Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1887)
- Date
- 1887-06-16
- Page
- Seite 376 (sequence 8)
- Language
- German
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376 Pest, 5. Juni. (Privatmitth.) Moritz Wahrmann, der seit fast zwei Decennien Reichstagsabgeordneter des hauptstädtischen fünften Bezirks (Leopoldstadt) ist und sich um das Land die wesentlichsten Verdienste erworben hat, wurde gestern von demselben Bezirke einstimmig zum Abgeordnetencandidaten proclamirt. Sein gestriger Rechenschaftsbericht, aus scharfer Beobachtung und klarem Denken hervorgegangen, ist eine bedeutende politische Enunciation. Pest, 6. Juni. In Czegled sollte der Antisemit Verhovay seine Programmrede für die Wahlen halten; als Vorläufer davon erhielten alle wohlhabenden Juden Drohbriefe, binnen 14 Tagen die Stadt zu verlassen, sonst werde ihnen der rothe Hahn auf's Dach gesetzt werden. Nachts wurde der Laden eines jüdischen Bewohners beraubt. In Folge dessen hat der Bürgermeister von hier Militär requirirt, welches gleichzeitig mit Verhovay in Czegled eintraf. Der Bürgermeister machte Berhovay für jede Ruhestörung verantwortlich und drohte mit sofortiger Verhaftung, eventuell Niedermachung bei der ersten Aufreizung. Diese brutale Sprache wirkte. Verhovay sprach zum Volk in Gegenwart des Militärs. Die Ruhe wurde nicht weiter gestört, bloß dem Commandanten der Husaren-Eskadron wurden die Fenster eingeschlagen. (In Ungarn bringen die Wahlen zum Abgeordnetenhause stets eine große Erregung hervor und die niedere Bevölkerung ist immer zu Tumulten bereit, namentlich wenn es Aufwiegler aus der sog. besseren Classe giebt.) Rußland. Petersburg, im Juni. Eine statistische Angabe für das Jahr 1886 bezeugt, welchen großen Umfang das Universitätsstudium der Frauen in Rußland gewonnen hat, aber auch, daß jüdische Frauen in unverhältnißmäßiger Zahl daran betheiligt sind. Im gedachten Jahre studirten an den sämmtlichen russischen Universitäten 779 Frauen, und zwar hiervon 587 griechisch-orthodoxe und 139 Jüdinnen, die letzteren also etwas mehr als ein Sechstel der Gesammtheit, während die jüdische Bevölkerung in Rußland den 30. Theil der Gesammteinwohnerschaft beträgt. 9hmtcintctt. Bukarest, 5. Juni. (Privatmitth.) Der zwischen Oesterreich-Ungarn und Rumänien abgeschlossene Vertrag ist seinem Wörtlaute nach noch immer nicht bekannt. So viel die Zeitungen mittheilen, soll es den bisherigen österreichischen Schutzbefohlenen gestattet sein, bis zum 1. Januar 1888 zwischen den beiden Ländern zu optiren. Der rumänischen Regierung steht es dann frei, diejenigen auszuweisen, die nicht für Rumänien optiren. Am schwersten fällt, wie man leicht einsehen kann, das Gewicht dieses Vertrages auf die jüdischen Oesterreicher, deren Zahl in Rumänien ca. 70,000 Seelen betragen soll. Sie werden dadurch den Parias gleichgestellt, d. h. den rumänischen Juden, die alle Verpflichtungen des Bürgers und noch einige mehr tragen, dagegen kein Recht desselben besitzen und zahlreichen Vexationen ausgesetzt sind. Es ist dieser Schlag von österreichischer Seite nichts weiter als eine Vollendung des Verfahrens dieser Regierung gegen ihre jüdischen Unterthanen in Rumänien. Es begann mit jenem Handelsverträge, welcher die österreichischen Juden in Rumänien von den Wohlthaten des Vertrages ausschloß. Dann kam die Anerkennung der Selbständigkeit Rumäniens, bevor die Bedingung des Berliner Vertrages zu Gunsten der Juden erfüllt war. Jetzt nun das Aufgeben des Schutzes für dieselben jüdischen Oesterreicher in Rumänien. Und warum dies Alles? Offenbar um sich die Geneigtheit der Rumänen zu verschaffen und den rusischen Einfluß zu paralysiren. Wie weit die Dankbarkeit der Rumänen geht, haben diese vor Kurzem erst in dem Zollkriege gegen Oesterreich bewiesen, und wahrscheinlich wird Oesterreich noch mehr davon erleben. So wie bei der Anerkennung der rumänischen Souveränetät das Vorangehen Oesterreichs die Nachfolge der Großmächte herbeiführte, so wird dies auch hinsichtlich des Aufgebens des Schutzrechtes der Fall sein. Die Wirkung hiervon wird jedoch für unseren Glaubensgenossen so gut wie gleichgültig sein. Es befinden sich in Rumänien nicht mehr als ca. 800 Deutsche, von welchen sehr wenige Juden sind. — Schweden. Stockholm, im Mai. (Privatmitth.) Es dürfte auch in weiteren Kreisen von Interesse sein, zu erfahren, mit welch' großem Erfolge unser Rabbiner Herr vr. Klein ebenfalls nach außen hin zur Hebung des Judenthums wirksam ist. In den letzten zwei Semestern hielt derselbe an der Universität zu Upsala regelmäßig Vorträge über die Wissenschaft des Judenthums. Unter den Zuhörern befand sich eine Anzahl christl. Theologen und Professoren der semitischen Philologie. Bei dem letzthin stattgefundenen Terminsabschluß erhob sich Herr Prof. Rudin, einer der hervorragendsten Professoren der Theologie, und dankte Hrn. vr. Klein im Namen aller Zuhörer. „Ihre gediegenen Vorlesungen", fügte er hinzu, „haben uns eine Welt erschlossen, die uns früher fremd gewesen, ihnen verdanken wir die Erkenntniß der hohen sittlichen Bedeutung des nachbiblischen Judenthums". Herr vr. Klein erwiderte, daß es ihm zur großen Befriedigung gereiche, wenn es seinen Vorträgen gelungen sei, langgehegte Vorurtheilc zu verscheuchen und die so oft mißverstandenen