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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-30 · Heft 26 (30.6.1887) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 26 (30.6.1887)
Date
1887-06-30
Page
Seite 403 (sequence 3)
Language
German
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405 zu beschäftigen, wodurch wiederum das große Ziel erreicht werde, daß sich die Leser „immer mehr durch ein gesetzmäßiges Leben vervollkommnen." Daß die literarische Bewegung eine reichhaltige war, geht aus einer Bemerkung hervor, die nur aus genügender Erfahrung geschöpft werden konnte. Der Berf. des Vorwortes bittet nämlich um „Wohlwollen und Nachsicht", wenn es scheinen sollte, daß er bei allem auf die Uebersetzung gewandten Fleiße hinter dem Ausdruck des Originals zurückgeblieben sei. Denn die ursprünglich in hebräischer Sprache geschriebene Schrift behalte nicht die gleiche Kraft, „wenn sie in eine fremde Sprache übertragen wird." Er wirft hierbei einen Seitenblick auf die Septuaginta, indem er bemerkt, daß „auch das Gesetz selbst und die Schriften der Propheten und die übrigen Bücher keine geringe Verschiedenheit von ihrer Ursprache" in der Uebersetzung zeigen. Er bezeugt nun ferner, daß er eine der palästinensischen Literatur nachgebildete auch in Alexandrien hinsichtlich der religiös sittlichen Dinge fand, als er dahin übergesiedelt. Und gerade deshalb hielt er sich für verpflichtet, die vorliegende Schrift ins Griechische zu übersetzen und herauszugeben „auch für die, welche in der Fremde lernbegierig sind und ihre Sitten nach dem Gesetze einzurichten wünschen." Da in unsrem Buche von dem, was man gewöhnlich Gesetz nennt, nicht gehandelt wird, sondern vielmehr von den Gesetzen der Sittlichkeit, wie sie au.s der Gotteslehre erfließen, so hatte der Uebersetzer diese besonders im Auge und erkannte die Wichtigkeit der Unterweisung in diesen an. Es werden uns daher in diesem Vorwort, so kurz es ist, recht bedeutsame Züge aus jener Zeit geboten: die literarische Thätigkeit in Schrift und Uebersetzung, das Streben nach sittlicher Entwickelung und Vervollkommnung, und der Wunsch, das Band zwischen den palästinensischen und auswärtigen Stammesgenossen zu erhalten und zu befestigen. Hierdurch erhält dieses Vorwort einen eminenten Werth. Einige Betrachtungen. Der jüngst mitgetheilte Artikel eines Protestanten über die Gleichberechtigung im Königreiche Württemberg, der nach unbestreitbaren Thatsachen erwies, wie auf dem ganzen Gebiete der Staatsverwaltung das Bündesgesetz über die Gleichberechtigung aller Confessionen nur eine Illusion ist, drängt uns die Frage auf: ist es in Bayern anders? oder in Sachsen, wo freilich der Judenhaß endemisch ist, obschon Jahrhunderte hindurch die sächsische Industrie dem Meßverkehr der Juden die Erhaltung verdankte? Oder in Mecklenburg, oder in welchem deutschen Staate? Hier und da finden sich in den mittleren Beamtenkreisen einige Ausnahmen, und eine solche ist es, wenn der Direktor der badischen Finanzen ein Jude ist. So schmerzlich es ist, so können wir uns doch nicht verhehlen, daß die Antipathie gegen die Juden eine dauernde Schwäche des großen deutschen Genius ist. Giebt es doch auch unter den zahlreichen deutschen Männern nur einen Lessing, der schon im zwanzigsten Lebensjahre für die Juden, deren Werthschätzung und Berechtigung eintrat, und dieser edlen Bestrebung bis zu seinem Tode treu geblieben, nur einen Alexander von Humboldt, welcher seine Humanität viel weniger in Worten aussprach, als in Handlungen bethätigte. Und jenes Factum ist um so auffälliger, als gerade der deutschen Nation und dem deutschen Genius sich die Juden am meisten näherten, am meisten zu amalgamiren suchten. Dies beweist nicht bloß die große Verbreitung der deutschen Sprache unter den Juden bis in die entlegensten Gegenden, nicht bloß die treue Anhänglichkeit, welche sie für deutsche Sprache und Sitte da bekunden, wo andere Deutsche schon in der folgenden Generation ihre deutsche Abkunft verleugnen, wie dies z. B. in Nordamerika schon wiederholt von angesehenen Reisenden hervorgehoben worden, sondern auch viele andere Umstände, wie die Annahme vieler deutschen Namen im Mittelalter, die frühzeitige Uebersetzung heiliger Schriften ins Deutsche, jüdische Andachtsbücher für das Volk in deutscher Sprache und dergl. Allein es ist eine eigenthümliche Erscheinung, ein eigenthümliches Schicksal, das sich mehrere Male in der Geschichte wiederholt, daß die Juden von den Völkern feindlich behandelt wurden, welchen sie eine gewisse Zuneigung entgegentrugen und denen sie sich am meisten zu nähern suchten. Das erste Beispiel hiervon gaben die Griechen. Selbst die palästinensischen Juden vor dem Falle Jerusalems ließen griechische Sprache und griechisches Wesen in ihre Kreise ein; hervorragende Männer unter ihnen nahmen griechische Namen an, und es gab eine Zeit, wo griechische Weisheit .selbst unter den traditionellen Lehrern eine große Achtung genoß. Außerhalb Palästina's, in Egypten und Kleinasien gräcisirten sich die Juden in sehr großem Maße, und ihre Literatur spann sich in griechischer Sprache weiter, gewiß ein Beweis, wie selbst die Masse vom hellenistischen Wesen durchdrungen war. Neuere Geschichtsforscher, wie selbst Mommsen, gestanden zu, daß das Griechenthum in jener Zeit besonders durch die Juden verbreitet worden. Und doch traten die Griechen überall den Juden feindlich entgegen und nicht wenige mit Blut geschriebene Seiten der Geschichte des jüdischen Stammes gehören den Griechen an. Ein zweites Beispiel bieten die Spanier. So günstig verhältnißmäßig die Lage der Juden unter der maurischen Herrschaft war, so schlossen sie sich doch unbedingt den Spaniern an und gingen in das Wesen derselben ein. Wir haben hierüber geschichtlich beglaubigte Berichte, und es erweist sich noch heutigen Tages, denn die Abkömmlinge der aus Spanien vertriebenen Juden haben sich in den östlichen Ländern noch 26*

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