Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1887)
- Date
- 1887-07-07
- Page
- Seite 421 (sequence 5)
- Language
- German
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421 Einige Betrachtungen. ii. Heinrich Heine hat ein paar Schlagwörter über Juden und Judenthum zur Welt gebracht, die, unter einem gewissen Scheine von Wahrheit, schnell Eingang fanden. Eines derselben spricht von „dem zersetzenden Verstände der Juden". Dies schlug ein; lange schon suchten die Gegner der Juden, diesen einen besonderen Charakterzug zu insinuiren — jetzt hatten sie ihn gefunden. Es war damit ein psychischer Racenunterschied gegeben, und zugleich ein solcher, dem man, ohne an sich ein compromittirender zu sein, recht viel Böses und Gefährliches für die allgemeine Geistesrichtung nachsagen ließ. Nun wollen wir nicht leugnen, daß Heine selbst solch' einen „zersetzenden Verstand" hinreichend bekundet hat; seine Kritik war eine zersetzende, die ihren unglücklichen Gegenstand zer. faserte und dann die Untauglichkeit des zerfaserten Gewebes nachwies. Ja selbst seinem großen poetischen Genius hat diese seine Geisteseigenschaft vielen Schaden gethan, da durch sie bei ihm der Schritt von der Höhe in die Tiefe, vom Erhabenen bis zum Gemeinen in epigrammatisch zugespitzten Liedern ein leichter war. Daß individuelle Züge hervorragender Männer bei einigem guten Willen leicht auf das ganze Volk oder auf die ganze Rasse, der sie entstammten, übertragen werden, ist ein nicht seltener Vorgang. Einerseits sucht man für auffällige Erscheinungen nach einer Erklärung, nach einem Ursprung aus dem Allgemeinen heraus; andrerseits, wie bemerkt, überträgt man gern etwas immerhin Tadelndes von dem Individuum auf die betreffende Gesammtheit, namentlich wenn diese die Juden sind. Trotzdem wollen wir nicht ganz und gar absprechen, daß bei den Juden recht häufig ein „zersetzender Verstand" zu bemerken gewesen. Wir sagen dies mit Bedacht im Präteritum, denn wir glauben aus unsrer Beobachtung heraus behaupten zu dürfen, daß mit so vielem Eigenartigen aus der Vergangenheit auch dieses sich zu verlieren begonnen hat, und nach mehreren Generationen nur noch in ganz gewöhnlichem Maße zu finden sein werde. Wir sprechen hier selbstverständlich nur von den Juden in Mittel- und Westeuropa. Der „zersetzende Verstand" der Inden hatte nämlich zwei Ursachen: das ausschließliche Studium des Talmuds, vorzugsweise der Halacha, namentlich in der üblichen Methode des Pilpul, wo die Geistesthätigkeit des Haarspaltens, des Aufsuchens von Differenzen und des Herbeiholens von Ausgleichungsmotiven durchaus vorwaltete, und dann die beständigen Gefahren, die immerwährende Bedrohung mit Mißhandlungen, in welchen sich die Juden befanden, so daß sie bei jedem Ereigniß, in jeder Situation, vor jeder Persönlichkeit mit möglichstem Scharfsinn aus den Symptomen herauszufinden suchen mußten, was für Gesinnung und Absicht hier vorhanden sein möge. Nun, beide Momente sind bedeutend abgeschwächt. Das Talmudstudium ist gegenwärtig äußerst reducirt und fast nur noch auf die Männer beschränkt, welche dem Rabbinerstande angehören und sich zu ihm vorbereiten. Die Sicherheit der Person und des Eigenthums ist von der Herrschaft des Gesetzes und der Energie der Behörden den Juden so gut wie den Christen verbürgt. Die Momente also, welche vorzugsweise den „zersetzenden Verstand" bei den Juden förderten, sind seit einigen Menschenaltern geschwunden und hiermit verliert sich ihre Wirkung. — Aber, wird man einwenden, trotz dieser geschichtlichen Erklärung kann jene seelische Eigenschaft eine genetische, ursprüngliche, vererbte sein. Wäre sie dies, so muß man fragen, wie vereinigt sie sich mit der notorischen Geneigtheit der Juden zum Enthusiasmus, zur Begeisterung für Personen, Sachen - Ideen? Die Juden gerathen sehr leicht in solche Begeisterung und Ueberschätzung, früher z. B. für Rabbinen und Vorsänger, jetzt findet man unter den enthusiastischen Bewunderern von Künstlern und Künstlerinnen stets sehr zahlreiche Juden. Es ist niemals schwer, das wärmste Interesse für die glänzenden Seiten einer Sache oder Person bei den Juden zu wecken und sie zu größeren oder geringeren Opfern für dieselbe zu bewegen. Ob dieser Enthusiasmus von langer Dauer ist, wollen wir nicht untersuchen. Jedenfalls steht er im Widerspruch mit dem zersetzenden Verstände, denn gerade dieser geht kühl bis ans Herz den Dingen entgegen, und sucht viel mehr die schwachen und dunklen Seiten als die starken und leuchtenden herauszufinden. Noch weiter. Den Juden schreibt man mit Fug und Recht eine mächtige Neigung zum Optimismus zu. Ist doch der Grundzug des Judenthums die optimistische Weltanschauung von der Schöpfung an bis zur Hoffnung auf einen Messias oder eine messianische Zukunft des Menschengeschlechts, ein Grundzug das unerschütterliche Gottvertrauen und der Wahlspruch bei jedem Geschick: „Auch dies ist zum Guten!" Dies ist der gerade Gegensatz zum zersetzenden Verstände, der selbst in jeder Freude die wehmüthige oder schmerzliche Seite, in jedem Vortheil und Gewinn einen Nachtheil und Schaden herausklügelt. Der Optimismus war der Begleiter und die starke Stütze des Juden auf seinem ganzen dornenvollen geschichtlichen Gange, er ließ ihn den Wanderstab ergreifen, wenn er verbannt und verjagt wurde; er ließ ihn eine neue Heimstätte aufschlagen, wenn er auch wußte, daß es um diese sehr fraglich stehe; er ließ ihn immer wieder Synagogen und Lehrhäuser bauen, wenn ihm diese geraubt, geplündert oder verbrannt worden. Unter solchen psychischen Gegensätzen kann der zersetzende Verstand keine große Rolle spielen, kann er eine entscheidende und bleibende psychische Eigenschaft nicht sein. — Doch noch eine Bemerkung wollen wir hinzufügen: Man wirft den Juden häufig die Speculationssucht vor, und es ist nicht zu leugnen, daß dieselbe vorhanden ist. Die ge-