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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-30 · Heft 26 (30.6.1887) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 26 (30.6.1887)
Date
1887-06-30
Page
Seite 413 (sequence 13)
Language
German
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413 1800 Studenten bestand aus älteren Studirenden, welche hierher kamen, um nach auf anderen Universitäten verbrachten burschikosen Jahren ernstlich an die Arbeit zu gehen und sich zur Absolvirung der Staatsprüfungen vorzubereiten. Von Verbindungen, Corps, Commersen war keine Rede; wenigstens habe ich niemals davon gehört. Es ist seitdem anders geworden. Durch die damalige, besonders die jüdische Jugend, auch die nichtstudirende, ging ein frischer, sehr belebter Hauch geistigen Strebens; Alles wollte in cultureller Beziehung aufwärts, ein tüchtiges Wissen erlangen und mit Hülfe desselben sich zum Besten und Wirksamsten heraufarbeiten. Die ganze intelligente Welt fühlte damals, daß es so, wie es war, nicht bleiben könne, daß der innere Geist der Zeit und dessen Bedürfnisse mit dem Stillstände und Rückschritte, die eingetreten, gebrochen habe. Zu große Weltereignisse und Umwälzungen waren vor sich gegangen, der politische und soziale Gedanke hatte zu große Veränderungen erfahren, als daß die Wiederherstellung der ehemaligen patriarchalischen und absolutistischen Zustände auf die Dauer haltbar gewesen wäre. Die französische Revolution von 1789, die napoleonische Herrschaft und die Freiheitskriege hatten die europäische Gesellschaft innerlich auf eine ganz andere Stufe gestellt, als die Politik der heiligen Allianz und das Metternich'sche System vertragen konnten. Die revolutionären Zuckungen in Italien und Spanien, die griechische Revolution, welche schließlich die Großmächte selbst vertheidigen und anerkennen mußten, und der russisch-türkische Krieg, der soeben beendet worden, hatten bezeugt, daß in der Tiefe der Gesellschaft die Gährung nicht aufgehört habe, und die constitutionellen Kämpfe in Frankreich fanden eine tief gehende Theilnahme. Das Merkwürdige war nun, daß die damalige studirende Jugend von allen diesen Ereignissen kaum irgend welche Notiz nahm, da sie bis 1830 durchaus nicht politisirte und keine Zeitungen las, dennoch aber von dieser geistigen Bewegung unbewußt ergriffen war. Auch in den jüdischen Jünglingen lebte die Ueberzeugung, daß die drückenden Beschränkungen und Ausnahmen, unter welchen unsere Glaubensgenossenschaft noch stand, nicht lange mehr bestehen könnten. Gewissermaßen der Instinkt sagte es uns, da äußere Anzeichen dafür noch nicht vorhanden waren. Wir arbeiteten in dem Sinne, als ob keine bürgerliche Schranke für uns da wäre. Hieraus erklärt es sich, daß kaum einige Jahre später jüdische Autoren mit voller Kühnheit die Forderung uneingeschränkter Berechtigung öffentlich aufstellten und vertraten. Dieser Gedanke war in uns so heimisch geworden, daß man ein Bedenken für die damals noch so geringe Opportunität nicht hegte. So war die damalige jüdische Jugend durchaus höchst ideal angelegt und gestimmt, aber nicht träumerisch, nicht sentimental, sondern auf die Wirklichkeit im edelsten Sinne, insbesondere auf methodisch wissenschaftliche Bildung gerichtet. Auch meine Studienjahre waren nur der Arbeit, dem Streben, dem geistigen Aufnehmen und Schaffen gewidmet. Meine Leser mögen nicht glauben, daß ich dies etwa zu meinem Lobe sage. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, daß Männer, die eine recht burschikose Vergangenheit hinter sich hatten, doch später recht Tüchtiges leisteten und wichtige Stellen mit gutem Erfolge einnahmen. Das Geschick, das über meiner Kindheit und Jugend waltete, und die Geistesrichtung in meiner Familie wiesen mir wie von selbst diesen Weg an; waren ihn doch auch meine Brüder gegangen, der ältere, der damals bereits seine medizinischen Studien beendet und die Staatsprüfungen zurückgelegt hatte, und der jüngere, der nach Absolvirung des Gymnasiums Fabrikant geworden. Auch war Berlin der rechte Schauplatz für ein tüchtiges Streben. Ich saß zu den Füßen Böckhs, Lachmanns und Zumpt's, in der Philosophie des damals Alles beherrschenden Hegels; ich besuchte die Vorlesungen Schleiermacher's, Savigny's nnd Gans'; die naturwissenschaftlichen Erman's, Ehrenberg's, Lichtenstein's, Mitscherlich's, Rudolphi's — man sieht glänzende Geister, die noch heute in der Wissenschaft einen hohen Rang einnehmen. Man wird fragen, wie stand es denn aber mit der jüdischen Theologie? Nun, für diese war im damaligen Berlin nicht die geringste Fürsorge getroffen. Die beiden alten Rabbinatsverweser kümmerten sich um keine Jünger, und ihre amtlichen Funktionen beschränkten sich auf die rituellen Ceremonien, Beantwortung ritueller Fragen und die Aufsicht über das Schächten; das Beth-hamidrasch lag in Verfall; außer daß ich bei einigen Gelehrten, z. B. dem tüchtigen Hebraisten vr. I. Heinemann, dem ich auch während meiner Studienzeit einen größeren Beitrag in seine „Jedidjah" lieferte, Anweisung und Förderung suchte, nahm ich meine Zuflucht zu einem der jüngeren und älteren polnischen Talmudisten, die nach Berlin verschlagen waren und hier ein kümmerliches Dasein fristeten. Ich warb mir einen dieser im Talmud und Rabbinismus äußerst bewanderten Männer für ein verhältnißmäßig geringes Honorar an, um mit ihm einige Male die Woche mehrere Stunden lang zu „lernen," auf welche Weise, indem man zu gleicher Zeit nach der alten Methode lernte und das Gelernte in wissenschaftlicher Weise verarbeitete, man füglich recht gut vorankam. Es war dies der einzige Weg, auf welchem man damals ein jüdischtheologisches Wissen erlangen konnte, vorausgesetzt, daß man es einige Jahre durchführte. Mein Mentor, der die dreißig noch nicht überschritten hatte, wollte Anfangs bei mir dafür lateinisch lernen, jedoch mit, wie er sagte, „Horatschius" anfangen, und als ich ihm einwand, er müsse zuerst die lateinische Grammatik erlernen, meinte er, die fände sich von selbst; wer das ganze Schaß ohne Grammatik gelernt hätte, brauche bei dem Horatschius auch keine Grammatik. Ich lehnte dies aber ab. —

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