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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-07-07 · Heft 27 (7.7.1887) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 27 (7.7.1887)
Date
1887-07-07
Page
Seite 428 (sequence 12)
Language
German
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428 darüber, daß ein reicher Christ in Palästina, der einen Rabbiner ermordete, durch Bestechung der türkischen Behörde unbestraft blieb. Die Pariser „Alliance Israelite“ wendete sich telegraphisch direct an den Sultan und bat um Bestrafung des Mörders, sowie des bestochenen Paschas. Bonn, 3. Juli. (Notizen.) Man schreibt aus Berlin: Eins der Opfer des Eisenbahnunglücks in Wannsee hat gestern (Donnerstag) seine Ruhe in kühler Erde gefunden: der Kandidat der Medizin Josef Pollack wurde auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee beerdigt. Es war eine tiefernste Trauerversammlung, die sich in der Bethalle vor dem Sarge des Verunglückten zusammenfand. In seinem Innern ruhten die bis zur Unkenntlichkeit entstellten körperlichen Reste, aber außen wurde der Sarg buchstäblich unsichtbar unter den herrlichsten Blumen und Kränzen, als wollte man mit diesem duftenden Schmuck des Unglücks Größe vergessen machen. Auch die studentischen Freunde hatten prächtige Kränze gewidmet und wohnten zahlreich der Trauerfeier bei. Unter den Leidtragenden bemerkte man angesehene Vertreter des Handelsstandes, bekannte Berliner Aerzte und einige Universitätslehrer. Nachdem der Sarg von der Todtenkammer zur Bethalle übergeführt worden war und sich die Anwesenden in stiller Trauer um denselben geschaart, hielt Rabbiner vr. Maybbaum die tiefergreifende Trauerrede. Er schilderte den Verstorbenen als einen strebsamen und hoffnungsvollen Jüngling, der sich mit ganzer Pflichttreue seinem Studium hingegeben, um dereinst zum Wohle der leidenden Menschheit wirken zu können. Als dann der Geistliche der ensetzlichen Katastrophe gedachte, die so schnell dies blühende Menschenleben vernichtet, da ging ein Schluchzen durch die große Menge, das die tiefe Rührung aller Anwesenden bekundete. Nachdem der Geistliche geendet, trug man den Sarg zur Gruft, in die er nach den üblichen Gebeten gesenkt wurde. Unweit der gemeinsamen Ruhestätte der bei der Steglitzer Eisenbahnkatastrophe verunglückten Familie Horwitz hat die sterbliche Hülle dieses neuen Opfers ihre letzte Ruhestätte gefunden. — Man schreibt uns aus Berlin vom 24. Juni: Es wird die Leser dieses Blattes interessiren, zu erfahren, daß der großartige, überaus kunstvolle Tafelaufsatz, welchen die Königin von England zu ihrem Regierungsjubiläum von ihren Kindern und Enkeln (34 an der Zahl) erhalten hat, in seinem bei weitem größten Theil in dem Atelier einer jüdischen Firma, der Gebr. Friedländer in Berlin, ausgeführt worden ist. — Man schreibt aus Potsdam: In unserer Stadt ist seit drei Jahren ein Industriezweig in jüdischen Händen, der besonders her Erwähnung verdient. Herr L. Lehmann übernahm eine bereits bestehende Conservenfabrik und hat sie mit unermüdlichem Fleiß, strengster Reellität und Umsicht zu einer wahren Musteranstalt erhoben. Es verlohnt sich der Mühe, in der jetzigen Zeit des Spargels und der jungen Schoten, die hohe, lustige Arbeitshalle zu betreten. Ueber 200 Frauen und Mädchen sitzen in sauberen Anzügen in laugen Reihen und bereiten die Gemüse vor; Dampfmaschinen sind im Gange, und unablässig schafft der Fabrikherr selbst und seine Angehörigen, die zu den Gebildetsten unserer Gemeinde gehören, in rastloser Arbeit von morgens 5 Uhr bis zum späten Abend, allen voranleuchtend in Thätigkeit und Arbeitslust. So breitet sich vor dem Beschauer ein schönes Bild tüchtigen Wirkens und nützlicher Arbeit, und erfreut besonders, wenn man bedenkt, wie oft der Jude von seinen Gegnern der Sucht nach leichtem arbeitslosen Gelderwerb geziehen wird. Darum ist es Pflicht, eine solche Thätigkeit besonders zu erwähnen. — Der vor Kurzem verstorbene Jean Dolfus in Mühlhausen (Elsaß), Christ, hat unter seinen zahlreichen Legaten auch 2400 Mark dem israelitischen Hospital dieser Stadt vermacht. Bonn, 27. Juni. (Literarische Notizen.) Die „Köln. Ztg." vom 23. Juni bringt einen Feuilletonartikel über die neueste Schrift eines gewissen Victor Hehn: „Gedanken über Goethe". Das Urtheil über dieser Schrift fällt nach zweien Seiten aus: sie enthält geistreiche Bemerkungen und zeugt von vieler Belesenheit, dagegen ist sie voll Borurtheile, voll Dünkels und Selbstüberhebung und erweist wieder Unkenntniß und Oberflächlichkeit. So bringt Hehn über Heine „das reine Nachschwatzen der alten Seichtigkeiten und Legenden über diesen Dichter". Hehn hat viel in Petersburger Kreisen gelebt und als Deutschrusse ist er Antisemit vom reinsten Wasser. Jndeß theilen wir Juden die Antipathien dieses Causeurs mit Anderen, namentlich mit den Norddeutschen, welche den Süddeutschen das Wasser nicht reichen sollen. Goethe ist nach Hehn verbauert, weil er aus Süddeutschland nach Weimar gegangen, „nacki dem rauhen Schattenlande Thüringens". Der Artikel schließt mit dem Urtheil, welches Hehn über den jüdischen Denker, Dichter und Künstler ausspricht, und die der Verfasser des Artikels treffend widerlegt: „Der Jude", sagt Hehn, „denkt in Gegensätzen und geht überall auf isolirende Scheidung, nicht auf genetischen Zusammenhang aus. Wie die natürlichen und historischen Processe, so liegt auch die Kunst dem jüdischen Genius fern. Die Wellenlinie der Schönheit, ihre innere Harmonie und geschloffene Form bleibt diesem springenden, aufreizenden, in Witzen, Sprüngen, Sinnworten sich äußernden Geiste unerreichbar, und was Lessing in seinem Briefe an Campe sagt: „Noch so viele Blitze machen keinen Tag", paßt trefllich ans das jüdische Denken und Schreiben" ... In Gegensätzen ist kein moderner Dichter größer als Victor Hugo. War er ein Jude? Börne hat seine Vorliebe für zugespitzte Coutraste von Jean Paul gelernt, war dieser ein Jude? Hehn's „Gedanken über Goethe" sind reich an „Sprüngen" und „aufreizend ohne

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