Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1887)
- Date
- 1887-07-07
- Page
- Seite 422 (sequence 6)
- Language
- German
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422 schichtliche Erklärung ist unschwer. Grund und Boden zu erwerben und ein festes geordnetes Gewerbe zu betreiben, hat man Jahrhunderte hindurch dem Juden unmöglich gemacht. Er war angewiesen auf die schwankenden Chancen des Handels und auf die Unsicherheit des Besitzes. Da mußte er stets nach Erwerbsquellen ausschauen, die sich von selbst nicht darboten, auf Mittel und Wege außerordentlicher Natur, sich Kapitalbesitz zu verschaffen. Nun, Speculationssucht ist das Gegentheil vom zersetzenden Verstände, welcher jedenfalls die Erfolge eines Unternehmens im Voraus zu erkennen trachtet und die unsicheren, ja gefährlichen herauszufinden sucht. Aber bei näherer Prüfung zeigt sich das Eigenthümliche, daß, wenn das jüdische Individuum des Mittelalters und der Neuzeit zum Speculiren geneigt war und zum Theil noch ist, die Gesammtheit und jede Genossenschaft der Juden stets überaus vorsichtig und in ihren Operationen zurückhaltend war. Wir erkennen dies aus der Geschichte des alten Israels sehr wohl, da dies stets zu tapferer Vertheidigung, niemals aber — nach der Eroberung Canaans, die doch auch nur theilweise ausgeführt ward — zum Angriff und zur Eroberung anderer Länder geneigt und geschickt war. Es nahm eben keinen Ausblick über seine eigenen Grenzen hinaus und speculirte niemals auf einen Gewinn, der in der Weite gesucht worden wäre. Aber dieselbe Eigenschaft können wir bei den jüdischen Gemeinden bis zum heutigen Tage finden. Sie beschränken sich stets auf die überlieferten Einrichtungen und Bedürfnisse, und bemessen, wenn sie solchen zu genügen haben, die vorhandenen Mittel. Bei Neubauten der Synagogen z. B. verschaffen sie sich stets die dazu benöthigten Mittel, sei es aus eigenen Kräften, sei es durch Gesuche bei den Glaubensgenossen. Höchstens erheben sie eine Schuld durch Obligationen, welche die Begüterten der Gemeinde übernehmen, und für deren Amortisation gesorgt ist. So sehr sie auch jeder städtischen und Staatshilfe ermangeln, stehen daher ihre Finanzen in Gleichgewicht und gerathen weder in Deficits noch in Schulden. Wir glauben hiermit diese Behauptung von dem „zersetzenden Verstände" der Juden, welche von unseren Gegnern so oft zu nachtheiligen Combinationen verwendet wird, auf das richtige Maß zurückgeführt zu haben. %eikiA-vvtyi>viac Deutschland. München, 29. Juni. (Privatmitth.) So weit bis jetzt die Wahlen zum bairischen Landtage bekannt geworden, sind aus der Reihe unserer Glaubensgenossen hier in München der Comm.-Rath Maison (freisinnig) gewählt, und in Nürnberg vr. Frankenburger (liberal) wiedergewählt worden. Fürth, 23. Juni. Als ein charakteristischer Zug in dem Bilde unserer Zeit und zur richtigen Würdigung der Juden in der Gegenwart, wird der folgende Bericht wohl angesehen werden, der uns von Fürth zukommt. In heutiger Magistratssitzung gab Herr Bürgermeister Langhaus eine ihm vom Herrn Rechtsanwalt Berolzheimer, als einem der Tcstamentsexecutoren, übersandte Abschrift der letztwilligen Verfügungen unseres verlebten Ehrenbürgers Hrn. vr. Königswarter im Auszug bekannt. Darnach ist die Stadt Universalerbin, abgesehen von dem Stammvermögen der Familie, das auf die nächsten Anverwandten übergeht, dann dem Mobiliar und Leibwäsche, über welche besonders verfügt ist und einigen Legaten, so erhalten u. A.: 3500 M. die hiesigen christlichen und 6800 M. die hiesigen israelitischen Wohlthätigkeitsstiftungen, 2000 M. das Münchener Krankenhaus und 1000 M. der Pariser deutsche Hilssverein. Zum Zeichen des Dankes für diese neuerliche Bethätigung der hochherzigen j Gesinnung, welche der edle Verstorbene seiner Vaterstadt von jeher entgegenbrachte, erhebt sich der Magistrat von den Sitzen. Die Vertheilung der 6800 M. für die israelitischen Stiftungen obliegt dem Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde. Ueber die Motive, welche Herrn vr. Königswarter zur Einsetzung der Stadt Fürth als Universalerbin bewogen, besagt das Testament: Der weitaus größte Theil der Kinder meiner verstorbenen Geschwister befindet sich zur Zeit theils in sehr erfreulichen, theils in den glänzendsten Vermögensverhültnissen; ferner stammt unsere Familie von Fürth; Vater und Onkel haben daselbst viele Jahre ehrenvoll gelebt und gewirkt; ich selbst, wenn gleich ferne von meiner Vaterstadt lebend, wurde der Ehrenbürgerschaft von Fürth theilhaftig, eine Ehre, in welcher ich stets nur die Achtung erblickte, deren sich der Name unserer Familie bis auf den heutigen Tag erfreut. So möge denn dieses kleine Verdienst, welches ich mir um meine Vaterstadt erst nach meinem Ableben erwerben kann, meine redliche Absicht bethätigen, in ihr jedoch vereinigen sich die wärmsten Wünsche für das Gedeihen und die Blüthe von Fürth, für den Wohlstand seiner Bürger und die Prosperität jener Elaste von Arbeitern, denen ein friedliches Zusammenwirken mit ihren Brodherren und Arbeitgebern zu dem bescheidenen Maaß ihrer Wünsche und Ansprüche verhelfen möge.