Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1887)
- Date
- 1887-06-30
- Page
- Seite 405 (sequence 5)
- Language
- German
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405 und die fanatische Wuth brachte unsagbares Elend, Schrecken und Angst über die unglückliche Provence. Die Kunstlyrik ebenso wie der heitere Volksgesang wurde vernichtet; höfisches Leben und ritterlicher Frauendienst lagen begraben unter den Trümmern der Burgen und Städte", und erhoben sich aus diesen niemals wieder. Brauchen wir andrerseits an die Sklavenkriege, welche Rom fast an den Abgrund brachten, an die Bauernkriege in Deutschland und Nordfrankreich zu erinnern? War der Terrorismus, der so bald die Schöpfungen der französischen Bewegung von 1789 verschlang und doch wieder unter dem Jubel des Volkes erdrückt wurde, etwas Anderes, als ein zeitweiser Fanatismus politischer und socialer Art? . . . Nun, die Geschichte der Völker und Zeiten sind voll solcher plötzlicher Explosionen, und jeder Leser wird aus seiner Geschichtskenntniß sich Beispiele heranholen. Sie wirkten verderblich, und trotz kurzer Dauer halten ihre Folgen lange an; sie unterbrechen die normale und gesunde Entwickelung, die erst nach vielen Kämpfen ihren regelmäßigen Gang wieder einzuschlagen vermag. Davor muß die Menschheit gewarnt werden, davor muß sie lernen auf ihrer Hut sein, vor solchem ins Geheim entzündeten, von dämonischen Menschen entflammten, von eigennützigen Aufwieglern geschürten Fanatismus und Zelotismus! Es ist durchaus unwahr, wenn man ihn mit einem Gewittersturm vergleicht, der die Atmosphäre reinigt und den dürren Boden befruchtet. Jener Fanatismus hinterläßt nur Verwüstung und macht den Boden auf lange Zeit unfruchtbar. Oder hat etwa der dreißigjährige Krieg irgend eine wohlthätige Wirkung gehabt? Man sehe die Dinge nur unbefangen an, und man wird zugestehen müssen, daß die traurigsten Resultate in der Geschichte der Menschheit aus den Perioden solchen Fanatismus, solcher plötzlichen Brände hervorgegangen sind. Wir haben es wohl nicht nöthig, darauf hinzuweisen, daß all' das Unheil, das den jüdischen Stamm seit mehr als zwei Jahrtausenden betroffen, aus dieser Art Fanatismus entsprang. Unsägliche Leiden für die Juden und die Verhinderung, aus den Wegen des Rechts und der Humanität fortzuschreiten, für die ganze Menschheit, wurde von seinen Ausbrüchen veranlaßt. Der Beweis hierfür liegt darin, daß nur in wenigen Fällen bestimmte thatsächliche Motive nachgewiesen werden können, daß vielmehr die Anstifter zu scheußlichen Fabeln ihre Zuflucht nehmen mußten, die immer in neuen Erdichtungen specificirt wurden, um die Massen zu Mißhandlung und Plünderung, zu Mord und Scheiterhaufen aufzuhetzen. Ja, vor solchem Fanatismus und seinen Ausbrüchen muß die Menschheit gewarnt und geschützt werden durch immer weitere Verbreitung und Vertiefung der Verstandesbildung , Veredlung des sittlichen Bewußtseins und Gefühls in allen Kreisen, Klärung und Verstärkung der Geschichtskenntniß, Berständniß der wirklichen Verhältnisse. Denn noch immer liegt die Fähigkeit, sich zu fanatisiren und gegen Nationalitäten oder gewisse Volksklassen die Leidenschaften zu entzünden unter einer dünnen Decke, durch welche das verderbliche Feuer leicht hindurchdringen und sich weithin verbreiten kann. Auch der jüngste Antisemitismus war und ist nichts anderes als ein Versuch, den Fanatismus der Volksmassen gegen die Juden zu entzünden, indem man der falschesten Anschuldigungen, der verleumderischesten Behauptungen sich bediente. Gelang es ihm, dies hier und da zum Ausbruch zu bringen, wo der Boden besonders fruchtbar dafür war, so bewährte sich doch das Wachsthum des gesunden Sinnes, des Rechtsgefühls und der Würdigung des Menschenthums genügend, um der geplanten Brandstiftung Schranken zu setzen und den fanatischen Sturm zu beschwichtigen. Möge dies immer und überall gelingen! Lissa (Posen), im Juni. Cre; Äisrael-Cr-e. 11. Ich habe schon Gelegenheit gehabt, in dieser Zeitung nachzuweisen, wie die Gesundheit des jüdischen Volkssinnes es fertig brachte, selbst talmudische Neuerungen abzuweisen, sobald selbige der jüdischen Anschauung widerstrebten, und freut es mich dieselbe Erscheinung auch hier bei der Erez Jisrael-Erde wahrgenommen zu haben. Unter Frommen ausgewachsen, die theilweise sich in dem Besitze der Erez Jisrael-Erde befanden, gewahrte ich nämlich, daß keiner von diesen es wagte, sich mit demselben breit zu machen, sondern daß jeder von ihnen nur höchst verstohlen irgend einem Vertrauten Nachricht davon gab mit dem Winke, nach seinem Ableben sie entsprechend zu verwenden. — Ich habe zu der Annahme Grund, daß jeder dieser Frommen es etwas ungeheuerlich fand zu glauben, daß der Erez Jisrael- Erde trotz der Schriftstelle (5. B. Mos. 32, 44.), welche hier herzuhalten gezwungen wird, die erlösende Kraft innewohnt, die man ihr zuspricht, und daß sie vielmehr fürchteten, es mit einer müßigen Erfindung der Kabbalisten hier zu thun zu haben, die es als ihren Beruf betrachteten, nach dem dichterischen Spruch: „Und bist Du nicht willig, so brauch' ich Gewalt," ihren zürnenden und strafenden Gott, der ihnen oft genug im Leben nicht so recht hold war, durch Einschmuggelung ihres Backschisch in Form ihrer kindischen Spielereien und lächerlichen Hirngespinnste zu zwingen es doch zu thun, weil sie es gern haben wollten. — Allein diesem häufig vorkommenden Bestreben, es nach keiner Richtung hin zu verderben, entsprang das vorbezeichnete dem entsprechende Benehmen. — Wie ganz anders unsre jetzigen Frommen! Diese ent-