Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1887)
- Date
- 1887-06-16
- Page
- Seite 381 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227688--44491-3266773- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
381 Gärten, so daß Jericho jetzt ein Winterkurort geworden. Die türkische Regierung dagegen thnt alles Mögliche, um die Bevölkerung zu bedrücken. Unter der schweren Steuerlast unterläßt es der Landmann, mehr anzubauen als er bedarf. Dennoch meint Herr Oliphant, daß es vollständig gefahrlos ist, nach jeder Richtung hin im Lande umherzureiten, daß die Ebene von Esdraelon sich im höchsten Grade der Cultur befinde und die Beduinen nach der Südgrenze zurückgedrängt sind. Hierzu haben, wie der Berf. ausdrücklich hervorhebt, die fremden Colonisten, Juden sowohl als Christen, besonders auch die Deutschen, (die württembergischen Templer), das Meiste beigetragen. In der Umgebung von Haifa hat sich der Werth der Grundstücke in drei Jahren verdreifacht und die Bevölkerung in zehn Jahren verdoppelt. Trotz aller Schwierigkeiten, welche dem Erwerb von Grundbesitz entgegenstchen, beträgt die ansässige jüdische landbautreibende Bevölkerung von Galiläa schon über 1000 Seelen. Ueber diesen Punkt sagt Mr. Oliphant wörtlich Folgendes: „Drei Vorurthcile haben der Colonisation von Palästina durch Juden entgegengearbeitet; erstens, daß der Jude nicht Landmann werden kann; zweitens, daß das Land unfruchtbar ist; drittens, daß es unsicher ist. Diese Vorurtheile sind gänzlich unbegründet. Das eigentliche Hindcrniß der Colonisation liegt in der Thatsache, daß die Regierung ganz entschlossen dagegen arbeitet." — Höchst interessant sind die Mittheilungcn des Herrn Oliphant über die Betrügereien und den Schwindel, der mit den sog. heiligen Stätten und heiligen Reliquien getrieben worden und wird, und welchen selbstverständlich die schnödeste Habgier und der dunkelste Aberglaube zu Grunde liegen. Doch dies ist ein Capitel, das wir an dieser Stelle nicht weiter verfolgen wollen, um so weniger, als wir Juden nicht dabei betheiligt sind. Bor Kurzem, um nur ein Beispiel anzuführen, hat man die Ruinen des alten Sepphoris, des den Juden durch die geschichtliche Erinnerung theueren Platzes aufgewühlt, um unter einem Düngerhaufen die Ueberreste des Hauses zu entdecken, in welchem die Jungfrau Maria vom Engel Gabriel besucht wurde. Die Franziskaner haben zur Ehre der römischen Kirche und zu ihrem eigenen großen Vortheil die Stelle entdeckt und bauen eine Kathedrale darauf. Hierbei ist die französische Regierung mit im Spiele, denn auch die Republik steht nicht an, solche Entdeckungen sich gefallen zu lassen, wenn dadurch die französische Schutzherrlichkeit an Einfluß gewinnt. Für uns erwächst aus alledem die zweifache Ueberzeugung, daß unter ganz besonders günstigen Umständen, namentlich bei sehr reichlichem Zufluß von Geldunterstützungen die jüdische Colonisation im heiligen Lande, jedoch nur in sehr bescheidenem Maße Aussichten hat; und zweitens, daß, wenn erst die türkische Herrschaft aus Palästina geschwunden sein wird, ein erbitterter Kampf der europäischen Mächte über den Besitz oder die Landeshoheit sich erheben wird. Da unterdeß die Niederlassung und Colonisation fast von allen europäischen Völkern gefördert wird, so kann kein europäischer Staat behaupten,, ev habe in Palästina keine Interessen zu vertreten. Auch Preußen hat ein solches, denn es will jetzt, getrennt von England, einen eigenen Bischof in Jerusalem einsetzen und hat bereits einen umfänglichen Grundbesitz in der h. Stadt erworben. Die Engländer und Amerikaner haben noch ältere Ansprüche durch ihre Missionen, Frankreich beansprucht die Schutzherrschaft über alle katholischen Besitzungen im Orient, und Rußland, wie wir gesehen, steigert seinen Einfluß ganz im Stillen und auf dem praktischsten Wege. Welch' ein Zusammenstoß von Interessen und Ansprüchen droht hierdurch! Die Europäer werden das heilige Land nicht mehr dem Islam, wohl aber unter einander sich streitig machen. Deshalb, wenn man die jüdische Colonisation in Palästina fördern will, muß dies recht bald geschehen. Corresponden;. Breslau, 5. Juni. Ordentliche Generalversammlung des Vereins isr. Lehrer in Schlesien und Posen. Am 31. Mai, Abends 81/2 Uhr, wurde die 0. Generalversammlung des Vereins isr. Lehrer in Schlesien und Posen mit freundlichen Begrüßungsworten seitens des Vorsitzenden Herrn vr. Samuelsohn eröffnet. Alsdann schritt man zur Berathung des von Herrn vr. Samuelsohn entworfenen Normallehrplanes für Religionsschulen mit 2 Lehrkräften. An der Debatte betheiligten sich vorzugsweise die Herren vr. Braun-Pleß, vr. Baßfreund-Tarnowitz,vr. Jakobson-Schrimm, Braun-Beuthen. Die Versammlung wurde gegen 10 Uhr geschlossen. Die 2. Versammlung begann am 1. Juni, Vormittags 11 Uhr. Der Vorsitzende erstattete Bericht über den Stand des Vereins. Von 127 Mitgliedern, die der Verein am 14. Juni 1886 zählte, war ein Mitglied ausgeschieden; 9 kamen neu hinzu, so daß der Verein bei Beginn des neuen Geschäftsjahres 135 Mitglieder zählt. Es folgt die Rechnungslegung der Kassenverwaltung; nach eingehender Revision durch die Herren Baß-Neustadt und Alexander-Breslau wurde dem Schrift- und Kaffenführer Herrn vr. C. Seligman von der Versammlung Decharge ertheilt. — Der bisherige Vorstand ward per Akklamation wieder gewählt und nahm dankend die Wahl an. — Hierauf folgte ein Vortrag des Herrn Rabbiner vr. Joel. Derselbe führte in geistreicher Weise aus, wie nicht trotz, sondern infolge der vorgeschrittenen wissenschaftlichen Erforschungen der Bibelkritik wie der Ge-