Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1887)
- Date
- 1887-06-23
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
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392 Judenthum auch hier und da etwas empfänglich gezeigt, so haben die Sendboten des Evangeliums namentlich in Posen und Preußen doch auch vielfach Haß gefunden. Der von der Gesellschaft ausgesandte Missionar hat in 78 Vorträgen Zeugniß von seinem Glauben abgelegt, über 8000 Traktate vertheilt und 3317 biblische Bücher abgegeben. In Berlin selbst ist im vorigen Dezember ein Proselyt als neuer Arbeiter eingestellt. Getauft hat die Gesellschaft in Berlin einen (!!) Juden, der eine Christin heirathen wollte und deshalb übertrat. (!!) Finanziell unterstützt wurde von der Gesellschaft das in den östlichen Provinzen bestehende Asyl, in dem 131 Juden im letzten Jahre Aufnahme gefunden haben, nur 7 aber getauft wurden. (!!) Das vom Prof. Delitzsch in Leipzig hebräisch herausgegebene Neue Testament hat in 30 000 Exemplaren in Galizien, der Bukowina u. s. w. schnell Absatz gefunden. In Schottland, in Schweden und in Nordamerika sind neue Judenmissionsgesellschaften begründet worden. Für das im vergangenen Jahre in Leipzig mit drei Schülern begründete Seminar für Judenmissionäre hat auch die Gesellschaft einen Beitrag geleistet. Der bisherige Prediger der Gesellschaft Dsal, der gemüthskrank (!) ist, ist endgiltig von seiner Stellung zurückgetreten, ein Ersatz ist bisher noch nicht gefunden. (!) Am Schluß des Gottesdienstes wurde für die Zwecke der Gesellschaft gesammelt. — Vor einigen Tagen feierte Frau Rosalie Friedländer, geb. Jacoby, ein seltenes Fest. Dieselbe konnte als Ehrendame des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde, dem sie seit dessen Bestehen angehört, auf eine sünfundzwanzigjährige ununterbrochene Thätigkeit zurückblicken. Die betagte Dame wurde gelegentlich dieses Tages von den Vorstandsmitgliedern und den Ehrendamen der Anstalten in ihrer Wohnung begrüßt und durch Uebergabe eines vom Maler Döpler d. Jüng. gefertigten kunstvollen Gedenkblattes erfreut. Berlin, 12. Juni. Vorgestern hielt der „christlich-soziale" Verein nach längerer Zeit wieder einmal eine Versammlung und Stöcker hielt die Rede. Am meisten beschäfngte er sich mit den Professoren Lazarus und Goldschmidt, die er abwechselnd lobte und tadelte. Im Ganzen sieht man, daß Stöcker selbst seinen Standpunkt verloren hat und hin- und herschwankt. Er sagte: Die Berliner Bewegung habe durch die letzten Reichstagswahlen gelitten, aber man könne nicht dafür, wenn gewisse Leute von gewisser Seite Geld annehmen. Das Judenthum habe sich in die Bewegung hineingemischt, und es stelle sich nach Lage der Verhältnisse nicht auf die Seite der Reichsfeinde, das sei klug von ihm. Dennoch müsse man die Juden von der Bewegung zurückweisen, da die Professoren Goldschmidt und Lazarus sich gleich nach den Wahlen Unarten gegen die antijüdische Bewegung hätten zu Schulden kommen lassen. Allerdings hätten sie sich um die nationale Bewegung Verdienste erworben und dafür wisse man ihnen Dank; sie hätten manche gute Absicht zu Aagö gefördert, sich aber widersprochen, da sie einerseits zugegeben, daß die Fortschrittspresse mit Entstellungen arbeite, andererseits aber die Berichte in derselben als baare Münze nähmen. Alles was Prof. Goldschmidt an der Fortschrittspartei tadele, habe man beseitigen wollen, darum sei die Bewegung entstanden. Nicht recht wäre es daher, wenn derselbe ihn (Redner) einen sittlich verwerflichen Demagogen nenne, es würde ihm nicht einfallen, Prof. Goldschmidt so zu bezeichnen, und unter den Christen, die Prof. Goldschmidt als mit ihm einverstanden bezeichnet, würden wohl sehr viel jüdische Konvertiten sein; es wären dies Christen, die die 10 Gebote mit dem „Was ist das?" nicht kennten. (Beifall.) Auch Prof. Lazarus komme mit Verachtung, da könne man sagen, wenn der Professor sich in seiner Studirstube entrüsten könne, könne es der Hofprediger auch. Prof. Delitzsch in Leipzig sei einer der größten Gegner der antisemitischen Bewegung, aber was er in seinen Broschüren über die Juden gesagt habe, lasse in ihm, der den Antisemitismus als die Bekämpfung des Bösen mit Bösem bezeichnet habe, den vaterlandsliebenden christlichen Deutschen erkennen. Der Kampf sei von jüdischer Seite provozirt durch das Verhalten der nichtjüdischen Bevölkerung gegenüber. Nicht wahr wäre es, daß die Juden sich in Deutschland assimilirten, das beweisen die hebräischen Inschriften an den Läden; sie bildeten immer noch eine Nation, und bei strengen Juden sei eine Ehe mit Nichtjuden wegen des jüdischen Essens nicht möglich. Solch mathematischer Beweis müsse einem Professor verständlich sein. Auch machten die Juden nicht alle Arbeiten der Nation mit, sondern nur die leichteren und einträglicheren, das sei kein Aufgehen in die Nation, darum verlange Luther schon, daß man ihnen den Dreschflegel in die Hand geben solle. Redner wendet sich dann gegen die freie Advokatur und meint, daß die Beseitigung derselben spruchreif für die Gesetzgebung sei; die Richter und Anwälte wären dafür. Man stelle über den Kosmopolitismus die nationale Idee, obgleich man auch für Gleichstellung der Menschen, die ein Recht darauf haben, sei. BetWchte man die Arbeitgeber Berlins, so finde man, daß 73 pCt. derselben jüdisch seien. Diese hätten am Sonnabend Feiertag, aber sie ließen ihre nichtjüdischen Leute vielfach arbeiten und ebenso des Sonntags, denn dieser sei für sie kein Feiertag. Außerdem habe ein Großeapitalist nicht das Recht, sich an die Spitze der Sozialdemokraten zu stellen und die Arbeiter aufzuhetzen. Der deutsche Michel wäre nur noch nicht völlig erwacht, sonst würde es nicht mehr geschehen können, daß den Juden aus Rücksicht auf sie Vortheile gewährt würden. Wenn das Schächten eine Thierquälerei sei, müsse es abgeschafft werden. Bei einem Verhalten wie das der Professoren Lazarus und Goldschmidt könnten die jüdischen Schwachheiten nicht beseitigt werden. Nachdem der Antisemit