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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-30 · Heft 26 (30.6.1887) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 26 (30.6.1887)
Date
1887-06-30
Page
Seite 404 (sequence 4)
Language
German
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404 heute die spanische Sprache als Muttersprache und neben dem Hebräischen als Schriftsprache bewahrt. Und welches traurige Schicksal bereiteten zu ihrem eigenen Schaden die Spanier ihren jüdischen Mitbürgern! Denn als „Mitbürger" kann man sie doch bezeichnen, da sie lange vor dem Eindringen der Westgothen und vor dem Vordringen der Spanier in der iberischen Halbinsel heimisch waren. Wir können auf diese Facta verweisen, da es auch an gegentheiligen Ereignissen nicht fehlt. Ein glänzendes Beispiel derart bieten die Römer. Gegen diese zeigte sich der jüdische Geist viel widerstrebender; gegen die Römer erhob das jüdische Volk die Waffen wiederholt zu blutigem Kampfe. Dennoch bewiesen sich die Römer, sobald der Kampf beendet und dessen Bitterkeit vergessen war, aufs Entgegenkommendste gegen die Juden, gewährten ihnen das römische Bürgerrecht, eröffneten ihnen jede Art von Lebens beruf und alle Staatscarriören; ja, sie zeigten sich selbst den jüdischen Anschauungen und Sitten zugänglich, in weiteren Kreisen durch Zustimmung, in engeren durch Uebertritt zum Judenthume. Hier vermochte also selbst erbitterter Kampf die humane Gesinnung und die vorurtheilslose Behandlung nicht zu verdrängen. Alle diese Facten gehören längst vergangenen Zeiten an, Zeiten, in welchen eine höhere Culturbildung und eine wahrhafte Humanität noch eine geringere Entfaltung erlangten. Aber gerade dies, daß nämlich unsere Zeit, wenn sich in ihr auch immer wieder eine retrograde Bewegung zeitweise fühlbar macht, den Begriffen wahrer Gerechtigkeit und des echten Menschenthums immer mehr Raum gewährt und die Entwickelung der menschlichen Verhältnisse, der materiellen wie geistigen Interessen, den scheidungssüchtigen Vorurtheilen, dem Alles außer sich selbst negirenden Fanatismus Schritt vor Schritt entgegen wirkt und den Rechts- und Humanitätsverhältnissen immer mehr Boden erobert, giebt uns die Zuversicht, daß auch in Deutschland die Antipathie gegen die Juden nach und nach schwinden und der aufrichtige Gemeingeist den Sieg erlangen werde. Man hat schon viel über die Gesetze gedacht und gesprochen, welche in der Geschichte der Menschheit obwalten und sie aus bestimmten Wegen gestalten. Wie in der Natur Gesetze mit unabänderlicher Wirksamkeit vorhanden sind, so sollen derartige auch in der Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechts, insonders der Völker, ihre unabänderliche Macht ausüben. Man hat diesen Gedanken von den verschiedensten Seiten angefaßt; so z. B. glaubte man eine Zeit, lang, daß die Geschichte einer Nation von den geographischen und klimatischen Verhältnissen durchaus beherrscht sei, und daß alle in ihr hervortretenden Erscheinungen aus diesem Momente zu erklären seien. Nicht minder wandte man die in den Naturwissenschaften beliebte Bererbungstheorie auf die Menschengeschichte an, wollte die Resultate, die ein Volk erzielt, als Consequenz aus der in dunkler Urzeit eingeborenen Racenverschiedenheit herleiten. Alle diese Versuche brachten manche wichtige Beobachtungen ans Licht, hielten aber vor den nackten historischen Thatsachen nicht Stand, da diese unzählige Male einen von jenen Standpunkten aus unerklärlichen Widerspruch erhoben. Wir sahen Völker den Charakter, den sie in früheren Perioden ihres Daseins lange Zeiten hindurch bewahrt hatten, völlig aufgeben, ihre Lebensweise gänzlich um ändern und hiernach ihre Tendenzen und Geschicke modifiziren. Andere behaupteten, daß die Geschichte der Menschen lediglich nach philosophischen Gesetzen sich entwickele, und verstiegen sich sogar zu der Behauptung, daß, sobald erst die Gesetze der Psychologie genau erforscht wären, die geschichtlichen Ereignisse und Persönlichkeiten nach diesen rekonstruirt werden könnten, so daß jedes historische Dunkel sich aufhellen würde. Das Uebel ist nur, daß wir eben die Gesetze der menschlichen Seele nicht kennen, daß zu klarem und sicherem Bewußtsein bis jetzt nur die einfachen Erkenntnisse der Logik, wie sie von Aristoteles aufgestellt worden, gebracht sind. Wir müssen uns deßhalb in den meisten Fällen mit der Beobachtung der Thatsachen begnügen, und können wohl aus sich wiederholenden Erscheinungen eine gewisse Regel ableiten, aber von einem constanten Gesetze nicht sprechen. Eine solche Beobachtung ist es, daß gewisse Gegensätze in den Ansichten und Lehrmeinungen Jahrhunderte hindurch duldsam und friedlich neben einander existiren können, bis plötzlich in dem einen Theile der Menschen die Flamme des Fanatismus auflodert und verheerend und vernichtend um sich wüthet. Dieselben Gewalten, die lange schon bestanden und diejenigen Elemente ruhig neben sich duldeten, welche ihnen nicht entsprachen, erheben sich plötzlich in furchtbarer Erregung und suchen Alles um sich her zu vernichten, was sich nicht unbedingt ihnen unterwirft. Massen, die Jahrhunderte lang das ihnen auferlegte Joch geduldig ertrugen, stehen mit einem Male auf, um sich gewaltsam, Tod und Verderben um sich bereitend, die Freiheit zu erkämpfen, wobei sie entweder untergehen, oder nach einem kurzen Triumphe sich den gegebenen, wenn auch veränderten Verhältnissen, wieder unterziehen. Für diese ausfallende Erscheinung bietet die Geschichte mannigfache Beispiele. So lasen wir in diesen Tagen eine Abhandlung über „die Dichtungsarten der altprovenyalischen Lyrik." Es werden in derselben die mannigfaltigen Weisen, Arten und Gegenstände der Troubadourdichtung auseinandergesetzt, von dem wärmsten Liebesliede bis zu der schärfsten pvlitischen Satyre. Es war eine großartige Entfaltung des dichterischen Geistes, deren Wirksamkeit sich nicht auf die höheren Klassen beschränkte, sondern tief in die Massen eindrang. Da loderte Plötzlich der religiöse Fanatismus auf, „der Albigenserkrieg brach aus

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