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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-23 · Heft 25 (23.6.1887) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 25 (23.6.1887)
Date
1887-06-23
Page
Seite 388 (sequence 4)
Language
German
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388 ausdrücklich nach Ewalds Uebersetzung eitirt, was doch den Anschein erwecken muß, als wolle er die Annahme abweisen, daß er diese Stelle im Urtexte zu lesen verstände. Diese Hetze gegen die Zulassung von Juden zum akademischen Lehramte ist übrigens nicht neu. Sie hat schon im Abgeordnetenhause in dem Abgeordneten P. Greuter einmal einen Vertreter gefunden, der mit dem billigen Witz debütirte, daß die Wiener Universität eigentlich eine orientalische Akademie sei, ebenso hat der Benedictiner Ordenspriester Gillbauer einmal in der katholischen Studentenverbindung „Austria" die katholischen Jünglinge dazu aufgefordert, sich mehr als es bisher geschehen, dem akademischen Lehramte zu widmen, um die Juden auszustechen. Von Interesse ist es jedoch, das ausdrückliche Geständniß der Herren, das ich am liebsten dem Wortlaut nach anführe: „Wir anerkennen widerspruchslos den gesetzlichen Anspruch der Juden auf Gleichberechtigung, aber diese Gleichberechtigung darf nicht zu einer mit dem numerischen Verhältniß in schreiendstem Widerspruch stehenden Hegemonie übergehen." Also die Herren anerkennen unser Recht, und doch meinen sie etwa der Staat müßte ein Gesetz erlassen, wonach die Juden nur nach einen Prozentsatz der Bevölkerung im akademischen Lehramte vertreten sein dürfen. Warum denn nicht ebenso in allen übrigen Staatsämtern, auch gar in der Industrie, im Handel und Gewerbe, oder endlich warum nicht gleich die Bestimmung aufnehmen, daß die Anzahl der Juden nicht über den einmal bestimmten Prozentsatz sich vermehren dürfe? Aber das wäre ehrlich gesprochen, und Ehrlichkeit kann nicht die Tugend der Herren sein, die ihre letzten Ziele aus wohlweislichen Gründen verborgen Hallen müssen. Ferner ist ihr Ausspruch interessant, der in demselben Artikel hervorhebt, daß es einzelne und zwar untergeordnete Fächer gibt, für welche kaum ein anderer Dozent als ein Jude zu finden sein möchte. Was sind diese, „und zwar untergeordnete" Fächer? Sind sie etwa orientalische Sprachen, doch kaum, da darin die Juden schwerlich wohl besonders hervorragen, vielmehr gerade die Kirche durch ihre Missionen in der Lage ist, die besten Vertreter zu stellen, auch dürften diese Herren es gar nicht lieben, daß man die akademische Jugend zu viel mit unbefangener Exegese bekannt mache! Wir vermuthen daher, daß Handel- und Wechselrecht gemeint, und daß dieses „und zwar" erst recht die Bosheit hervorschimmern läßt, die die eigentliche Triebfeder der ganzen Acten ist. Wir aber stehen fest auf dem Boden der Überzeugung, die uns die Bibel in der egyptischen Geschichte vorgezeichnet hat, mit dem Worte: „Und je mehr man sie unterdrückte, desto mehr vermehrten sie sich und breiteten sich aus" und, wenn auch die Macht auf Seite unserer Gegner ist, so haben wir doch das göttliche Recht auf der unseren und sagen mit Elischa dem Propheten: „Mehr sind, die mit uns kämpfen, als die mit ihnen." Literarischer Wochenbericht. Bonn, 8. Juni. Die Geschichtschreibung darf nicht fragen, ob der Gegenstand, den sie zu behandeln hat, traurig und düster ist und für die Menschennatur ein ungünstiges Zeugniß ablegt, oder ob sie eine Zeit des Aufschwunges, des Geistes- und Culturfortschrittes zu schildern habe. Sie muß eine wie die andere Zeitperiode in ihrer Wirklichkeit nach ihrem wahren Werthe zeichnen und beurtheilen. Man hört sehr oft den Ausspruch, daß die Menschen nichts aus der Geschichte lernen. Wir halten denselben für unrichtig. Selbst wenn die jeweiligen Geschlechter sich dessen nicht bewußt sind, was sie aus der Geschichte erfahren haben und wie diese auf sie gewirkt, so übt doch die Geschichte, wie jede Unterweisung, ihren unmittelbaren Einfluß auf die Gedanken- und Gefühlsrichtung der Menschen aus, und Motive und Impulse erfließen aus ihr, ohne daß die weniger aufmerksamen Menschen es gewahren. Wer z. B. die Geschichte der Inquisition oder irgend einer Zeit der fanatischen Verfolgungssucht liest, wird in der Trefe seiner Seele zur Duldsamkeit und Humanität gedrängt, fühlt sich glücklich über jene grause Periode hinaus zu sein, und wird daher stets irgend welchem Andrängen zu ähnlicher Gewaltthätigkeit widerstehen. In der That dürfen wir auf die Gegenwart nicht zu stolz sein, aber daß sie viele frühere Epochen an löblichen Eigenschaften überragt, kann doch nur der mürrische Menschenfeind leugnen. So begrüßen wir denn auch ein eben erschienenes Geschichtswerk mit Befriedigung: „Histoire <363 Juifs d’Alsace par Elie Scheid. Paris, Durlacher, 1887. (S. 424 in sehr schöner Ausstattung.) Der Vers., der bereits eine Geschichte der Juden von Hagenau geschrieben, verbindet mit großem Fleiße eine klare Darstellung, welche im Stande ist, uns den Charakter eines langen Zeitraums erkennbar zu machen. Er hat für seinen Gegenstand die Archive der elsässischen Städte ausgiebig benutzt und seiner Geschichtserzählung eine große Anzahl von Dokumenten als Belege hinzugefügt. In Elsaß bestanden seit alter Zeit äußerst zahlreiche Städte und Ortschaften, und da glücklicher Weise der christliche Fanatismus erst in späterer Zeit, mit den Kreuzzügen, eintrat, hatten die Juden Zeit, sich in diesen Städten und Ortschaften niederzulassen und wurden hier wohlwollend ausgenommen und behandelt. Davon giebt am besten Zeugniß, daß die eigentliche Geschichte der Juden im Elsaß erst mit dem dreizehnten Jahrhundert anhebt, d. h. mit der Geschichte ihrer Verfolgung. Sie halfen die Städte bevölkern, deren Kräfte und Mittel

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