Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1887)
- Date
- 1887-07-07
- Page
- Seite 420 (sequence 4)
- Language
- German
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420 Uebrigens reiht der Verf. nicht sowohl einzelne Sprüche zusammenhangslos an einander, als er vielmehr über jeden Gegenstand mehrere Sentenzen znsammenfaßt und es liebt, diese mit denselben Worten zu beginnen, wie „wer Gott fürchtet," „wer seinen Vater ehrt" u. s. w. Es ist ihm also auch um oratorischen Schmuck zu thun. Sirach führt diesen Abschnitt in derselben Weise ein, wie es auch bei Salomo der Fall ist: „Gehorchet, Kinder, mir, Eurem Vater" u. s. w. Als das erste Pflichtgebot wird nun das Verhalten der Kinder gegen Vater und Mutter nach allen Verhältnissen hin besprochen. Als die erste Tugend wird Bescheidenheit und Demuth gerühmt. Nur der Demüthige findet Gnade vor Gott. Eigenthümlich ist der Ausspruch (III, 21): „Denn groß ist die Macht des Herrn und durch die Demüthigen wird sie verherrlicht." Der Verf. betrachtet den Stolz und die Selbstüberhebung, die er weiterhin bekämpft, als Trotz gegen Gott, während der Demüthige die höhere Macht anerkennt und durch seine Ergebung in den Willen Gottes die Menschen belehrt. Unser Spruchredner warnt ferner: „Suche nicht, was dir zu schwer ist, und erforsche nicht, was über deine Kräfte geht." Denn solches ist das Werk der Selbstüberschätzung und des Dünkels, der die richtige Einsicht verhindert. So warnt er ferner vor Vermessenheit, welche sich in Gefahr begiebt und vor Hochmuth. Als ein zweites Pflichtgebot stellt er die Wohlthätigkeit auf, die er in allen Nuancen zu üben befiehlt. Er sagt hier auch: „Mache dich beliebt bei der Gemeinde, und vor Mächtigen neige dein Haupt." Man würde aber irren, wenn man hieraus schlösse, daß der Verf. hiermit die Nachgiebigkeit gegen irgend eine Pflichtverletzung verbände. Vielmehr verlangt er: „Rette den Unterdrückten aus der Hand des Unterdrückers und sei nicht kleinmüthig, wenn du richtest." Ja noch mehr, er sagt weiterhin (4, 32): „Unterwirf dich nicht den Thoren und sieh nicht die Person des Mächtigen an; bis in den Tod kämpfe für die Wahrheit, so wird Gott der Herr für dich streiten." Hier spricht der heldenmüthige Geist, der bald für die Makkabäer und ihre Anhänger so nöthig sein sollte. Von der einen Seite also sich den Machthabern beugen und ihnen gehorchen, wo sie im Rechte sind, für Gerechtigkeit und Wahrheit aber bis in den Tod kämpfen. In einer Anpreisung der Weisheit spricht der Verf. folgende eigenthümliche Sätze aus: „Anfangs zwar führet sie ihn krumme Pfade, bringt Furcht und Zagen über ihn, und quälet ihn mit ihrer Zucht, bis sie ihm vertrauet, und ihn in ihren Gesetzen geprüft hat. Sodann aber kommt sie ihm auf geebnetem Wege entgegen, und erfreuet ihn, und offenbaret ihm ihre Geheimnisse. Betritt er aber einen Irrweg, so verläßt sie ihn und überläßt ihn seinem Falle" (4, 18). Die Personifizirung der Weisheit ist uns nicht neu, wir kennen sie aus Salomo und Hiob. Der Sinn dieser Verse geht nun wohl dahin, daß die Weisheit nicht ohne innere Seelenkämpfe erlangt werde, daß Zweifel und Leidenschaft den Menschen irre machen und zu Fehltritten verleiten, so daß dem Zweifel gegenüber die Seele verzagt und nach Fehltritten das Gewissen quält — aber wer die Keime der Weisheit vermittelst der Gottesfurcht in sich trägt, der gelangt zu dem rechten Pfade zurück und nun ist er durch richtige Einsicht und Kräftigung seines Willens für die Weisheit geeignet, deren innerstes Wesen ihm aufgeht. Wer dagegen auf dem Irrwege beharrt, verliert in seinem Bewußtsein alle Weisheit und geht seinem Falle entgegen. — Im Folgenden warnt Sirach vor jener Uebertreibung im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, vor jener sentimentalen Auffassung, von der göttlichen Gnade, die der Gerechtigkeit den Lauf abschneidet, und sich selbst bei absichtlichem Sündigen auf die Vergebung Gottes verläßt. Er erkennt darin eine Art Doppelzüngigkeit, welche er dann überhaupt in Reden und Handeln verwirft und deren schlimme Folgen er ausspricht. Er empfiehlt „mit vielen in Frieden zu leben, seine Vertrauten aber seien einer von tausend." Nichts sei wichtiger, als seinen Freund zu wählen und fest zu halten, darum aber gilt hier um so mehr die Vorsicht und die Prüfung. Nach der Freundschaft ist das Wichtigste der Unterricht, den wir von Jugend auf lieben, aber bis zum Greisenalter suchen sollen. Nur auf diesem Wege wird die Weisheit erlangt. Niemandem ist dies versagt und es kommt nur auf den Willen an, auf die Liebe zu Unterweisung. „Geh in die Versammlung der Alten und wer weise, zu dem halte dich. Höre gern jedes Gespräch von göttlichen Dingen". Sirach warnt ferner, Ansehen und Macht zu suchen, Aemter zu erlangen, zu denen man nicht befähigt wäre. Charakteristisch ist der Spruch (7, 7): „Beleidige nicht das Volk der Stadt, aber wirf dich nicht vor dem Pöbel weg." „Hasse nicht beschwerliche Arbeit, noch den vom Höchsten geschaffenen Ackerbau." Es fölgen Mahnungen über das Leben in der Familie, und er fügt hinzu: „Halte nicht übel den Knecht, der mit Treue arbeitet, noch den Tagelöhner, der dir von Herzen ergeben ist," auch das Vieh zu warten, empfiehlt er. Viel Kluges bringt er über das Verhalten zu seinen Töchtern heran. Gegen die Priester und Diener des Herrn soll man ehrerbietig sein und ihnen geben, was geboten ist. Er sagt: „Angenehm sind Gaben bei allen Lebenden, aber auch dem Tobten entziehe deine Liebe nicht". Und so schließen wir heute mit seinen Schlußworten am Ende des 7. Kapitels: „Bei Allem was du thust, denke an dein Ende, so wirst du niinmermehr sündigen." — (Fortsetzung folgt.)