Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1887)
- Date
- 1887-06-16
- Page
- Seite 380 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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380 auszufülleu nothwcndig ist, um ein höheres Ziel zu erreichen. — Endlich zeigt uns die Wirklichkeit, daß es noch immer unter" den jüdischen Eltern ganze Categorien giebt, welche für den religiösen Unterricht ihrer Kinder keinen Sinn haben und in ihrer religiösen Gleichgültigkeit demselben gar keine oder nur geringe Bedeutung beilegen. Es sind unter diesen allerdings manche, die auf die Erziehung ihrer Kinder überhaupt wenig achten und die Dinge gehen lassen wie sie einmal gehen. Andere jedoch, welche der Erziehung ihrer Kinder viele Beachtung und sorgfältige Bemühung widmen, sehen darauf und bringen viele Opfer dafür, daß sie in allen profanen Wissenszweigen und in allen gesellschaftlichen Künsten und Manieren sorgfältig unterrichtet und „gebildet" werden, den Unterricht in der Religion aber, und besonders in der jüdischen halten sie für überflüssig oder gönnen ihm wenigstens als nebensächlich keine Zeit. Es trifft auf sie zu, was Berthold Auerbach uns einst bemerkte, daß es gegenwärtig nicht wenige Juden gebe, die keine Juden mehr, sondern nur „Nicht-Christen" seien. Also von negativer Seite gehören sie dem Judeuthume noch zu, aber positiv haben sie von ihm und seiner Lehre und der Ausprägung der letzteren in Sitte und Geschichte nichts mehr. Wir wollen hier das Verderbliche solcher religionslosen Erziehung, welche in vielen Fällen eine antireligiöse Erziehung hervorbringt, den Mangel an sicherer Gotteserkenntniß, an sittlichem Halt und moralischer Festigkeit, das Fehlen aller wärmeren Herzensbildung, die Oberflächlichkeit in der Lebensanschauung und die leichtere Hingabe an die menschlichen Leidenschaften, nicht näher schildern, dies Alles ist dem Sachkundigen längst klar und die Beobachtung des wirklichen Lebens giebt warnende Beispiele dafür zur Genüge. Auch haben wir von den Lesern dieser Zeitung die Meinung, daß ihnen die Ansicht darüber nicht erst beigebracht zu werden braucht. — Wir begnügen uns daher heute mit der Auseinandersetzung der Ursachen jener trübseligen Zustände, von welchen wir in jenem kleinen Schulereigniß ein Specimen hatten. Es sind damit die Ziele deutlich vor Augen gestellt, nach welchen alle diejenigen zu streben haben, welche nicht bloß für den Bestand, sondern auch für die segensreiche Wirksamkeit des Judenthums und seine Bekenner ein warmes Herz besitzen. Heber Palästina. Herr Laurence Oliphant ist als ein Freund der Juden bekannt, der vielfach in Rumänien und der Türkei zu ihren Gunsten eingetreten, wenn ihm auch in der letzten Zeit von Einigen Misionszwecke zugeschrieben wurden. Derselbe hat dem heiligen Laude das größte Interesse gewidmet. Er hat dasselbe nach allen Richtungen hin durchreist und durchforscht, verließ die gewöhnlichen Touristenwege und drang in alle Winkel desselben ein. Von der Reise richtete er Briefe an seine Freunde in England, in welchen er seine Erlebnisse und Beobachtungen schilderte und seine Ansichten und Urtheile niederlegte. Diese Briefe sind jetzt erschienen unter dem Titel: „Haifa,, or Life in Modern Palestine. By Laurence Oliphant. William Blackwood & Sons, Edinburgh & London 1887. Diese Schrift ist für Jeden von größtem Werthe, dem es daran gelegen ist, richtige Aufschlüsse über die gegenwärtigen Zustände in Palästina zu erhalten, Aufschlüsse, die von keinem Vortheil, von keiner Voreingenommenheit dictirt oder gefärbt sind. Einige Auszüge daraus werden deshalb willkommen sein. Oliphant hat sich überall umgesehen, ist mit den Eingeborenen und den Colonisten in Verkehr getreten und hat sich mit allen dort befindlichen Glaubensgenossenschaften und Völkerstämmen vertraut gemacht. Nach ihm finden seit 20 Jahren in Palästina bedeutende Fortschritte statt, die jüdische und christliche Einwanderung nimmt von Jahr zu Jahr zu und die Bodencultur verbreitet sich nach allen Seiten. Was wir vor Kurzem nach anderweitigen Berichten ausgeführt, bestätigt unser Vers., nämlich den großen Einfluß, welchen Rußland in Palästina gewonnen und mit bedeutenden Mitteln immerfort ausdehnt. So ist es bemerkenswerth, daß die russische Regierung, welche die jüdische Bevölkerung in Rußland so hart behandelt, sie in Schutz nimmt, sobald sie als Auswanderer im Lande ihrer Väter eintreffen. Bekanntlich hat vor einigen Jahren der Sultan durch einen Erlaß den Juden die Niederlassung in Palästina untersagt. Da war es die russische Regierung, welche, gestützt auf ältere Verträge, sich diesem Erlasse wiedersetzte. So z. B. hat der russische Viceconsul zu Haifa, als die türkische Ortsbehörde die Landung russisch jüdischer Einwanderer verhinderte, dieselben trotzdem ans Land geschafft. Auf diese Weise behält aber auch die russische Diplomatie die Gelegenheit, sich in die politischen Verhältnisse des Landes einzumischen, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn der Sultan von Anfang an die Annahme der türkischen Nationalität von den jüdischen Ankömmlingen verlangt hätte, worauf diese nach der Behandlung, die sie in ihrem Vaterlande erfahren, willig eingegangen wären. Außerdem befördert Rußland die Pilgerschaft und Niederlassung russischer Christen in großem Maßstabe und besteht dafür in Petersburg eine mit reichen Mitteln ausgestattete Casse. Ueberall erheben sich russische Gebäude zur Aufnahme und Beköstigung von Pilgern, Krankenhäusern, Kirchen und Kapellen. Namentlich ist es Jericho, das durch die Russen von Neuem erblüht, wozu die russische Regierung die Vorliebe ihrer Unterthanen, sich im Jordanwasser zu waschen, benutzt hat. Sie hat ein sehr stattliches Gebäude an diesem verödeten Platze für die Pilger errichtet stind um dasselbe erstanden schmucke Häuschen und fruchtbare