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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-30 · Heft 26 (30.6.1887) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 26 (30.6.1887)
Date
1887-06-30
Page
Seite 406 (sequence 6)
Language
German
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406 blöden sich nicht in ihren öffentlichen Zeitschriften sogar den Handel in Erez Jisrael-Erde ausznposaunen und hierbei selbst der zugkräftigen Reklame: „zu wohlthätigen Zwecken", nicht zu entrathen. So schön nun auch der mit diesem Handel verknüpfte Zweck der Armenunterstützung sein mag, so heiligt er noch lange nicht das Mittel des schnöden Schachers in dieser zweifelhaften Maare, zur Verletzung der allerheiligsten Gefühle des wahrhaften Juden! — Leicht begreife ich den Patriotismus, auf dessen Geheiß die früher in Palästina ansässigen Juden zu ungezählten Tausenden fröhlich selbst da in den Kampf zogen, wo voraussichtlich ihren Schaaren nichts Anderes als Vernichtung drohte:-denn das war Vaterlandsdienst. Nicht minder versiehe ich, wenn ein empfindungsvolles Herz beim Anblick der sichtbaren wie beim Ahnen der unsichtbaren Natur, — oder wenn ferner ein von Furcht und Unglück bedrücktes Gemüth, wo es an menschlicher Hilfe gebricht, oder wo dieselbe ohnmächtig ist, — in vorgeschriebener oder selbstgeschaffener Andacht an die in Ewigkeit ebenso geheimnißvolle als unbestreitbare Allmacht sich wendet, denn das heißt Gottesdienst. — Unverständlich schon ist mir das Gebühren der heutigen Frommen in ihren unaufhörlichen Gebeten auf die Wiederherstellung des Königreichs Juda mit der Residenz Jerusaleni, des heiligen Tempels mit seinem Opfercultus, wo nicht bloß kein Mensch weder Hand noch Fuß zur Verwirklichung dieses Gebets regt, — wo sogar, wenn dieselbe von maßgebender Seite mit starker Hand in Angriff genommen, Schrecken nur und Entsetzen in die frömmsten Kreise getragen würde, — denn das ist Lippen dienst. — Die Keckheit aber gar, trotz dieser Thatsachen, für Erez Jisrael-Erde nicht nur in der Idee zu schwören, sondern dieselbe sogar als Reliquie öffentlich zum Kauf auszubieten, — „denn deine Knechte lieben ihre Steine und thun zärtlich mit ihrer Erde" (Psalm 102, 15.), und nota bene: die Steine per distance und die Erde, wenn sie importirt: — so ist dies trotz des Ernstes, mit welchem dies Geschäft betrieben wird, wahrlich nicht Vertrauensdienst, nicht Gottesdienst» ja schlimmer ist's als Lippendienst, denn es ist so schier was der Prophet (Jsaias 44, 11—20) so trefflich geißelt.- Es thut mir in der Seele weh, die Versuche zu sehen, die errungene höhere Frucht ewig lange erfahrenen Druckes, der erduldeten Schmach und Schande, ich meine den jüdischen echten Gottesbegriff, der allein dem philosophischen allezeit sich würdig zur Seite stellen kann —, durch solch nichtige Kleinlichkeiten wie Erez Jisrael-Erde, Reb Maier baal Hanneß, Kemiers >) (Kamaiml) und dergleichen, seiner göttlichen Majestät von Neuem entrücken zu wollen. Das Streben der alltäglichen Plattheit, da sie zu Gott nicht hinan kann, ihn zu fich herabzuzerren, indem sie denselben nach ihrer eigenen Fähigkeit zu begreifen, — zurechtlegt und in die Bahnen weist, ist ein Treiben, bei welchem die Pfleger und Begünstiger desselben in Israel, weit entfernt, Verdienste um das Judenthum sich zu erwerben, geradezu an demselben sich arg versündigen. — Angesichts solcher Strömungen erleben wir es, die seitens des Verfassers des soeben zu unserem Wochenfeste gehörten herrlichen Gedichtes Akdamuth in demselben den Feinden Israels in den Mund gelegte Frage in der Jetztzeit in den eigenen Mund zu nehmen, um sie an diese leider verirrten Freunde desselben zu richten. Sie befindet sich gleich in den beiden ersten Versen hinter dem Buchstaben Taw und lautet: Was und wer ist Dein Geliebter, schön gesialt'te Holde, Um deswillen Du in Löwenhöhlen standhaft duldest? Den hier folgenden dritten Vers mögen die Befragten selber Nachlesen; er wird ihnen keine Freude machen. — Julius Hamburger. Das Uiliversttätsstudinm. Wir erhalten aus P e st die Notiz: Die hiesige Universität wurde im abgelaufenen Semester von 3212 Hörern besucht und zwar von 1416 Katholiken, 1061 Israeliten, 422 Resormirten und 313 Protestanten. Es waren demnach 33°/0 der Studirenden unsere Glaubensgenossen. Nach der Volkszählung von 1880 betrugen die Juden im gesammten Ungarn 4,1 °/0/ nämlich unter 15,642,102 Einwohnern 638,314 Juden (siehe „Die Statistik der Juden in Ungarn," Jahrg. 1886, S. 494). Folglich beträgt die Anzahl der jüdischen Studirenden an der Pester Universität 8 mal mehr als das numerische Verhältniß der betr. Bevölkerung. Wenn auch an den Universitäten anderer Länder das Verhältniß der jüdischen Studenten zur Gesammtzahl der Studirenden bei Weitem nicht so groß ist, so übertrifft es doch überall das numerische Verhältniß der jüdischen zur Gesammtbevölkerung. Ein so gesteigertes Verhältniß der studirenden Jugend kann aber Niemand als ein gesundes ansehen. Bedenkt man z. B., daß das Personal der Stui) Mit i, vom Singular aus dem hebräischen nä’Dp wie NjTDn aus dem hebräischen durch die übliche Verwandlung des harten 8 in das weiche V bei beiden nS'Dp bedeutet, wie der Ramban (3. B. Mos. 2, 2.) nachweist, „Behälter". Die Kemiers sind nämlich immer, angeblich aus religiösen, wohl aber mehr noch aus geschäftlichen Rücksichten, fast unmgänglich fest verschlossen, damit Niemand sehe, was darin ist. — Corresp.

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