Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1887)
- Date
- 1887-07-07
- Page
- Seite 424 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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424 Gotteshaus herzustellen, sie wird daher die Mildthätigkeit ihrer Glaubensgenossen in Anspruch nehmen müssen. Interessant dürfte die Mittheilung sein, daß schon am 14. Mai 1805 durch die damalige König!. Kriegs- und- DomaineU'Kammer zu Breslau im Namen des Königs der hiesigen Gemeinde die Erlaubniß ertheilt wurde, eine Synagoge zu bauen. Wegen der darauf folgenden unglücklichen Kriegsjahre ist aber der Bau unterblieben und erst im Jahre 1814 begonnen worden. Die Geldbeschaffung war damals sehr schwierig, so daß der Bau ins Stocken gerathen wäre, wenn nicht ein hochherziger katholischer Priester aus unserem benachbarten Landsberg der Gemeinde eine größere Summe dargeliehen hätte, welche zwar hoch zu verzinsen, aber nach dem Ableben dieses edlen Mannes nicht zurückzuzahlen war. Siegfr. Schlesinger, Vorsteher. Oesterreich-Ungarn. Aus Ungarn, 22. Juni. Die traurigen Vorgänge in Duna-Szerdahely sind zu charakteristisch, als daß wir nicht eine Schilderung aus dem „Pester Lloyd" hier wiedergeben müßten. Duna-Szerdahely, 21. Juni. Die bäuerliche Bevölkerung im Also-Csalloközer Bezirke galt bisher im Allgemeinen als ziemlich vernünftig und ruhig denkend. Wohl waren auch Manche in diesem Bezirke solche, die ihren Ruin dem Wucher zuschreiben und daher gegen die Szerdahelyer Juden tiefen Groll hegen. Allein im Großen und Ganzen galt die Bevölkerung als „jozaneszü nep“, welches das gewissenlose Gebühren Einzelner nicht der Allgemeinheit und allen Anderen aufs Kerbholz schreibt. Da kam noch vor den Pfingstfeiertagen Advocat Ludwig Szabo aus Budapest, von dem es heißt, daß er mit den Budapester Gerichten schon in eigener Sache zu thun hatte, als antisemitischer Candidat nach Duna-Szerdahely. Er hatte nur sehr geringen Anhang und zwar nur aus der Hefe des Volkes. Als er dort das erste Mal erschien, wurde er von den Juden hart bedrängt und mußte in den Hof des Stuhlrichteramtes flüchten. Dadurch wurde aus ihm ein sogenannter „Märtyrer" gemacht, der die Gloriole dieses „Martyriums" weidlich ausnützte. Er warb Anhänger, was ihm um so leichter wurde, da es bald bekannt war, daß der Stuhlrichter Carl Szabo mit ihm fympathisire. Doch noch am Pfingstsonntag, als er seine Programmrede hielt, waren unter seinen Zuhörern wenig eigentliche Wähler; das Gros des Auditoriums rekrutirte sich aus dem besitzlosen Pöbel. Pfingstmontag hielt Saghy seine Candidatenrede vor einem wahrhaftigen Wählerpublikum und hatte auch Erfolg. Später war Graf Apponyi in einer glänzenden Rede Saghy zu Hilfe gekommen, hatte auch bei dem zu feinen Ehren im Casino arrangirten Banket vor circa 250, der Intelligenz angehörigen Wählern mit großer Wirkung gesprochen, und mit verschwindend geringen Ausnahmen hatten sich die intelligenten Wähler sowohl der Regierungspartei, als der gemäßigten Opposition und der äußersten Linken zusammengethan und die Parole ausgegeben: man müsse Saghy gegen Szabo um jeden Preis unterstützen. Man war umsomehr in diesen Kreisen voll Zuversicht, da die Programmrede Szabo's herzlich unbedeutend war, nur mit den bekannten antisemitischen Schlagern vperirte und nichts enthielt, was denkende Menschen zu fesseln vermochte. Allein auch Szabo und seine Anhänger blieben nicht unthätig. Sie zogen von Ort zu Ort, warben überall neue Freunde und ihr Cortäge wurde immer größer. Szabo hielt überall Ansprachen, versprach das Blaue vom Himmel, eine gerechtere Vertheilung des Bodens, Tilgung der bäuerlichen Schulden, Verminderung der Steuerlasten, Herabsetzung des Salzpreises, Reduzirung des Beamtenheeres und dergleichen Wundermittel zur allgemeinen Beglückung mehr. Es ist Thatsache, daß er sich in Podafa und Udvarnok im Vereine mit seinen Anhängern niedergekniet und öffentlich gebetet hat, es möge der heilige Geist vom Himmel herniedersteigen und die Wähler erleuchten, daß sie für ihn stimmen, denn er werde das Volk von seinen Leiden erlösen. Die Masse, namentlich der besitzlose Pöbel, wurde mit der Zeit dadurch so fanatisirt, daß wenn dortige Grundbesitzer oder sonstige zur Intelligenz gehörige Personen christlicher Religion mit den Leuten sprachen, um sie von Szabo abwendig zu machen und für Saghy zu gewinnen, sie nicht selten die Antwort erhielten: man müsse die Juden aufhenken, aber auch die Herren, denn Beide seien Schurken (gazemberek). Die Zustände wurden bald derartige, daß sich in den Dörfern Niemand getraute bei Nacht auszugehen, da dies als mit Lebensgefahr verbunden betrachtet wurde. Nichtsdestoweniger glaubten die Häupter der Partei Saghy noch am 16., dem Vortage der Wahl, daß sie über 938 sichere Stimmen verfügen. Allein am Wahltage selbst hielten ihre Colonnen nicht Stand und ganze Dörfer, wie z. B. sämmtliche 22 Wähler von Albar gingen in das gegnerische Lager über. Als es klar war, daß Szabo durchdringen werde, entbanden die Parteiführer der Partei Saghy einzelne Wähler aus solchen Gemeinden, in denen das Gros der Bevölkerung für Szabo stimmte, selbst der Stimmenabgabe, weil diese sonst bei ihrer Heimkunft in Lebensgefahr geschwebt hätten. Die gesommte Intelligenz stimmte für Saghy und bei der Wahl selbst haben nur darum einige Schlägereien stattgefunden, weil einige Juden sich unter die Anhänger Szabo's gemischt hatten, um diese abtrünnig zu machen. Von den „Herren" verhielten sich nur zwei Persönlichkeiten neutral, während nur drei aus dieser Classe,