Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1887)
- Date
- 1887-06-30
- Page
- Seite 414 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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414 Allerdings ist beim Beginn des Studiums die erste Frage: was willst du studiren und wie dies angreifen? Bei den meisten Jünglingen aber, welche die Universität besuchen, namentlich aus jüdischen Kreisen, ist die zweite Frage: wie willst du bei den mangelnden Geldmitteln durch das Studium kommen? Es ist in der That ein beredtes Zeugniß von dem Gottvertrauen, welches in den jüdischen Eltern und Kindern herrscht, daß sie zum Studium schreiten, so oft auch diese letztere Frage sich mit einem vollständigen Vacat beantwortet. An Stipendien war nicht zu denken, denn diese waren nur für Christen zugänglich — so lautete der Bescheid, als ich um das Landesstipendium meines Heimathslandes nachsuchte. Jüdische Stipendien bestanden noch gar nicht, und die allgemeine Stimmung der jüdischen Reichen war den Studirenden vielmehr abhold als zugeneigt. In Berlin war es in dieser Hinsicht damals so beschaffen, daß, wenn Heine sagt: „Laßt sie betteln gehen, wenn sie hungrig sind," der jüdische Student betteln gehen und doch verhungern konnte. Auch meine Mittel waren gering, da das kostspielige medizinische Studium meines Bruders unsere Mittel ziemlich aufgezehrt hatte. Aber die Vorsehung war mir günstig, und ich darf mich über meine finanzielle Lage während des Studiums nicht beklagen, wenn es auch natürlich galt, seine Bedürfnisse innerhalb mäßiger Grenzen zu halten. Zuerst ging auch ich auf die Suche nach einigen Gönnern. Ich wandte mich zunächst an den vr. Jost» der zu jener Zeit durch sein bahnbrechendes Geschichtswerk die Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich gezogen und Vorsteher einer angesehenen Schul- und Pensionsanstalt war. Um mich bei ihm einzuführen, übersandte ich ihm eine lateinische Abhandlung über die kleine, noch heute lesenswerthe griechische Schrift Lucian's: „Wie soll man Geschichte schreiben?" wobei ich es natürlich an schmeichelhaften Seitenblicken auf das Geschichtswerk Jost's nicht fehlen ließ. Bei meinem Besuche gab er mir die Abhandlung zurück mit der Bemerkung, daß er keine Gelegenheit habe, mich zu empfehlen. Als ich ihm später (1845) wieder begegnete, wurde natürlich dieses Zwischenfalls nicht gedacht und wir befreundeten uns recht herzlich. Einige Zeit darauf wandte ich mich an den alten Stadtrath David Friedländer, den Schüler Mendelssohns, der damals als deutscher Stylist einen rühmlichen Namen besaß. Ich legte ihm das Manuskript meines „Ezekielos, des jüdisch-griechischen Dramatikers" vor. Als ich mich ihm vorstellte, gab er mir das Manuskript zurück mit der hochkritischen Bemerkung: ich hätte die Einleitung mit dem Citat einer Stelle Herders angefangen , die nichts anderes besage, als was jeder andere Autor auch hätte sagen können. Hiermit war die Audienz zu Ende. Gegen Ende meiner Studien ersuchte mich der mir befreundete Enkel Friedländers, welcher an der königlichen Bibliothek angestellt war, den ehrwürdigen Greis in seiner Sommerwohnung zu Charlottenburg zu besuchen, was demselben Freude machen werde. Ich that es und fand den alten Herrn noch immer geistig frisch und lebhaft, doch, wie es dem Alter zu geschehen pfiegt, in den Jdeenkreis seiner Vergangenheit gebannt, wohl nur noch mit Mendelssohn und Lessing lebend. Als ich im Gespräche irgend einen Gedanken äußerte, erhob er sich rasch von seinem Sitze, schleppte sich mühsam zu seinen Bücherregalen, holte einen Band Lessings hervor, schlug eine Stelle auf und sagte zu mir: „Lesen Sie einmal das, Sie werden finden, daß Lessing diesen Gedanken schon lange ausgesprochen und natürlich viel schärfer und präziser. Die jungen Leute denken aber jetzt Wunder was Neues sie Vorbringen, während es doch den großen Heroen der Vergangenheit angehört." Ich erwiderte, ich erkenne dies recht gern an, aber es wäre doch schon gut, daß dieselben Gedanken sich fortgepflanzt und in den jüngeren Geistern Wurzeln gefaßt haben. „Ja", sagte Friedländer, „für mich kommt es doch nicht allein darauf an, daß das Gute vorhanden sei, sondern daß man auch wisse, wem man es zu verdanken." — Im Stillen lächelte ich über den Widerspruch des Greises mit sich selbst, der mir nicht gestatten wollte, Herder zu citiren! Die Mendelssohn'sche Schule hatte keinen Sinn für literar-historische Arbeiten. Nicht lange darauf verschied Friedländer, mnd auch er gehört zu denen, deren Andenken sich erhalten hat, weil er Jude war. Ich aber hatte an jenen beiden Versuchen hinlänglich genug, und niemals betrat ich wieder die Schwelle eines Reichen oder Angesehenen als Bittsteller. Ich habe meine Stützen stets allein im Mittelstände gefunden. Glücklicher Weise hatte ich es auch niemals nöthig. (Fortsetzung folgt.) Vas Hühnerschächten vor Gericht. Bor der 93. Abtheilung des Schöffengerichts zu Berlin standen am 14. Juni der jüdische Schächter David Glasberg, die Federviehhändler Paul und Emil Wegner und die Arbeiter Hedicke, Bluthner und Kulicke. Wegen Thierquälerei waren sie laut Polizeimandat mit je einer Woche Haft belegt worden und hatten hiergegen richterliche Entscheidung beantragt. Der erste Angeklagte ist vom Rabbinat als Schächter angestellt und besitzt als solcher Beamtenqualität. Die Federviehhändler, welche ihr Geflügel nach jüdischem Ritus schlachten lassen wollen, bringen dasselbe nach dem Grundstücke Rosenstraße 29, woselbst Glasberg die Schächtung vornimmt. Am Abende des 13. April d. I. soll Glasberg nun 30 Stück Hühner, welche den Angeklagten Gebrüder Wegener gehörten, unter deren und der übrigen Mitangeklagten Beihilfe in einer Weise geschächtet haben, wodurch sich diese Personen