auf (14, 14): „Versage Dir keinen frohen Tag und laß den Theil des erwünschten Guten nicht an Dir vorübergehen. Gieb und nimm und ergötze Deine Seele!" Denn selbst was die Arbeit unseres Lebens ist, vermögen wir doch nicht abzuschließen, sondern müssen es einem Anderen überlassen. Andererseits erscheint ihm in Gott Barmherzigkeit und Vergeltung in höchster Potenz vereinigt, identisch (16, 12): „Barmherzigkeit und Zorn ist bei Ihm; er ist groß an Versöhnlichkeit und schüttet Grimm aus, so groß seine Barmherzigkeit, so groß auch seine Strafe; er richtet den Menschen nach seinen Werken. Es entfliehet nicht der Sünder mit seinem Raube und die geduldige Hoffnung des Frommen vereitelt er nicht. Allem Erbarmen läßt er Raum; Jeglicher empfängt nach seinen Werken." Da diese Lehre wiederholt wiederkehrt, so muß in jener Zeit wirklich der Gedanke vorgeherrscht haben, daß Gott in seinem Erbarmen dem sündhaften Treiben der Menschen zusieht, ohne cs zu ahnden. Und da lag eine andere Idee nahe, die, als dem Streben des Menschen nach sittlichem Thun sehr gefährlich, Sirach bekämpft. Er sagt nämlich (16, 15): „Sprich nicht: Vor dem Herrn bin ich verborgen; wird er aus der Höhe mein gedenken? Im großen Haufen wird mein nicht gedacht, denn was ist meine Seele in der unermeßlichen Schöpfung?" Sirach widerlegt dies, indem er darauf hinweist, daß in dieser unermeßlichen Schöpfung nichts Großes und nichts Kleines vorhanden ist, was nicht aus dem Willen Gottes entstanden und dem Willen Gottes unterworfen ist; und dann, daß die Rathschlüsse Gottes von uns nicht erkannt iverden: „Wie ein Sturmwind, den der Mensch nicht sichet, so sind die meisten seiner Thaten verborgen." Es ist also nur Thorheit und Jrrthum, so zu denken. — Mit einem Mächtigen und Reichen sollen wir also so wenig wie möglich in Gemeinschaft, noch weniger in Streit uns einlassen; mit einem Tollkühnen nicht des Weges ziehen, mit einem Zornigen keinen Streit führen und nicht mit ihm durch die Wüste reisen," mit einem Narren nicht berathen, in Gegenwart eines Fremden nichts Geheimes vornehmen und nicht Jedermann unser Herz offenbaren. Gegen sein Weib soll man nicht eifersüchtig sein, aber sich ihm auch nicht ganz hingeben, „daß es sich über deine Macht erhebe!" Da er vor buhlerischen Weibern warnt, findet sich die Bemerkung (9, 4.): „Halte dich nicht zu lange bei einer Sängerin auf, damit du nicht von ihren Künsten bestrickt werdest." Also schon damals. Wenn es in den Sprüchen der Väter anffällt, daß gewarnt wird, viel mit einer Frau zu sprechen, so daß die Weisen sagten: „wer viel mit der Frau spricht, zieht sich Böses zu und verfällt der Hölle" — so führen Sprüche des* Sirach ungefähr eben dahin (9, 5—13), besonders warnt er davor, mit der Frau Wein zu trinken. Desgleichen läßt sich Sirach in kluger Weise über die Freundschaft, über alte und neue Freunde ans. Er dringt darauf, in allen Verhältnissen vorsichtig zu sein, denn, sagt er, „bedenke, daß du mitten unter Schlingen einhergehst und auf den Zinnen der Stadt wandelst!" d. h. auf gefährlichem Posten stehst. Diese Gefahren bestehen aber nicht bloß für das Individuum, sondern auch für die Völker und Throne. Es sind deren schon zu viele gestürzt und untergegangen, als daß Sirach nicht darauf hätte achten sollen: „Herrschaft gehet über von Volk auf Volk wegen Ungerechtigkeit, Uebermuth und Habsucht." Durch die Schickung des Herrn werden Fürstenthrone gebrochen und Völker ausgerottet mit der Wurzel. Wer es auch sei, der Reiche, der Angesehene und der Arme, ihr einziger Ruhm ist die Gottesfurcht. So wenig wie der Reichthum an sick, ist die Schönheit lobenswcrth. Der Mensch aber vergißt all' des Glückes, das er genossen, leicht in der Stunde des Unglücks. Sirach dringt ferner darauf, Wohlthaten nur dem Guten, nicht aber dem Gottlosen zu gewähren, der dadurch nur in seinen Lastern bestärkt werde und zuletzt seinem Wohlthäter nur Böses zufügt. Gegen den Feind sei man mißtrauisch, selbst wenn er sich demüthigt und gebückt einhergeht, so hüte dich vor ihm; „stelle ihn nicht neben dich, damit er dich nicht verdränge; setze ihn nicht zu deiner Rechten, damit er nicht nach deinem Stuhle trachte. So eifert Sirach denn auch gegen die Hoffahrt und die Habsucht. So baut Sirach auf die Gottesfurcht die ÄZeisheit und auf diese den Lebenswandel, die Lebensklugheit und die Sittlichkeit. Mitten in dem damals schon viel bewegten und von allen Leidenschaften durchwogten Leben, wo Macht, Reichthum und List von allen Seiten Gefahren bereiteten, soll der Mensch, von Gottesfurcht beherrscht und von der Weisheit geleitet, mit kluger Vermeidung alles Anstößigen fromm und tngendreich durchs Leben gehen, um sich das Wohlgefallen und den Segen des barmherzigen und gerechten Gottes zu erwerben, während der Sünder der Vergeltung anheimfüllt. Sirach liebt es nun, die Sammlungen einzelner Sprüche durch zusammenhängende Abschnitte zu unterbrechen, um so den vereinzelten, nicht fest zusammenschließenden Vorschriften und Mahnungen eine höhere theoretische Basis zu