Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1887)
- Date
- 1887-06-23
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
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1 M Herr Blavier noch bemängelt hatte, daß von den Conservativen bei der Schächtungsdebalte im Reichstag keiner das Wort genommen und den reinen Antisemitismus, der die Bekehrung der Juden verwerfe, betont hatte, entgegnete derVortragende, daß man die Unrichtigkeit dieses Standpunktes an Männern, wie z. B. Stahl beobachten könne. Bezüglich des Schächtens habe Dr. Böckel recht gehabt. Nachdem noch ein Herr Bartschis sich im Sinne des Vorredners Blavier ausgesprochen, schloß diese letzte „christlich-soziale" Versammlung vor den Ferien. Berlin, im Juni (Privatmitth.) Ein erfreuliches Bild von den Fortschritten eines überaus wohlthätig wirkenden Vereins, entrollte die am 15. Mai in Berlin stattgefundene Generalversammlung des Vereins „Esra". Derselbe hat bekanntlich Unterstützung der in Palästina ackerbautreibenden Juden und Bekämpfung der Mission auf seine Fahne geschrieben und um diese schon zahlreiche Freunde gesammelt. Beinahe lOJO Mitglieder gehören dem Vereine an, eine in Anbetracht der Jugend desselben höchst achtenswerthe Zahl, und da diese Mitglieder über ganz Deutschland verstreut sind, so ist auch die Beiheiligung an der Generalversammlung seitens circa 300 Mitglieder durch gewählte Vertreter ganz bedeutend, um so mehr, als viele andere auf eine eigene Vertretung verzichtet hatten, indem sie gleichzeitig ihr Vertrauen zu der Leitung des Vereins aussprachen. In der Generalversammlung selbst wurde, nachdem der Vorsitzende Herr Kille Bericht über das verflossene Geschäftsjahr erstattet hatte, auf Antrag der Revision dem Central- Comite Decharge ertheilt und für die nach den Statuten ausscheidenden Mitglieder des Central-Comitos und der Revisions- Commission die nöthigen Neuwahlen vorgenommen. Zum Vorsitzenden des Vereins wurde Herr Rittergutsbesitzer Max Jtzig gewählt, der mit dem Interesse für den Verein gleichzeitig die fachmännische Kenntniß des Ackerbaues verbindet und in hiesigen Kreisen großes Ansehen genießt. Nachdem die Versammlung einige geringfügige Statutenänderungen vorgenommen, beschloß sie noch eine größere Summe wieder für eine von dem Central-Comito noch näher zu bestimmende Colonie abzusenden. Die Delegirten, die an dieser Generalversammlung theilgenommen haben, werden ihren Wählern nur Gutes von dem Gedeihen des Vereins zu berichten wissen und der Erfolg dieses Jahres berechtigt zu der Erwartung, daß auch in Zukunft die Entwickelung des Vereins gleich günstige Bahnen innehalten wird. Berlin, 15. Juni. Man muß seine Feinde nicht aus den Augen verlieren! Die Antisemiten hielten am Montag eine Versammlung ab, in welcher der Reichstagsabgeordnete Di*. Böckel einen Bortrag über den „Antisemitismus in Hessen" hielt. Die Bewegung in Hessen gestalte sich, so führte Redner aus, immer großartiger, besonders in Gießen, wo man bei der nächsten Wahl den nationalliberalen Vertreter gewiß verdrängen könne. Ganz Oberhessen habe viele Juden, die durch Wucher zu Wohlstand gekommen seien, da dringe der Antisemitismus mit Leichtigkeit ins Volk. Als größten Feind der Bewegung müsse man die höheren Stände betrachten, deren Angehörige im Stillen zwar dem Antisemitismus Recht gäben, aber nicht offen damit heraus wollten, weil sie sich damit ins eigene Fleisch schneiden würden. Ein Staatsanwalt in Hessen habe sogar einen Antisemiten, der von einem Juden wegen Beleidigung verklagt gewesen, als Antisemit bestraft wissen wollen. Keine Partei wolle wegen dieses Verhaltens der höheren Stände mit dem Antisemitismus gemeinsame Sache machen, ja in Marburg würden sogar alle Parteien bei der nächsten Wahl gegen den Antisemiten zusammenstehen, die Socialdemokraten eingeschlossen. (Böckel selbst glaubt also, daß er nicht wieder gewählt werde! Red.) Das thue aber der guten Sache nichts, weil die große Masse der Bevölkerung im Hessischen, besonders die Turner-, Gesang- und Krieger-Vereine, sämmtlich antisemitisch gesinnt seien, einige Juden hätten es schon vorgezogen, Marburg zu verlassen, da sie sähen, wie sie lahmgelegt werden. Der größte Gegner der Bewegung müsse zugeben, daß dem Volke durch den Antisemitismus in Oberhessen Vortheile errungen wären; es fühle sich frei, denn die Juden seien wie niedergeschlagen. (Wenn dies wahr wäre, dann würde es wohl bald vorübergehen, dazu trägt Böckel selbst das Meiste bei. Früher hätten die Leute in Hessen gar nicht gewählt, jetzt seien sie wie aufgewacht, ja, auf die Darstellung seines (Redners) Zusammenstoßes im Reichstage mit dem Staatssecretär von Stephan durch die Presse hätten seine hessischen Wähler gesagt, die Zeitungen berichteten nicht wahr, sie wüßten, „daß Dr. Böckel gut sei." (Und wie bei den anderen Fiasko's Böckels? Er stellt seine „Bauern" doch als allzu dumm hin! Red.) Auf die hessischen Bauern könne man vertrauen, die ständen zusammen. Der von den Gegnern gegründete „Verein gegen den Wucher" habe nur eine unthätige Commission gewählt und einen Rabbiner an die Spitze gestellt, da würde er wohl „koscher" bleiben. Es sei nicht recht, daß die Regierungspresse parteiisch gegen den Antisemitismus in Hessen ausgetreten sei. Sie habe die Antisemiten als Socialdemokraten und Anarchisten bezeichnet; als sie aber in Folge dieser Aeußerungen in drei Tagen 600 Abonnenten eingebüßt habe, sei sie verstummt. Zum Schluffe seiner Rede bezeichnet Herr Böckel die Begeisterung der hessischen Bauern für die antisemitische Sache als ein sehr günstiges Symptom der „echt nationalen Bewegung". Die Versammlung, die sich zumeist aus antisemitischen Vertrauensmännern zusammensetzte, beratschlagte schließlich über die Neugestaltung der Organisation in Berlin. 24