Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-07-07 · Heft 27 (7.7.1887) · p. Seite 418

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 27 (7.7.1887)
Date
1887-07-07
Page
Seite 418 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227691--44531-3266816
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

4l8 nicht klar und deutlich den Charakter des egyptischen Despotismus und des sich darunter beugenden Volkes, jene menschenverachtende Tyrannei, welche Hunderttausende des Volkes für die Errichtung ihrer Paläste und Grabmonumente opferte und in Verbindung mit der Priesterschaft den Ertrag der Volksarbeit verschlang? Man wende nicht ein, daß doch die alten Egypter in Kunst und Wissenschaft so bedeutende Fortschritte gemacht hatten. Es ist jetzt von den Ethnographen anerkannt, daß die Pflege der Kunst mit Barbarei in Leben und Sitte nicht in Widerspruch steht, wie man z. B. gerade bei den innerafrikanischen Stämmen, welche noch Kannibalen sind, eine ausgezeichnete Kunstfertigkeit in Schnitzarbeiten findet, deren Arbeiten Bewunderung erregen. — Wenn man die Politik des Nebuchadnezar mit der des Perserkönigs Cyrus vergleicht, wie sie sich in der Behandlung der Juden bethätigte, wird man den großen Unterschied in dem Culturzustande der Chaldäer und der Perser begreifen. Der erstere begnügt sich nicht mit der Zertrümmerung blühender Städte, mit der Verheerung ganzer Länder, sondern nachdem die Mordlust befriedigt ist, schleppt er die Reste des Volkes in die Gefangenschaft nach entlegenen Ländern, so nur Einöden hinter sich lassend. Der Perserkönig begnügt sich mit der Unterwerfung der Nationen, beläßt sie in ihren heimathlichen Sitzen und ihren väterlichen Sitten, ja gestattet den gefangenen Stämmen in ihre Heimath zurückzukehren, gewiß, daß er in ihnen getreue Vorposten seiner Herrschaft haben werde. Nun, diesen nennt der Prophet einen „Gesalbten", den anderen läßt Daniel bis zu den Thieren des Waldes herabsinken. — Ein anderes Beispiel geben uns die beiden hervorragendsten Völker des Alterthums, die Griechen und die Römer. Zwar Alexander den Großen müssen wir ausnehmen, welcher nicht allein die feindlichen Städte er- und zerbrach, sondern auch neue große Stätten der Cultur gründete und die siegreichen Griechen mit den besiegten Asiaten auszusöhnen versuchte, so daß er die letzteren sogar zu begünstigen schien. Aber gerade in dieser hohen Gesinnung und wahrhaft großartigen Politik stand Alexander allein in seiner Nation und entsprach selbst den Ansichten seines Lehrers Aristoteles nicht. Wie weit sind von diesem Beispiele die griechischen Syrerkönige entfernt, welche — das einzige Beispiel im Alterthum — einen Religionskrieg entzündeten und die Juden zwingen wollten, sich vor den Bildsäulen der griechischen Götter zu beugen und ihrem väterlichen Gesetze zu entsagen! Und überall, wo die Griechen in der Mehrheit waren, fielen sie früher oder später über die Juden mit Schwert und Brand her, so bethätigend, daß trotz ihrer großartigen Entwickelung in Kunst und Wissenschaft der Geist der Barbarei in ihnen lebte, der alle außerhellenischen Menschen als Barbaren, als von der Natur bestimmte Sklaven ansah. Wie ganz anders die Römer! Nur so lange die Juden ihre Feinde mit den Waffen in der Hand waren, behandelten sie sie als Feinde. Besiegt wurden sie von ihnen überall wohlwollend ausgenommen, gestatteten sie ihnen friedliche und gesicherte Heimstätten und verliehen ihnen schließlich das römische Bürgerrecht. Sie waren eben ganz andere Politiker als die Griechen, von humanerer Gesinnung beseelt und deshalb wirklich befähigt, Jahrhunderte hindurch ein Universalreich aufrecht zu erhalten. Die Härten, die sie gegen die Völker übten, flössen aus der Erhaltung ihrer Herrschaft und aus den Begierden der Individuen, sich zu bereichern. Sonst aber huldigten sie dem Rechtsgefühl und achteten das Menschenthum, so daß in ihrer Mitte der Spruch entstehen konnte: nihil humani a me alienum puto, und sie einen ihrer Imperatoren deliciae generis humani nennen konnten, Aeußerungen, wie sie bei den Griechen niemals aufgekommen. — Anders wurde es mit der Zeit, wo die christliche Kirche den Thron der Cäsaren sich unterwarf, allerdings erst im vierten Jahrhundert des Christenthums. Neben der Vorstellung einer Universalkirche und einer christlichen Völkerfamilie kamen die Begriffe von der Ausschließlichkeit auf, von der Ausschließung aller Andersgläubigen, auch der christlichen Häretiker, nicht bloß vom Bürgerrecht des Himmels, sondern auch vom irdischen Bürgerrecht, von der Existenz in der menschlichen Gesellschaft. Für die folgenden Zeiten giebt die Behandlung aus obigem Gesichtspunkte sprechende Zeugnisse für den jeweiligen Culturzustand. War doch bis zu den Kreuzzügen trotz aller Concilbeschlüsse die bürgerliche Stellung der Juden eine recht erträgliche und friedliche, und gerade jene Zeit war es auch, wo der Bauernstand noch ein freier, in seinem Grundbesitz ungestörter war, was sich mit jenen Zeiten des religiösen Fanatismus ebenso änderte, wie die bürgerliche Stellung der Juden. — Doch wir wollen diesen Rückblick nicht weiter verfolgen; die angeführten Thatsachen erweisen unsere These zur Genüge. Wir aber wollen aus dieser historischen Wahrheit nur die Aufforderung an uns ziehen, auch noch die zeitweisen Ausbrüche eines noch nicht ganz geschwundenen barbarischen Geistes ruhig und widerstandskräftig zu bestehen, bis dieser von der höheren Cultur, von echter Religiosität und Humanität, vom Rechtsgefühl und der Einsicht in die wahren Interessen der Gesellschaft gänzlich überwunden sein wird. Die Moral des Huches Iesua den Sirach's. n. Wenn wir als ein leuchtendes Ergebniß der literarhistorischen Geschichte Israels betrachteten, daß dieses Volk in allen seinen Zeitaltern und Phasen das religiös-sittliche Element bearbeitete, und zwar mit inniger Beziehung zum wirklichen Leben und auf dem Grunde der Gotteserkenntniß,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.