Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1887)
- Date
- 1887-06-30
- Page
- Seite 408 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Rabbiner gerichteten Schreiben des Untersuchungsrichters heißt, zu seiner Rechtfertigung ausgesagt, er habe mit den Brochüren, die ihm von dieser Seite zugesandt wurden, nur Humoristisches in's Publikum gelangen lassen wollen. Dieser eigenthümliche Vorwand ist durch oben genanntes Gutachten unseres Rabbiners gehörig zu Nichte gemacht worden, und muß man auf die jedenfalls in Balde zu erwartende öffentliche Verhandlung und Vertheidigung um so mehr gespannt sein, da hier, wie in der Pfalz überhaupt, ein solcher Proceß noch nie geführt wurde. Möge er dazu dienen, die Epigonen des Stöckerianismus wenigstens öffentlich zum Schweigen zu bringen! Exin, 14. Juni. (Volksztg.) Zur Feier der Ankunft des Cultusministers am Sonnabend waren auf Veranlassung der Polizei die Häuser beflaggt. Der Minister besichtigte während seines ca. zweistündigen Aufenthaltes das katholische Lehrerseminar und die katholische und evangelische Schule und Kirche. Interessant ist es, daß die Polizei noch in letzter Stunde den größten Theil der jüdischen Kaufleute, die an diesem Tage ihre Geschäfte schließen, veranlaßt«, dieselben zu öffnen, da sonst der Markt zu todt aussehen würde. (Das erinnert an Potemkin!) Rees am Rhein. (Privatmitth.) Nach zuverlässiger Mittheilung sind durch die Ordre des Kaisers und Königs dem Israelitischen Waisenhause zu Dinslaken die Rechte einer juristischen Person verliehen worden. Freudig ist dieses Zeichen Allerhöchsten Wohlwollens für das junge Institut zu begrüßen, indem dasselbe damit auf eine sichere Basis gestellt ist und zugleich damit Allerhöchsten Ortes ausgedrückt ist, daß das Institut während seines nunmehr zweijährigen Bestehens bewiesen hat, einem wie dringenden Bedürfnisse seine Errichtung entsprach. Es dürfte zu hoffen sein, daß im Kreise der Glaubensgenossen ein immer größerer Freundeskreis für dasselbe erworben wird, damit es im Stande sei, einer immer größeren Zahl von armen verlassenen Kindern Aufnahme zu gewähren. Oesterreich-Ungarn. Pest, 8. Juni. (Privatmitth.) Der reformirte Bischof Karl Spaß hat auf seiner jüngsten Visitationsreise in seiner Ansprache an die reformirten Gläubigen den Antisemitismus, als mit dem Grundprincip der Religion, der Nächstenliebe, in geradem Widerspruch stehend, gegeißelt. „Wer waren diese Juden! — sagte er —; sie waren die Hüter des Begriffes des einzigen Gottes, sie haben uns die Propheten, die religiösen Könige/ selbst Jesus und die Apostel gegeben. Es ist wohl wahr, (??) daß dieses Volk seine Propheten gesteinigt hat, aber es hat auch dafür, gebüßt, denn es hat sein Vaterland, seine Nationalität verloren und fungirt heute blos als Confession, eingeschmolzen in die Pölker, unter welche es zerstreut wurde. Und Ihr hasset diese Confession, weil sie eine jüdische ist? Vergesset Ihr die Worte des Apostels Paulus: „Ruhm und Ehre Dem, der gut handelt, erst dem Juden, dann dem Griechen, denn vor Gott gibt es keinen Unterschied der Personen." Ihr vergesset das Grundprinzip unserer Religion der Liebe, welche uns gebietet. Alle, selbst unsere Feinde, zu lieben? Ihr lauft blinden Führern nach, die nicht einmal wissen, wohin sie gehen, was sie wollen. Höret nicht auf diese gleißnerischen Reden, bringet nicht Schande über Euch, über die ganze reformirte Confession, indem Ihr diesen dahergelaufenen falschen Propheten folget." Pest, 19. Juni. (Privatmitth.) Die Reichstagswahlen haben vorgestern ihren Anfang genommen. Wie vorausgesetzt, wurde Moritz Wahrmann in der Leopoldstadt einstimmig, auch Franz Chorin in seinem früheren Wahlbezirke mit großer Majorität wieder gewählt. Paul Mandel mußte unterliegen. Und die Antisemiten? Sie dürsten im nächsten Reichstage in nicht zu großer Anzahl erscheinen. Von ihren „Führern" sind Iwan Simonyi und der geistliche Herr Ignatz Zimandy, der das Haus durch seine Harlekinaden so oft belustigt hat/ gar nicht aufgetreten. Der alte Professor Mendtwich, Geza Raez, Baron Andreanßky, Graf Klebelsberg, S. Csatar, G. Szell, lauter Antisemiten, sind die ersten beiden Tage durchgefallen. Daß es in Neutra, wo der antisemitische Candidat unterlag, einige blutige Köpfe und mehrere Tobte gab, daß es in anderen Orten zu Ausschreitungen kam, versteht sich bei den Antisemiten von selbst. Der Scandal gehört hier zum Geschäfte. Jstoczy wurde in Rum wieder gewählt, aber nur mit einer Majorität von 18 Stimmen. Außer ihm wurden gewählt: die Antisemiten Franz Komlossy in Wartenberg, Ludwig Szabo, ein Neuling in Duna-Szardahely, Joh. Kudlik in Sommerein, I. Svastics in Kaposvar, Em. Szalay in Lenggeltoti, Karl Szalay in Csurgo, Andor Vadnay zweimal, in Mezötur und Tapolcza, und Gerson Szendrey. Die Mitglieder dieser Partei dürften kaum über ein Dutzend erreichen, immer noch genug zum Lärm machen. Minister Trefort hat an seine Wähler ein offenes Schreiben gerichtet, in welchem er sich über die sozialen Verhältnisse äußert. Derselbe bespricht auch den Antisemitismus und sagt: „Der Antisemitismus ist eine geistige Krankheit, die in jedem Jahrhundert mindestens zweimal auftaucht; sie ist gekommen und wird wieder vergehen. Sehr traurig ist es aber, daß manche Seelsorger der katholischen.Kirche diese Bewegung nähren, die eine antichristliche, folglich eine antikatholische ist. Der wahre Christ verfolgt keine Race oder Confession; am wenigsten sollte er das Judenthum verfolgen, denn aus diesem hat mit Hinzüthun der griechischen Philosophie das Christentbum sich entwickelt. Christus, die heilige