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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-23 · Heft 25 (23.6.1887) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 25 (23.6.1887)
Date
1887-06-23
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
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394 Oesterreich-Ungarn. Pest, den 7. Juni. (Privatmitth.) Wie ein Telegramm aus Krakau berichtet, hat Gouverneur Gurko an die politischen Bezirksämter eine Verordnung erlassen, in welcher der jüdischen Bevölkerung des Königreichs Polen jedweder Ankauf unbeweglicher Güter verboten wird. Pest, 10. Juni. In Uezbegh (Nyitraer Comitat) fand Nachts ein antisemitischer Wahl-Exceß statt. Das Militär hat geschossen; 3 Menschen wurden getövtet, 3 schwer verwundet. — Dieser antisemitische Wahlexceß in Uezbegh ist dadurch entstanden, daß die Gendarmen die um 11 Uhr Nachts im Wirthshaus spektakulirenden Antisemiten aufforderten, sich ruhig zu Verhalten. Der aufgestachelte Pöbel verließ das Wirthshaus und inscenirte vor der Wohnung des Notars einen Crawall. Die Militärpatrouille gab nunmehr Feuer, wodurch drei Personen getödtet, zwei schwer und drei leicht verwundet wurden. Aus Nyitra wurde eine Compagnie Honveds requirirt, eine zweite Compagnie steht in Nyitra in Bereitschaft. Im Bezirke steht ein Liberaler den Antisemiten gegenüber. Ersterer hielt gestern unangefochten seine Rede. Der Crawall wurde erst später inscenirt. (In Ungarn kann bekanntlich eine Wahl nicht ohne blutige Kopse vorsichgehen. Es ist deshalb sehr anerkennenswerth, daß die Regierung ihre Organe entschieden angewiesen hat, antisemitischen Excessen mit Energie entgegenzutreten, wodurch das Volk vor schweren Uebeln geschützt wird. Uebrigens liegt diesen Tumulten noch mehr Neid und Plünderungssucht, als wirklich antisemitische Gesinnung zu Grunde.) Nyribator, 7. Juni. (B. C.) Der Centralausschuß des Szabolcser Comitats hat den Wahl-Termin für den 18. d., also einen Samstag, anberaumt, wodurch die in den Gemeinden zerstreut wohnenden Wähler israelitischer Confession an der Ausübung ihres Wahlrechts behindert sind; überdies ist der Candidat des einen Wahlbezirks Paul Mandel selbst Jude. Die Opposition, die seit zwölf Jahren vergebens gegen Mandel gekämpft, hat jetzt dieses Mittel ersonnen. Die Wähler jüdischer Confession und Paul Mandel rekurrirten gegen den obengenannten Beschluß des Centralausschusses, die Verlegung des Wahltermins fordernd. Eperies, 7. Juni. (Privatmitth.) Leo Holländer gest. In Eperies ist am 5. d. M. ein Mann aus dem Leben geschieden, der zu den markantesten Persönlichkeiten der ungarischen Judenheit gehörte: es ist dies Leo Holländer, welcher ein Alter von 82 Jahren erreicht hat und dessen Leben dem Vaterlande, der Humanität und seinen Glaubensgenossen geweiht war. Der Verblichene wurde als der Sohn Markus Holländers, des Oberhauptes der Judenschaft (Rosch Medinah) im Säroser Comitat, geboren. Schon als junger Mann erfreute er sich nicht nur im Kreise seiner Glaubensgenossen, deren Interessen er schon im Jahre 1839 eifrig vertrat, sondern im ganzen Comitate, dem er angehörte, eines großen Ansehens. Sein klarer Verstand, seine Bildung und sein gerader Charakter fanden allgemeine Anerkennung und verschafften ihm auch die Freundschaft des Obergespans Grafen Georg Andrassy. Seit dem Jahre 1839 hat Holländer im Interesse der ungarischen Juden viele Deputationen an den Hof und vor die höchsten Würdenträger des Landes geführt. So war er auch einmal beim Palatin Erzherzog Josef, der bekanntlich kein großer Judenfreund war. Er bat um die Gleichberechtigung der Juden und der Palatin erwiederte darauf mit schonendster Umschreibung, daß die Juden für die Emanzipation noch nicht reif genug wären. „Was wollen Ew. kaiserliche Hoheit?" sprach hierauf Leo Holländer. „Sollen wir Halbgötter sein, bevor wir noch Menschen werden durften?" Diese muthigen Worte verschafften ihm auch die Hochachtung des greisen Palatins. Als es noch wirkliche Liberale gab und dieser Begriff nicht zum leeren Schlagworte einer Partei herabgesunken war, sprach man im Süroser Comitate von Leo Holländer, als von einem Manne, der den Besten der Guten angehöre. Er bewies dies besonders im Freiheitskampfe. Als die Fahne der Revolution ausgesteckt wurde, sandte er sofort seine beiden Söhne als Honvöv, welche alsbald tapfere Offiziere des Heeres wurden. Er selbst wirkte mit Leib und Seele eifrig für die nationale Sache. Er war 1848/49 er Honvödhauptmann und Ober- Intendant der Festung Komorn. Als Arthur Görgei sein Heer im Winterfeldzuge für die Siege im Frühling rettete und an Kraft und Geld ganz erschöpft in die Zips gelangte, war es Leo Holländer, welcher ihm, da er mit der Debrecziner Regierung noch nicht in Contakt kommen konnte, seine Kasse zur Verfügung stellte, was damals eine beispiellose Opferwilligkeit bedeutete. In den trüben Zeiten nach der Revolution zog er sich vom öffentlichen Leben zurück und fand seine Freude in dem Verkehrey mit den gelehrten, dem Fortschritte huldigenden Rabbinern des Auslandes, welche er auf seinen Reisen aufsuchte, und in der Numismatik, welche er leidenschaftlich betrieb. Bei der Ordnung der inneren Angelegenheiten der ungarischen Juden rechnete der damalige ungarische Cultusminister, der edle Baron Eötvös, der ihn hochschätzte, auf seine Mitwirkung; er war dazu berufen, den israelitischen Congreß als Alterspräsident zu eröffnen, wie er denn auch zu den hervorragendsten Mitgliedern des Congresses zählte. Bis an sein Lebensende gehörte er dem Direktionsrathe des ungarischen Landes-Rabbiner-Seminars an und bis in seine letzten Tage lebte in ihm glühender Patriotismus und hin-

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