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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-23 · Heft 25 (23.6.1887) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 25 (23.6.1887)
Date
1887-06-23
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
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395 gebungsvoller Eifer für die Interessen seiner Glaubensgenossen. K. Brünn, im Juni. (Privatmitth.) Eine Gerichtsverhandlung von einer selten dagewesenen Art machte vor Kurzem die jüdischen Gemeindeverhältnisse zum Gegenstände allgemeinem Gesprächs. Der Rabbiner des Nachbarortes Pohrlitz und drei Vorsteher seiner Gemeinde hatten sich gegenseitig auf Ehrenbeleidigung verklagt. Der Rabbiner selbst zog seine Klage zurück, während die Vorsteher auf der ihrigen verharrten und auch die Berurtheilung des Rabbiners zu dreißig Gulden Geldstrafe eventuell sechs Tage Arrest durchsetzten. Die Klage stützte sich darauf, daß der Rabbiner, der zugleich Verwalter der in der Gemeinde bestehenden frommen Stiftungen ist, aufgefordert, im Amtslocale der Gemeinde die Rechnungen zu legen, sich geäußert hätte, dorthin wollte er nicht gehen, denn er fühle sich vor den Fäusten der Herren nicht sicher. Ueberdies hatte er indirect die Beschuldigung ausgesprochen, es könnte einer der Herren ihm seine Papiere entwenden, und endlich hatte er seinem gepreßten Herzen in einer am Peßachfeste gehaltenen Predigt in einer Weise Luft gemacht, in welcher die Kläger eine Verletzung ihrer Ehre sahen. Bedauerlich ist nun an einem solchen Vorfälle in erster Linie der Umstand, der leider kein vereinzelter, sondern fast ein symptomatischer geworden ist, daß die Rabbiner kleiner Orte die Kanzel dazu benützen, um ihre persönlichen Angelegenheiten auszutragen. Ganz abgesehen davon, welchen tiefen Schaden ein solches Verfahren der Sache der Religion bringen muß, abgesehen ferner davon, wie wichtig es gerade für Juden ist, daß sie das Gotteshaus nicht mehr wie früher als Tummelplatz ihrer Leidenschaften und ihrer Scandalsucht betrachten, ist es auch sehr unedel, sich einen Platz zu seinen Angriffen zu wählen, an welchem die Gegner nicht zu Worte kommen können. Biel schlimmer jedoch, und leider ebenfalls sympwmatisch, ist die vollkommene Gesetzlosigkeit, mit welcher der Vorstand willkürlich Alles an sich reißt, was er nur irgend kann, und wie es diese Herren als Lebensaufgabe betrachten, das Geltungsgebiet des Rabbiners einzuschränken. Sehr bedauerlich ist auch der vollkommene Mangel an einer schiedsrichterlichen Instanz zwischen Rabbiner und Vorstand, die doch das Weitergreifen des Skandals verhindern könnte. Mähren hätte von Altersher in dem Landesrabbiner eine solche Instanz besessen, wenn dieses Amt den Anforderungen der Zeit gemäß reconstruirt worden wäre, statt daß man, wie es von Regierungswegen beliebt wurde, um sich das Kopfzerbrechen zu ersparen, das Landesrabbinat fortbestehen ließ, ohne einen Landesrabbiner zu wählen und die unsinnigsten Verordnungen, wie etwa, daß jeder Rabbiner und Religionslehrer sich über die Kenntniß des Herz Homberg'sche „Bne Zion" ausweisen müsse, bestehen läßt, während man anderseits gar nicht daran denkt, Ergänzungen der alten Gesetze zu treffen. Leider müssen wir auch gestehen, daß die Juden selbst durch Untergrabung aller Autorität und durch den unsinnigen Popanz vor der Hierarchie derartige Zustände verschuldet habe. Beklagen muß man ferner den Umstand, daß sich nicht freiwillig Männer gefunden haben, die in diesem Falle intervenirt hätten, wie das der verdienstvolle Vorsteher der Wiener Gemeinde, Herr Emanuel Baumgarten, für den nunmehrigen Abgeordneten Eh-. Bloch gethan hat, dem von zwei Mitgliedern seines Vorstandes eine Ehrenbeleidigungsklage drohte, weil er dieselben in einer Sitzung gerade heraus „R." genannt hat, wofür ihm auch seine Stelle entzogen wurde, was sicherlich auf die Entwickelung des damals in Schwebe befindlichen Processes mit Rohling eine bedenkliche Wirkung geübt hatte. Rußland. Lodz, 10. Juni. (Privatmitth.) Große Industriestädte oder Kreise haben den Vorzug, durch die Produktion der verschiedensten industriellen Zweige bedeutende Reichthümer herbeizuziehen und Massen von Arbeitern zu ernähren. Aber sie leiden darunter ganz besonders, wenn eine Handelskrise und gewerbliche Stockung eintritt, daß eine Unzahl von Menschen arbeits- und erwerbslos werden und dem schlimmsten Elend anheimfallen, und daß unter den Industriellen selbst ganze Vermögen schnell verloren gehen und Fallissements an der Tagesordnung sind, die wiederum andere Häuser mit ins Verderben reißen. So sind gegenwärtig die Zustände in Lodz, diesem größten Jndustriebezirke von Russisch-Polen, und man kann die Unglücksfälle und die überaus traurige Lage der arbeitenden Klasse nicht beschreiben. Die schlimmsten Folgen solcher Zustände bestehen dann aber in dem Anwachsen der Verbrechen, sowohl an Zahl als an Frevel. Allerdings sucht man vielseitig dem Uebel entgegenzutreten, und möglichst abzuhelfen, wo man es vermag. Aber die vorhandenen Kräfte reichen hierzu nur in geringem Maße aus. So hat sich hier ein Verein junger Israeliten gebildet, um den zahlreich stellenlos gewordenen Commis und Buchhaltern Unterhalt zu gewähren, bis sie wieder eine Stelle gefunden haben. Andere Glaubensgenossen gehen mit dem Plane um, nach Spanien auszuwandern, und einige sind schon mit dem Senator Lopez Lapuya in Verbindung getreten, der ihnen eine freundliche Aufnahme verheißen hat. Mögen sie ihren Plan ausführen, ihre Erwartungen erfüllt sehen! Jeder von ihnen strebt nur danach, ein redliches Stück Brod erwerben zu können, und darauf hat doch eigentlich jeder Mensch ein Anrecht. A.

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