Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-07-07 · Heft 27 (7.7.1887) · p. Seite 426

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 27 (7.7.1887)
Date
1887-07-07
Page
Seite 426 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227691--44539-3266824
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

426 Der geschätzte Schaden an beweglichem und unbeweglichem Vermögen beläuft sich auf 152,000 fl., wovon nur 28,000 fl. assekurirt waren. Das Militär hat in der Stadt die Ruhe hergestellt. In der Umgebung aber sind die jüdischen Bewohner noch immer bedroht. Pest, 22. Juni. (Privatmitth.) Außer den in voriger Nummer bereits genannten Wahrmann und Chorin wurden von. unseren Glaubensgenossen in den ungarischen Reichstag wiedergewählt.' vr. Alexander Ullmann und Ambrosius Nemenyi; vr. Arthur Jellinek, ein Neffe des vr. Ad. Jellinek in Wien, und vr. A. Neumann wurden neugewählt. Auch Carl Eötvös, der berühmte Vertheidiger von Tissa- Eßlar, wurde mit großer Majorität gegen einen Antisemiten gewählt. Excesse blieben bei den Wahlen nicht aus. An vielen Orten wurden die Hetzereien gerade von denjenigen am eifrigsten betrieben, welche dem Volke die Religion der Liebe zu verkünden und die Bildung unter das Volk zu verbreiten berufen wären, von den Geistlichen und Schullehrern. Und die höheren kirchlichen Autoritäten, in erster Reihe der Primas Erzbischof Simon, haben ihre Untergebenen an ihre Pflicht, welche sie in so unverantwortlicher Weise vergessen, nicht allein nicht erinnert, sondern sollen sie in ihrem Fanatismus auch noch bestärkt haben. Nach einer Mittheilung der „Pol. Corr." sind an maßgebender Stelle umfassende beglaubigte Berichte über die antisemitischen Agitationen eines Theiles des ungarischen Clerus anläßlich der Reichstagswahlen eingelaufen. Auch in sehr hohen Kreisen hat man Kenntniß von diesen Umtrieben und verurtheilt dieselben aufs Entschiedenste. In Duna-Szerdahely, wo ein Antisemit gewählt worden ist, Ivurdc vorigen Sonntag Nachts die obere Gasse, wo die meisten Juden wohnen, von drei Seiten in Brand gesteckt. Um 4 Uhr Morgens standen 64 Gebäude in Flammen. 80 jüdische Familien konnten nur das nackte Leben retten. Für die Abgebrannten in Duna-Szerdahely: Sendung der „Alliance Israelite Universelle“ als Spende der Familien Errera-Oppenheim in Brüssel zur Uebermittlung an die isr. Gemeinde in Duna-Szerdahely zu Gunsten ihrer durch Brand beschädigten Mitglieder Frcs. 2700; außerdem den Betrag von 10,120 fl als Spende des Herrn Baron Hirsch. Geza Onody wurde in seinem früheren Wahlbezirke nach hartem Kampfe wiedergewählt. Beinahe alle Einwohner des Ortes gaben ihre Voten für Onody ab, weil die Anhänger des liberalen Candidaten durch die Antisemiten am Leben bedroht und mit Steinen beworfen wurden, so daß sie nicht zur Wahlurne gelangen konnten. Viele Wähler haben die Flucht ergriffen. Heute findet die Wahl in Czegled statt, wo Verhovay als Candidat auftrilt und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gewählt wird. In Oroshaza wird der Antisemit Beres durchdringen. Das Dutzend Antisemiten ist schon voll. Pest, 24. Juni. Bisher ist das Wahlresultat aus 39 Bezirken bekannt geworden. Hiervon entfallen auf die liberale Partei 253, auf die gemäßigte Opposition 43, auf die Unabhängigkeits-Partei 70, auf die Antisemiten-Partei 10, auf die Nationalitäten-Partei 9, auf die Parteilosen 7; Stichwahlen finden statt in 4 Bezirken; sistirt wurde der Wahlact in einem Bezirke. Die Majorität der liberalen Partei gegenüber allen Parteien zusammen beträgt 113. Die liberale Partei gewann 50 und verlor 27 Bezirke; die gemäßigte Opposition gewann 10 und verlor 18, die Unabhängigkeits-Partei gewann 23 und verlor 20, die Antisemiten- Partei gewann 4 und verlor 7, die Nationalitäten-Partei gewann keinen und verlor 4, die Parteilosen gewannen 4 und verloren 8 Bezirke. Ein Correspondent der „Voss. Ztg." sagt: „Die ungarischen Reichstagswahlen haben ein verblüffendes Resultat. Auf solche Mißerfolge der gemäßigten Opposition und der Antisemiten war man nirgends gefaßt. Bon den 413 Abgeordneten zählen 262 bestimmt zur liberalen (Regierungs-) Partei, während die gemäßigte Opposition unter Graf Apponyi nur mit 41 Stimmen im Hause erscheint. Nächst der Regierungspartei haben die Unabhängigen die meisten, nämlich 75 Stimmen. Die Antisemiten müssen sich mit 11 Stimmen begnügen; ihr Führer Jstoczy erscheint zwar gewählt, dagegen ist ihr Kampfhahn Verhovay in Czegled durchgefallen, nachdem Kossuth sich von ihm gewendet. In Pest ist der Jubel darob ein allgemeiner, und obwohl anstatt Verhovay's der Unabhängige Komatky gewählt wurde, so schreibt doch selbst das Regierungsblatt „Nemzet", daß der Sieg der Unabhängigen „im Interesse der Reinheit des öffentlichen Lebens in Ungarn" nur freudig begrüßt werden kann. Indem Verhovay aufgehört hat, Abgeordneter zu sein, dürfte er seine Rolle überhaupt ausgespielt haben, und auch sein Blatt, das Gist verbreitete und die Classenhetze systematisch betrieb, wird zu erscheinen aufhören, da es ohnedies an Geldcalamitäten krankt und in der letzten Zeit nur unregelmäßig erschien. Es ist gut so, denn die bedauerlichen Excesse gegen die Juden, die Brandlegungen u. s. w. waren ausschließlich das Werk dieser Hetzer. Uebrigens soll nicht unerwähnt bleiben, daß auch die von den Bischöfen subventionicte klerikale Presse sich in dieser Wahlcampagne schlecht benommen und mit den offenen Antisemiten an einem Strange gezogen hat. Das mag daher kommen» weil Minister Trefort mit den Bischöfen auf gespanntem Fuße steht und die Mißwirthschaft auf den geistlichen Gütern abzustellen entschlossen ist. Dieser Entschluß, welchen Trefort öffentlich kundgab, hat auch den Primas verstimmt." Als der Untersuchungsminister Trefort sich in der inne-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.