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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-07-07 · Heft 27 (7.7.1887) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 27 (7.7.1887)
Date
1887-07-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudmthums. Ein unparteiisches Organ sitr alles Mische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. ErepeSitiorr: Leipzig, Woßplah 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 7. Juli 1887. Nr. 27. Inhalt. Leitende Artikel: Der Prüfstein. — Die Moral des Buches Jesua ben Sirach's. — Einige Betrachtungen. — Zeitungs- Nachrichten: Deutschland: München, Fürth, Eßlingen. Rosenberg. — Oesterreich-Ungarn: Aus Ungarn, Pest. — Frankreich: Paris. — Rußland. — Großbritannien: London. — Amerika: San Francisco. — Syrien: Damaskus. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Aus den Studienjahren 1829 bis Ende 1832. — Vermischtes. — £eibyn£e Ctzti&ef. Bonn, 3. Juli. Der Prüfstein. Die Vorgänge bei den Wahlen in Ungarn rufen recht lebhaft einen Gedanken zurück, der früher schon wiederholt — nicht nur von uns — ausgesprochen worden, nämlich der, daß der jüdische Stamm von der Vorsehung bestimmt worden, den Prüfstein für den jeweiligen Culturzustand der Völker, für die wahre Cultur in Recht und Menschenthum abzugeben. Die Ungarn sind ein reizbares, leicht erregbares Volk, und es ist deßhatb nicht zu verwundern, daß in der ungebildeten Masse von beschränkten Ansichten und g^ßer Leidenschaftlichkeit durch die Antiseiniten mit ihren Schlagwörtern eine Verhetzung nicht allzu schwer ist. Demnach giebt es für den Culturstand des ungarischen Volkes einen günstigen Beweis, daß doch nur zehn Sitze den Antisemiten zufielen, welche in dem früheren Abgeordnetenhause ungefähr zwanzig zählten, und daß sie den liberalen Parteien gegenüber eine verschwindende Minorität bilden. Dennoch kann es nicht übersehen werden, daß, während von den 46 Millionen Deutschen nur zwei ausgesprochene Antisemiten, Stöcker und Böckel, von welchen für den ersteren noch seine protestantische Orthodoxie ins Gewicht fiel, gewählt wurden, die 15 Millionen Ungarn (alle Nationalitäten zusammengerechnet) zehn jener Sorte wählten, außerdem 26 als Candidaten zuließen, und in Folge der Wahl oder der Niederlage Tumulte anstifteten, welche Mord und Brand mit sich führten. Diese ungebildete Masse ließ sich von den Antisemiten weis machen, daß die vielen Uebelstände, an welchen der Staat der Stephanskrone krankt, sämmtlich von den Juden herrühren, und daß diese antisemitischen Helden durch Tod und Verderben, die sie den Juden bereiten wollen, allen Leiden des Volkes — z. B. auch den Ueberschwemmungen — Abhilfe schaffen würden! . . . Allerdings ist es eine schwere, mit vielen Mühsalen verbundene Aufgabe, Prüfstein und Versuchsfeld für die Cultur der Völker zu sein, aber sie hat doch auch Seiten, welche trösten und aufrichten können. Vor Allem muß das dazu bestimmte Volk gerade die Ansichten nicht hegen, aus welchen seine Verfolgung und Mißhandlung erfließt. Und das dies bei dem jüdischen Stamme sich bewahrheitet, dafür brauchen wir nur auf die beiden Grundsätze des Judenthums hinzuweisen: „Ein Gesetz und Ein Recht soll den Einheimischen und Fremdlingen sein" und „die Gerechten aller Völker sind der zukünftigen Welt theilhaftig". Alsdann liegt doch in diesem Beruf zugleich die Bürgschaft eingeschlossen, über allen diesen Wechsel der Culturzustände hinaus die Dauerhaftigkeit und die Widerstandskraft zu bewahren und so dem Fortschritte der Menschheit wesentliche Dienste zu leisten. Blicken wir zurück, so erkennen wir diesen Beruf Israels schon am Beginne seiner Geschichte. Wer, der die biblische Erzählung von jenem Pharao aufmerksam liest, welcher aus nichtssagenden Motiven die in Egypten gastlich aufgenommenen Israeliten nicht bloß zu Sklaven machte, sondern auch ihre neugeborenen Knaben zu ertränken befahl, erkennt daraus 27

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