Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1887)
- Date
- 1887-07-07
- Page
- Seite 419 (sequence 3)
- Language
- German
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419 so daß diese Sittenlehre als das Geistes-Product des jüdischen Stammes und von ihm der Menschheit übergeben angesehen werden muß — so liegt hiefür ein Beweis in der Beschaffenheit der „Sprüche Salomonis" und in dem engen Anschluß des Buches Sirach an jene (der Kürze wegen werden wir nur „Salomo" und „Sirach" sagen.) Denn nicht blos die Kritik, sondern die Ueberschriften selbst bezeugen, daß die „Sprüche" aus mehreren in verschiedenen Zeitaltern entstandenen Theilen bestehen l). Andrerseits lehnt sich Sirach in Form, Tendenz und Geist gänzlich an Salomo und wiederholt Sentenzen aus diesem. Jener giebt ebenso wie dieser zusammenhängende Reden, deren Sammlungen einzelner, lose an einander gereihter Sentenzen in der Form von Sprüchwörtern folgen. Die Tendenz in beiden ist dieselbe. Die Mittel und Wege, so wie die Ziele eines religiös-sittlichen Lebenswandels anzugeben, Vorschriften, Mahnungen, Warnungen, um die dem Menschen von Gott gegebene Bestimmung zu erfüllen und das rechte Heil zu erlangen. Salomo hat den Vorzug größerer Originalität, kürzer und bündiger in seinen Aussprüchen zu sein. Dagegen ist bei Sirach der religiöse Sinn vertiefter, beherrschender und neigt hier und da selbst zu einem gewissen Mysticismus; auch kommt bei ihm das israelitische Bewußtsein zum Durchbruch und damit ein historischer Sinn, wovon bei Salomon keine Spur. So schließt eine Kette vom zehnten bis in das dritte Jahrhundert vor d. gew. Zeitr. zusammen, um dann in den „Sprüchen der Väter" sogleich fortgesetzt zu werden. — Die Beschaffenheit beider Bücher deutet an, daß man im Alterthume kein Bedenken trug, Spruchsammlungen mit freier Hand zu behandeln, hinzuzufügen und einzuschieben, ohne sich hieraus ein Gewissen zu machen. Hierunter hat besonders Sirach gelitten, wie nicht blos die überaus zahlreichen Varianten in den Worten bekunden, sondern auch, daß in den verschiedenen Codices viele ganze Verse entweder fehlen oder eingeschoben sind, von welchen nicht wenige von den anderen Aussprüchen abweichen oder ihnen geradezu widersprechen. Wie wir bereits bemerkt haben, wäre deshalb eine kritische Bearbeitung des Textes sehr zu wünschen. — Sirach beginnt sein Buch, wie Salomo, mit einer längeren Rede. Wie dieser, will er die Weisheit und die Gottesfurcht als die Grundlage aller Sittlichkeit und alles wahren Glückes Preisen. Aber im Unterschied mit jenem, der sich weitläufig (Kap. 1—9) im Lobe der Weisheit ergeht, rühmt Sirach uns in wenigen Versen die Weisheit, die Gottes ist, der sie in seiner Schöpfung verwirklichte und sie „denen zutheilt, die ihn lieben," geht dann auf die Anpreisung der Gottesfurcht über, deren Wirkung er in den beiden ersten Kapiteln auseinandersetzt. Vor Allem rühmt er, daß die Gottesfurcht r) S. unsere Einleitung zu den „Spr. Sal." in unserem Bibelwerke. Bd. III. S. 471 ff. das Herz erfreut, Fröhlichkeit, Gesundheit und langes Leben gewährt^). Eigenthümlich ist es» daß Sirach für die Gottesfurcht eine gewisse Anlage im Menschen annimmt, „den Frommen ist sie im Mutterleibe anerschaffen"3). Die Gottesfurcht ist „Fülle der Weisheit" und „Krone der Weisheit," diese findet in jener ihre Wurzel^). Die Folge der Gottesfurcht ist Geduld und Langmuth, welche stets ihre Vergeltung finden. Die erste Bedingung, um Weisheit zu erlangen, ist, die Gebote Gottes zu halten, denn hieraus, weil es eben durch die Gottesfurcht bewirkt wird, fließt Weisheit und Einsicht. Vor Allem ist die Gottesfurcht eine Feindin jeder Heuchelei und Selbstüberhebung, die doch beide nur Schande zuziehen. Durch Gottes Lenkung wird der Heuchler entlarvt, so daß er inmitten der Gemeinde erniedrigt wird. Der Mensch muß seine Seele für die Anfechtung ausrüsten, damit er in der Zeit der Schickung nicht verzage. Jedes Geschick müssen wir annehmen und im Wechsel des Lebens geduldig sein; „denn im Feuer wird Gold geprüft, und Menschen, welche Gott angenehm sind, im Ofen des Leidens." Darum vor Allem Vertrauen auf Gott, Harren auf seine Gnade. Deshalb ruft Sirach Alle auf, Gott zu fürchten, um so mehr, da ein Blick auf die früheren Geschlechter zeigt, daß Niemand zu Schanden wird, der Gott vertraut. „Wehe dagegen verzagten Herzen und erschlaffenden Händen und denen, welche die Geduld verlieren." — An diese Rede schließt sich zunächst ein längerer Abschnitt einzelner Sentenzen, welche jedoch eine gewisse Planmäßigkeit bezeugen, um diejenigen Tugenden hervorzuheben und einzuschärfen, welche zum Wesen der Weisheit und Gottesfurcht gehören. Wir lernen hier die sittliche Welt kennen, in welcher sich die damalige Zeit bewegte und die unseren Autor zum Vertreter und Verkünder hat. Daß Sirach aus dem Volksgeiste heraus spricht, ersieht man auch daraus, daß er nicht selten Sätze vorträgt, die uns aus Salomo längst bekannt sind, so daß sie also zu echten Kernsprüchen des Volkes geworden waren, welche in derartigen Auseinandersetzungen gar nicht entbehrt werden konnten. 2) Schon hier (V. 14 u. 15) erkennen wir ein Einschiebsel, da es mitten in dem Lobe auf die Gottesfurcht heißt: „Die Liebe zum Herrn ist die herrlichste Weisheit, und wer sie erstehet, den macht sie seines Anschauens theilhaftig," während V. 16 fortfährt: „Der Anfang der Weisheit ist Gottesfurcht" ff. Daß jene Verse zugleich eine pietistische Färbung besitzen, die von dem einfachen Tone des Spruchredners abweicht, ist ersichtlich. s) Auch hier wieder Verse (17—19), die im griechischen Texte nicht vorhanden, und die einen späteren Verfasser verrathen. „Die Furcht des Herrn ist ein gottseliges Wissen. Die Gottseligkeit behütet und rechtfertigt das Herz, giebt Freude und Wonne. Wer den Herrn fürchtet, dem wird es wohl gehen, und am Tage seiner Vollendung wird er gesegnet sein." Außer den letzten Worten, welche eine Wiederholung aus V. 13 sind, bezeugen „Gottseliges Wissen" und „Gottseligkeit" eine spätere, vielleicht christliche Hand. 4) Die Verse 26 u. 27 besagen: „Die Furcht des Herrn entfernt die Sünden, wer keine Furcht hat, der kann nicht gerechtfertigt werden." Auch diese sind Einschiebsel, und der Ausdruck „Rechtfertigung" macht sie als nichtjüdisch verdächtig. 27*