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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-23 · Heft 25 (23.6.1887) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 25 (23.6.1887)
Date
1887-06-23
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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396 Amerika. Philadelphia, 1. Juni. (Privatmitth.) Unseren hierländischen Glaubensgenossen erscheint allmälig die jüdische Emigration aus Osteuropa in ihrem beständigen Zuwachs bedenklich. Sie meinen, daß durch den Zuzug von Massen nach einem Lande ähnliche Zustände an Mangel von Erwerbsquellen, an Noth und Elend geschaffen würden, wie die, welchen sie entfliehen. Einige jüdische Zeitschriften unseres Landes suchen deshalb gute Rathschläge zu geben und sind jüngst darauf gekommen, jenen Emigranten Egypten zu empfehlen. Religiöse Bedenken könne man jetzt nicht mehr hegen, da nach der mosaischen und jeremianischen Zeit hunderttausende von Juden in Egypten sich niedergelassen und dem egyptischen Heidenthume wie dann dem egyptischen Christenthume gegenüber ihrer Religion treu anhingen. Jetzt befindet sich aber nur eine geringzählige Bevölkerung im Lande der Pharaonen, und diese besteht aus spanisch-orientalischen Glaubensbrüdern. Erst jüngst habe sich eine Zahl deutscher und polnischer Juden in Alexandrien angesammelt. Das Land würde den Juden eine sicherere Zufluchtsstätte bieten als Spanien, da es jetzt mehr unter der Oberhoheit Englands als des Sultans stehe. Die egyptischen Städte könnten eine Vermehrung des bürgerlichen Elementes recht wohl vertragen. Man müsse deshalb die Aufmerksamkeit in den europäischen Ostländern hierauf richten. Wäre doch auch die Landessprache, die arabische, den Juden aus Rußland und Rumänien, von denen noch viele gute Hebräer sind, zugänglicher als die englische. Bonn, 14. Juni. (Notizen.) Man schreibt uns aus Brünn: Am 31. vorigen Monats starb in Marienbad der hochgeachtete Großindustrielle Max Löwbeer im 59. Lebensjahre. Der Verstorbene, der unter den hiesigen Industriellen einen der ersten Plätze einnahm, zeichnete sich durch seine echt menschenfreundliche Mildthätigkeit und durch warm religiöse Gesinnung um so vortheilhafter aus, als die Mehrzahl seiner reichen Standesgenossen in der Verachtung des Judenthums das Mittel sahen, sich „gesellschaftsfähig" zu machen. Der Verblichene hatte seit mehreren Jahren allen öffentlichen Aemtern entsagt und nur dem Vorstände der jüdischen Cultusgemeinde gehörte er seit einigen Monaten wieder an, während sonst die große Mehrzahl der reichen Juden in der Wahl zum Vorstande der Gemeinde nur das Mittel sieht, die Stufenleiter bürgerlicher Ehrenstellen emporzuklimmen. Ehre seinem Andenken! — Am 3. und 4. Juni fand die Einweihung der neuen Synagoge der jüdischen Gemeinde in Rheine i. W. statt. Die Bürger der Stadt hatten ihre Fahnen ausgehängt, auch das Rathhaus war mit zwei deutschen Fahnen geschmückt. Unter großer Theilnahme der Bevölkerung bewegte sich am 3. Nachmittags der Festzug aus dem alten Gotteshause in das neue. Im Festzuge befanden sich der Landrath Herr v. Basse, Bürgermeister Sprickmann, der evangelische Geistliche, eine Anzahl von Stadtverordneten und viele Bürger anderer Confessionen. Den Weiheact vollzog Rabbiner vr. Frank aus Köln, der in der Festrede besonders das Wohlwollen der Regierung und des Bürgermeisteramtes, welches sich bei dem Bau des neuen Gotteshauses gezeigt hatte, sowie das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Confessionen hervorhob — Der bekannte Künstler (Prästidigitateur) Prof. Hermann, der in so vielen deutschen Städten Vorstellungen gegeben, ist im 72. Lebensjahre in Wien gestorben und auf dem jüdischen Friedhofe bestattet worden. — Nach dem neuesten französischen Gesetze kann das israelitische Consistorium nicht mehr die für wohlthätige Zwecke bestimmten Legate und Spenden für die betr. Anstalten in Empfang nehmen — weil es eine geistliche Behörde ist — sondern die Anstalten selbst müssen vom Präsidenten der Republik dazu autorisirt werden. Jüngst erhielt durch ein solches Decret das Rothschild'sche Hospital von G. A. Mortrange genannt Alkan 95,000 Frcs. zu Gunsten der Abtheilung für kranke Greise und Wöchnerinnen; ebenso erhielt es zwei Legate von je 20,000 Frcs. von Antoine Königswarter für das Hospital und für die israelitische Waisenanstalt in Paris. — Zu Marseille verstarb Herr Dorius Allatini aus Salonichi. Unter den vom Verstorbenen bestimmten Legaten befinden sich 5000 Frcs. für die Knabenschule der Alliance, 4000 Frcs. für die Mädchenschule, 3000 Frcs. für die Arbeitsschule, 3000 Frcs. für die Talmudthorah, 1000 Frcs. für den Krankenverein, 1000 Frcs. für die italienische Wohlthätigkeitsgesellschaft, 1000 Frcs. für die italienische Schule, 1500 Frcs. für die türkischen Schulen, 1500 Frcs. für die griechischen Schulen, 500 Frcs. für die bulgarische Schule. Aus Florenz schreibt man, daß der dort verstorbene Componist Giacomo Musetti sein ganzes Vermögen, welches mehr als 100,000 Frcs. beträgt, der israelitischen Gemeinde für ihre Wohlthätigkeitsanstalten vermacht hat. Bonn, 13. Juni (Antiquarische Notiz.) In der Sitzung der Akademie der Inschriften und schönen Künste zu Paris las Herr Jules Oppert in der Sitzung vom 27. Mai eine Abhandlung über juridische assyrische Texte, betreffend die Juden von Babylon, aus welcher wir Folgendes hervorheben: Eine interessante Begebenheit ereignete sich mit einem jüdischen Sklaven Namens Barachiel; er wohnte seit 570, zehn Jahre nach der (ersten) Zerstörung Jerusalems, in Babylon und gehörte einer Dame Gaga, welche ihn von einem vorhergehenden Besitzer erworben hatte.

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