Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1887)
- Date
- 1887-07-07
- Page
- Seite 430 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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430 ich entscheiden, welche von beiden melodiöser klänge. Ich half mir durch das Bekenntniß, daß bei seinem höchst angenehmen Organe keine der Sprachen den Vorzug verdiene. Damit war er zufrieden. Ich mußte ihm auch viele philologische Werke empfehlen und besorgen, aber als echter Sohn Albions wies er jede deutsche Ausgabe zurück, sobald das Werk irgend einmal in einer englischen erschienen war und wenn sie das Zehnfache kostete. Er war überaus erstaunt über die Wohlfeilheit des deutschen Büchermarktes. Aber in der That war damals die Ausstattung deutscher Bücher unter aller Würde, das Papier von der schlechtesten und dünnsten Qualität, die Typen unschön und geschmacklos. Es hat sich dies nur langsam in der Folgezeit gebessert, doch jetzt vermag die deutsche Typographie jeden Vergleich mit der französischen und englischen zu bestehen. — Die Muße, die mir von diesen Stunden und den Vorlesungen, die ich hörte, bei höchst gewissenhafter Benutzung der Zeit verblieb, verwandte ich auf meine besonderen Studien und Arbeiten. Schon während meiner Gymnasialzeit hatte sich in mir die Neigung herausgebildet, neben dem Streben nach allgemeiner Bildung irgend einen besonderen Gegenstand zu bearbeiten, und ein gewisser Schaffensdrang war frühzeitig hervorgetreten. Ich machte mich alsbald an die Ausarbeitung kleinerer Aufsätze und war keck genug, diese an die Redaktion eines Berliner Blattes einzusenden. Ich hatte Glück. Willibald Alexis (Häring), der bekannte Romanschriftsteller, damals Redakteur des ziemlich verbreiteten „Freimüthigen" (mit dem Bildniß Ullrich von Huttens), nahm meine Arbeiten sehr freundlich entgegen und honorirte sie. Er war ein stattlicher, etwas verschlossener Mann, einem gebildeten Unteroffizier ähnlich, mit dem damals bei dem Civilisten ungewöhnlichen Schnauzbart. Nur das große, sprechende Auge gab Zeugniß von dem Geiste des Mannes. So veröffentlichte ich: „Parallelen zwischen der griechischen und der nordischen Mythologie" (die nordische Sagenwelt war damals in das gebildete Publikum noch wenig, eingeführt), die Bearbeitung eines Briefes des Humanisten Poggio Bracciolini aus dem Jahre 1417 über das Schweizer Bad Baden, wohin er sich von dem Coucil zu Costnitz begeben hatte, über den Unterschied einer Vorlesung und einer Aufführung eines dramatischen Gedichtes u. dergl. Ich kann den Leser versichern, daß der Jubel, der mein jugendliches Herz erfüllte, als ich zum ersten Male ein Geistesprodukt und meinen Namen in einem für das allgemeine Publikum bestimmte Blatt gedruckt sah, größer war als irgend ein gleiches Gefühl bei späteren Erfolgen. Außerdem beschäftigte ich mich mit gründlichen Studien über die jüdischgriechische Literatur, namentlich über den Dramatiker Ezekielos und Philo den Aelteren. Und hier hatte ich abermals Glück. Meine erste Studentenwohnung hatte ich bei einem jüdischen Rentier genommen, natürlich bescheiden in den hinteren Räumen seines Hauses. Einer seiner Söhne war stiller Socius der Buch- und Antiquariatshandlung I. A. List. Ich machte dessen Bekanntschaft, und als er von meinen Arbeiten Kenntniß genommen, erbot er sich, meinen Ezekielos u. s. w. in Verlag zu nehmen. So erschien diese Schrift schon im Laufe meines ersten Semesters, und hatte im Gelehrtenkreise einen günstigen Erfolg. Eines Tages überreichte mir mein Buchhändler eine Zusendung, die durch seine Vermittelung an mich gelangen sollte. Sie enthielt von der Sozietät der Jenaer Literaturzeitung, des damals bedeutendsten literarkritischen Blattes, das Diplom als Mitarbeiter mit der Zusage von 17 Thalern Honorar per Druckbogen, was damals ein sehr beträchtliches war. Speziell sollte ich in der Patristik (!) arbeiten, mit welcher ich mich in der Bearbeitung jenes Alexandriners vertraut gezeigt hatte — das war für einen jungen Mann von 19 Jahren ein außergewöhnlicher Erfolg. Von da ab war neben den akademischen Vorlesungen und dem eifrigen Studium mit meinem polnischen Talmudlehrer meine Thätigkeit ununterbrochen auf literarische Arbeiten gerichtet und die dadurch erworbenen Honorare genügten vollständig zu meinem Auskommen. Doch will ich bemerken, daß ich mich mit der Belletristik nicht weiter befaßte. Zunächst gestatte ich mir, dem Leser noch einige Zwischenfälle aus jener für mich so glücklichen Studienzeit zu erzählen. Am schwarzen Brett der Universität hatte ich eine Aufforderung der philosophischen Fakultät gelesen, welche eine Preisbewerbung um ein Stipendium von 30 Thalern betraf. Allerdings floß dieser Preis aus einer Kircheucollekte in der Provinz Brandenburg, aber es war in der Aufforderung keinerlei Beschränkung angefügt, sondern sie war an alle Commilitonen gerichtet. Die Wahl des Gegenstandes war frei gegeben und nur der Werth der Arbeit sollte entscheiden. Ich entschloß mich in die Bewerbung einzutreten und wählte dazu das Leben des Humanisten Laurentius Valla (geb. 1415.) Die Abhandlung mußte in lateinischer Sprache abgefaßt sein. Nun, die Fakultät entschied sich zu meinen Gunsten, und ich erhielt von dem Dekan eine Anweisung auf die Rendantur des Consistoriums. Als ich daselbst erschien, faßte mich der Rendant, ein kleiner schmächtiger Mann mit großer Hornbrille auf der Nase, scharf ins Auge und prüfte genau meine Papiere, die ich zur Legitimation meiner Person vorzulegen hatte. Dann sprach er: „Sie sind doch ein Jude?" Ich bejahte dies. „Wie kommen Sie denn dazu, einen Preis aus einer christlichen Consistorialkasse beziehen zu wollen?" Meine Antwort lautete: „Durch nichts als das Urtheil der Fakultät und die mir von dieser gewordene Anweisung." Der kleine Mann gerieth in Zorn, schlug auf das Pult und schrie: „Das muß erst noch weiter untersucht werden!" — Ich wanderte sofort zum Dekan, berichtete ihn über den Vorgang, worauf dieser ausrief: „Will solch' ein Rendant sich das