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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-16 · Heft 24 (16.6.1887) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 24 (16.6.1887)
Date
1887-06-16
Page
Seite 378 (sequence 10)
Language
German
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378 ist völlig unwahr, und dabei höchst unklug, denn wenn eine so große Nation sich wirklich „in den Kloaken des Antisemitismus wälzte", so wäre dies ein schlimmes Zeugniß gegen uns Juden. Bon Anfang an haben sich die hervorragendsten deutschen Männer gegen den Antisemitismus erklärt; mit sehr unbedeutender Ausnahme ist in Deutschland nichts gegen die Juden vorgefallen; die Antisemiten sind bei den Wahlen, die durch das allgemeine Stimmrecht geschehen, selbst die Führer mit Ausnahme Stöcker's, wiederholt durchgefallen, und sie haben es bei uns in den Parlamenten nicht einmal zu einem Anträge gebracht. Man höre also auf, das deutsche Volk mit den Antisemiten zu identificiren! — Die zweite Schrift betitelt sich: „Symptome der Antisemitischen Geisteskrankheit von Llsä. vr. K. Lippe." (Jassy, Goldner 1887.) Die Schrift ist aus mehreren Abhandlungen zusammengesetzt. Die erste „Die Jrrthümer eines Philosophen", läßt die Schrift E. v. Hartmann's „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft", eine kritische Musterung passiren. Mit der ihm eigenen Wärme und Scharfsichtigkeit deckt er das Benehmen und die Methode des junkerlichen Denkers auf, der seine Borurtheile und seine schlechte Logik mit mancherlei Schein und sophistischem Nebel zu verdecken sucht. Interessanter für uns, da jene Schrift Hartmanns in Deutschland schon der Vergessenheit anheimgefallen, ist die zweite Abhandlung „Polnische Zukunftsprogramme und die Juden" und die vierte: „Eine Verschwörung der Juden in Galizien gegen die Polen, angezettelt von der Allianz in Wien." Man ist bei den Polen an Extravaganzen gewöhnt, beruht doch ihr ganzes Dasein noch auf solchen; man weiß auch hinreichend, daß sie in Galizien die Alleinherrschaft führen und Juden, Ruthenen und Deutsche unterdrücken, überhaupt die polnische Aristokratendespotie über das gesammte Volk, ihr eigenes, von ihnen verachtetes Volk eingeschlossen, Herstellen wollen. Die Uncultur des letzteren und die Hinneigung des jetzigen österreichischen Ministeriums flößen ihnen die Hoffnung ein, diese i Ziele zu erreichen. Ob dies zum Heile der polnischen Aristokraten gereichen würde, ob sich schließlich nicht die Scenen von 1846 wiederholen möchten, das kümmert diese leidenschaftlichen Menschen nicht. Was giebt aber mehr Zeugniß für ihre lächerliche Verblendung als die Wiener Allianz, welche bekanntlich lediglich nach der Verbesserung des jüdischen Schulunterrichtes strebt, weil sie zu diesem Zwecke einen Fond von etwa 30,000 Gulden gesammelt hat, zu bezichtigen, eine Verschwörung zu beabsichtigen, um den Juden die Herrschaft von Galizien zu verschaffen!!! So zu lesen in polnischen Organen. Uns will bedünken, daß die Polen keinen stärkeren Beleg für ihre innere Schwäche und für ihren Mangel an Vertrauen auf sich selbst geben können, als solche Hirngcspinnste ernsthaft auf den Markt zu bringen und zu meinen, daß man mit 30,000 Gulden ihre Herrschaft in Galizien Umstürzen könne. Daß vr. Lippe diesem Unsinn kräftig zu Leibe geht, brauchen wir wohl nicht hervorzuheben. In einem Anhang handelt er noch über Barjoni, Minim, Effäer, in welchen er die Väter der Christen sieht, und Apostaten. Beide Schriften sind der Aufmerksamkeit unserer Leser empfohlen. — Als erster Kalender für das Jahr 5648 ist uns der „Jllustrirte israel. Volkskalender von Jacob. L. Brandeis (7. Jahrgang) Prag, 1887", zugekommen. Er bringt recht gute Porträts und mit vieler Wärme und in schwungreicher Sprache verfaßte biographische Skizzen des Redacteurs dieser Zeitung und des vr. Jellinek. Außer den umfänglichen Beigaben, die zu einem Kalender gehören, enthält das gut ausgestattete Buch eine „Jahresrevue 1886", eine Erzählung von S. Kohn „Tefilin" und kleinere Aufsätze. — Ihm folgte kurz darauf der „Jllustrirte israel. Volkskalender" von Jacob W. Pascheles (36. Jahrgang, Prag 1888. Eine historische Skizze „Die Juden in Böhmen", „Prager Ghettogeschichten" von Bernhard Auerbach und eine Biographie des Rabbi Samuel Josef Finn und dessen herzlich schlecht ausgeführtes Porträt bilden den Inhalt des Kalenders. — Hierzu gesellt sich „Annuaire des Archives isräelites pour l’an du monde 5648 par H. Prague (4. annee). Paris“. Außer dem Kalender und einem Verzeichniß aller jüdischen Gemeinden und ihrer Cultusbeamten in Frankreich, Algerien, Elsaß-Lothringen, Belgien und der Schweiz enthält das hübsch ausgestattete Heft einen Rückblick auf das verflossene Jahr und kleine Aufsätze, wie „ein Te Deum in der Synagoge 1811", „Der Tempel und das Theater" u. s. w. Unter den Gemeinden in der Schweiz vermißten wir St. Gallen mit dem Rabbiner vr. Engelbert. Die jüdische Bevölkerung von Belgien wird hier auf 5000 Seelen, der Schweiz auf 4000 angegeben. In beiden Ländern hat sie sich also in den letzten Jahrzehenden sehr vergrößert. — Pest, 4. Juni. (Literarische Notizen.) hy '"tn minn. Der Raschi-Commentar zu den fünf Büchern Moses, vollständig ins Deutsche übersetzt mit beigedrucktem Bibeltexte in einem Bande von Julus Dessauer, einer. Rabbiner rc. Budapest 1887. Im Selbstverläge des Verfassers. Der Raschi-Commentar zum Pentateuch hat durch seine Einfachheit und Kürze, sowie durch die häufig mitempfohlenen Midraschim eine solche Popularität und Beliebtheit im jüdischen Volke gewonnen, daß kein anderer Commentar ihn zu verdrängen im Stande war, dabei ist er noch heute ein unentbehrlicher Schlüssel zum richtigen Verständniß der heiligen Schrift. Der beste Beweis für die Beliebtheit, welche der Raschi-Commentar noch heute genießt, ist auch darin zu finden, daß die deutsche Nebersetzung, welche vor bald einem halben Jahrhundert L. Dukes und später der Verfasser des vorliegenden Buches davon veranstalteten, vergriffen ist, so daß der letztere sich veranlaßt sah, eine neue vollständige

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